Netzwerk der Freundschaft mit den verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinden geschaffen (Erster Teil)

Gespräch mit Kardinal Kurt Koch im Blick auf die Gebetswoche für die Einheit der Christen

Vatikanstadt, (ZENIT.org) José Antonio Varela Vidal | 1192 klicks

Am Freitag, dem 18. Januar, beginnt die Gebetswoche für die Einheit der Christen, die am 25. Januar enden wird. Zum Abschluss der Gebetswoche wird Papst Benedikt XVI., wie jedes Jahr, in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern zusammen mit den Oberhäuptern der wichtigsten christlichen Kirchen die Vesper feiern. Das gemeinsame Ziel ist es, auf dem Weg der Einheit aller Christen voranzuschreiten. Veranstaltungen zur Gebetswoche für die Einheit der Christen können auch in den einzelnen Diözesen, Pfarreien, Seminaren usw. stattfinden oder überall dort, wo christliche Kirchen verschiedener Konfessionen einen Dialog aufbauen wollen, um sich zu treffen und gemeinsam zu beten. Diese Initiativen haben ihren Ursprung schon im 19. Jahrhundert und wurden damals von der anglikanischen Kirche ins Leben gerufen. In jüngerer Zeit wurden sie besonders stark vom Heiligen Stuhl vorangetrieben, der eng mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zusammengearbeitet hat, um jedes Jahr ein Leitthema auszusuchen und Ansätze zu Gebet und Meditation zu geben.

Seitens der katholischen Kirche ist der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen damit beauftragt, diese wichtige Initiative zu unterstützen. Aus Anlass der diesjährigen Gebetswoche traf ZENIT den Präsidenten dieses Dikasteriums, den Schweizer Kardinal Kurt Koch, der auch Beauftragter des Heiligen Stuhls für den Dialog mit dem Judentum ist. Wir veröffentlichen das Interview in einer eigenen Übersetzung aus dem Italienischen.

ZENIT: Eminenz, wie ist die Gebetswoche für die Einheit der Christen entstanden?

Kardinal Koch: Der Ursprung dieser Veranstaltung liegt schon im 19. Jahrhundert. Damals handelte es sich um eine ökumenische Initiative der Anglikaner, die von der katholischen Kirche schon mit Papst Leo XIII akzeptiert wurde. Mit der Zeit wurde die Gebetswoche für die Einheit der Christen in der katholischen Kirche immer populärer. Heute handelt es sich um die wichtigste ökumenische Veranstaltung im Jahr, denn das Gebet für die Einheit aller Christen ist die Basis der Ökumene. Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Ökumene spricht von der „geistlichen Ökumene“ als dem Herzen dieser Einheit.

ZENIT: Wie viele christliche Kirche folgen diesem Aufruf zum Gebet?

Kardinal Koch: Die Vorbereitungen für die Gebetswoche machen wir in Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen, und ich glaube, dass viele Kirchen und Glaubensgemeinden an dieser Gebetswoche teilnehmen, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich alle sind.

ZENIT: Was den ökumenischen Dialog betrifft, läuft die Veranstaltung in diesem Jahr unter dem Motto „Mit Gott gehen“. Was ist das wichtigste Ergebnis der Bemühungen dieser letzten Jahre?

Kardinal Koch: Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen besteht seit 50 Jahren, das heißt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. In dieser Zeit sind viele Früchte gereift. Heute unterhalten wir einen Dialog mit 16 christlichen Kirchen und Glaubensgemeinden weltweit. Wir haben ein Netzwerk der Freundschaft mit den verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinden geschaffen, die sich gegenseitig nicht mehr als Feinde, sondern als Brüder und Schwestern betrachten, besonders in der Taufe, die unser wahres gemeinsames Fundament ist.

ZENIT: Das alles ist aber noch nicht genug, nicht wahr?

Kardinal Koch: Die gegenseitige Anerkennung der Gültigkeit der Taufe ist das Fundament der ökumenischen Bestrebungen. Aber selbstverständlich kann man nicht erwarten, dass das Ziel dieser Bestrebungen, nämlich die sichtbare Einheit aller Christen, aller Kirchen, schon nach 50 Jahren erreicht sein könnte.

ZENIT: Gibt es auch eine kulturelle Annäherung?

Kardinal Koch: Ich glaube, es gibt große Unterschiede in der Art der ökumenischen Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen, besonders den orientalischen, einerseits, und zu den verschiedenen reformierten Kirchen andererseits. Mit allen orientalischen Kirchen verbindet uns ein starkes gemeinsames Fundament im Glauben, aber unsere Kulturen unterscheiden sich. Mit den reformierten Kirchen haben wir keine ebenso starke gemeinsame Glaubensbasis, dafür gehören wir demselben Kulturkreis an. Dieser Unterschied ist für die Inhalte des Dialogs sehr wichtig.

ZENIT: Und das gilt auch für die Liturgie…

Kardinal Koch: Für uns Katholiken besteht die Möglichkeit des gemeinsamen Gebets mit allen Christen, auch mit den Orthodoxen, auf der Basis der Taufe, deren Gültigkeit wir anerkennen. Ich war zum Andreasfest in Konstantinopel und habe dort schon mehrmals an der Liturgiefeier teilgenommen, wobei die Patriarchen mich immer sehr gut aufgenommen haben. Einige orthodoxe Gläubige erwecken jedoch den Eindruck, dass sie nicht mit Katholiken zusammen beten wollen…

ZENIT: Was wäre die richtige Einstellung zum Thema der Religionsfreiheit, unter deren Fehlen heute so viele Christen leiden?

Kardinal Koch: Ich denke, dass die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Recht des Menschen auf Religionsfreiheit sehr wichtig ist. Sie beinhaltet eine große Aufgabe für unsere Kirchen, um das Recht auf freie Religionsausübung der Christen in allen Ländern der Welt zu fördern und zu unterstützen. Es handelt sich um eine große Herausforderung, weil gut 80 Prozent aller Menschen, die irgendwo auf der Welt aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden, Christen sind.

ZENIT: Nicht wenige werden wegen ihres Glaubens getötet oder zu lebenslanger Haft verurteilt…

Kardinal Koch: In diesem Zusammenhang sprach der selige Papst Johannes Paul II. von einer „Ökumene der Märtyrer“. Für mich ist das ein sehr tiefgründiger Gedanke, weil alle christlichen Glaubensgemeinden ihre Märtyrer haben. Diese Märtyrer besitzen bereits, wie Johannes Paul II. gesagt hat, die „vollkommene Einheit“, die uns auf der Erde noch fehlt. Deshalb kann das Gebet mit den Märtyrern des Himmels helfen, die Einheit der Ökumene auf der Welt zu stärken.

[Der zweite Teil des Interviews mit Kardinal Koch erscheint morgen, am 18. Januar]