Netzwerk der Freundschaft mit verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinden geschaffen (Zweiter Teil)

Gespräch mit Kardinal Kurt Koch im Blick auf die Gebetswoche für die Einheit der Christen

Vatikanstadt, (ZENIT.org) José Antonio Varela Vidal | 1088 klicks

Der erste Teil der deutschen Fassung des Interviews mit Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, wurde am 17. Januar veröffentlicht.

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ZENIT: Bereiten nicht gewisse Entscheidungen der anglikanischen Kirche, die faktisch ihre Entfernung zu Rom vergrößern, Sorgen?

Kardinal Koch: Unser Ziel ist es, eine Einheit aller Christen in Bezug auf die Glaubensinhalte, die Sakramente und das Priesteramt herbeizuführen. Wenn die Anglikaner alles, was mit dem Priesteramt zu tun hat, tiefgreifend verändern, ist das selbstverständlich auch für uns eine große Herausforderung. Zumal diese Veränderungen auch innerhalb der anglikanischen Kirche große Spannungen hervorrufen. Wir wollen und müssen dazu beitragen, dass die Anglikaner ihre innere Einheit wiederfinden, aber natürlich nur, wenn die Anglikaner unsere Hilfe nicht ablehnen.

ZENIT: Ein weiteres Thema, das Besorgnis erregt, ist die starke Säkularisierung Europas, aber auch anderer Teile der Welt. Wie sollten die christlichen Kirchen diesen Bewegungen begegnen, die Gott aus dem öffentlichen Leben verdrängen wollen?

Kardinal Koch: Als erstes sollten die Christen in Europa sich bewusst werden, welche Rolle sie in dieser Entwicklung gespielt haben. Denn die Reformation hat Schisma und Trennung nach sich gezogen und die Trennung zahlreiche Konfessionskriege. Ich denke, dass diese Trennung und diese Kriege dazu geführt haben, dass in Europa Religion nicht mehr als das Fundament der Einheit der Gesellschaft, sondern als die Wurzel aller Konflikte betrachtet wurde. In diesem Sinn musste die moderne Gesellschaft ein neues Fundament für ihre soziale Einheit finden; etwas, das von der Religion unabhängig ist.

ZENIT: Was Sie sagen, erklärt rückblickend vieles…

Kardinal Koch: Die Lehre, die wir aus dieser Geschichte ziehen müssen, ist, dass das Christentum erst zu seiner Einheit zurückfinden muss, wenn es der europäischen Gesellschaft helfen möchte, ihre religiöse und transzendentale Dimension wiederzuentdecken. Die Ökumene ist unsere große Herausforderung gegen die stark säkularisierte Lage in Europa, denn nur eine einheitliche Stimme aller Christen kann helfen, die grundlegenden christlichen Werte in der Geschichte Europas wiederzuentdecken.

ZENIT: Welche Antwort haben andere christliche Kirchen auf das von der katholischen Kirche entworfene Projekt der Neuevangelisierung gegeben?

Kardinal Koch: Die Neuevangelisierung muss eine ökumenische Dimension besitzen, denn es ist klar, dass es die Absicht Jesu war, eine einheitliche Kirche zu gründen, damit die ganze Welt glaube. Die Glaubwürdigkeit der Verkündung des Evangeliums hängt von der Einheit der Kirche ab. Ich habe verschiedene ökumenische Partner, die von dieser Initiative begeistert sind; andererseits gefällt sie manchen auch nicht. Es ist sehr wichtig, alle ökumenischen Partner zu ermutigen, die Herausforderung der Neuevangelisierung anzunehmen.

ZENIT: Welche Kirchen begeistern sich am meisten für dieses Projekt ?

Kardinal Koch: Dazu muss ich sagen, dass es heute in der Ökumene eine Trennung in zwei Lager gibt, die quer zu den Konfessionsgrenzen verlaufen. Auf der einen Seite gibt es eine liberale Vision der Ökumene zwischen Katholiken und Reformierten. Auf der anderen Seite gibt es das Bestreben, die Grundlagen des Glaubens in den katholischen und in den reformierten Gemeinden zu vertiefen. In dieser zweiten Gruppierung ist die Neuevangelisierung eine große Herausforderung.

ZENIT: Welche Pläne verfolgt Ihr Dikasterium zur Zeit?

Kardinal Koch: An erster Stelle wollen wir uns in diesem Jahr des Glaubens mit der Frage nach den Grundlagen des Glaubens in der Ökumene beschäftigen, denn die Ökumene ist keine diplomatische oder politische Angelegenheit, sondern eine Frage des Glaubens. Wir müssen unseren gemeinsamen Glauben und unser gemeinsames Glaubensbekenntnis wiederentdecken und die gemeinsamen Ziele der Ökumene wieder in den Vordergrund rücken. An zweiter Stelle steht die Frage nach der Spiritualität und den geistigen Wurzeln der Ökumene und der Einheitsbestrebungen.

ZENIT: Was müsste Ihrer Meinung nach die richtige Einstellung eines Katholiken zu den Gläubigen anderer christlicher Konfessionen sein?

Kardinal Koch: Ich glaube, der Gedanke des seligen Papstes Johannes Pauls II., wonach die Bestrebungen für die Ökumene nicht nur ein Meinungsaustausch, sondern auch ein „Gabenaustausch“ sind, ist sehr wichtig. Jede christliche Kirche besitzt eigene Schätze in ihrer Glaubenstradition. Deshalb dürfen wir keine Angst vor der Ökumene haben, denn sie kann uns nur bereichern. Meine persönliche Erfahrung ist, dass ich, seit ich mich mit der Ökumene befasse, viel katholischer geworden bin. Denn ich sehe deutlicher die großen Vorzüge unserer Kirche, besonders das große Geschenk, das uns mit dem Papsttum zuteil wurde, mit dem Vorrang des römischen Bischofs, der unserer Kirche ein Zentrum zu ihrer Einheit gibt. Das ist ein großer Vorteil.

ZENIT: Eine große Vision, in gewisser Hinsicht…

Kardinal Koch: Papst Pius XII. sagte, die Ökumene sei eine Idee des Heiligen Geistes. Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sind ebenfalls überzeugt, dass die Ökumene ein Geschenk des Heiligen Geistes ist. Wir müssen unsere Herzen offen halten, um dieses Geschenk zu empfangen, und aufmerksam zuhören, was der Heilige Geist uns in der heutigen Lage der Ökumene zu sagen hat.

Information zur Teilnahme an der Gebetswoche für die Einheit der Christen gibt es hier.