Neu beginnen

Impuls zum 1. Adventssonntag

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 495 klicks

Das ewige “Stirb und werde”, von dem der Dichter spricht, es vollzieht sich alljährlich besonders sinnfällig in der Natur. Das ist jedem so geläufig, dass man normalerweise kein Wort darüber verliert. Im Herbst vergeht die Natur, im Winter stirbt sie ganz. Dann aber – o Wunder – im Frühling lebt sie wieder auf, blüht und entfaltet sich in allen Richtungen und trägt im Sommer vielfältige Frucht.

Mehr als einmal verwendet der Herr Beispiele aus dem Leben der Natur, um etwas Geistiges zum Verständnis zu bringen. Er vergleicht das Reich Gottes mit einem kleinen Senfkorn, das zu einem großen Baum heranwächst. Oder mit einem Fischfang.

Beim Vergleich mit dem Fischfang wird unmittelbar deutlich, dass das natürliche Geschehen von ungeahnter Bedeutung werden kann, wenn die Gnade Gottes ins Spiel kommt. Man denke an den reichen Fischfang Petri, der jede natürliche Erwartung weit übertrifft.

In einem noch äußerst gesteigerten Ausmaß sehen wir das bei dem großen natürlich-übernatürlichen Geschehen, von dem der Herr im Evangelium des 1. Adventssonntags spricht. Die ganze Natur gerät in Aufruhr, da sie ihren Untergang nahen sieht.

“In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“ (Mt 24,29).

Von einem Neubeginn ist da zunächst nicht die Rede. Es ist das Ende der Welt, das Jesus ankündigt.

„Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“ (Mt 24,30).

Spätestens dann sind alle Chancen, die der Herr den Menschen ständig gibt, damit sie sich ihm zuwenden, vorbei. Vorbei die Möglichkeit, die Gebote Gottes ernst zu nehmen, und darin schon einmal auf Erden seinen Frieden zu finden. Vorbei die Gelegenheit, die Mahnrufe der Kirche, die man, geistreich wie man ist, gerne durch den Kakao zieht, zu befolgen. Vorbei die schier grenzenlose Barmherzigkeit Gottes, die gerade durch die letzten drei Päpste so außerordentlich stark herausgestellt worden ist.

„Quid sum miser tunc dicturus?“ (aus dem ‚Dies irae’), was soll ich Armer dann sagen?

Eine Drohbotschaft?

Keineswegs. Wer diese Worte Jesu so empfindet, hat Gott nie wirklich ernst genommen. Es gefällt uns natürlich, die liebenswürdige Güte Jesu zu erfahren. Aber das ist ja das Wunderbare: seine Güte stammt nicht aus einer kraftlosen Weichheit, sondern im Gegenteil aus seiner göttlichen Stärke. Gerade weil er unendlich machtvoll ist, kann er barmherzig und gleichzeitig glaubwürdig sein. Kann er uns mit Liebe überschütten und gleichzeitig fordern.

Wenn wir jetzt zu Beginn der Adventszeit noch einmal die Worte vom Ende hören, soll uns das nicht erschrecken und gar nicht von der Vorfreude auf Weihnachten abhalten. Im Gegenteil, wir sollen sehen: Christus fordert manchmal viel, aber niemals mehr als wir erfüllen können. Er fordert manchmal viel, weil es uns gut tut. Immer schenkt er uns seine unendliche Liebe, auch dann noch, wenn wir nicht darauf eingehen. Was soll ein allmächtiger Gott denn noch mehr tun?

Und doch ist das der Fall. Der allmächtige Gott tut immer noch ein übriges. Eigentlich müssten die Worte Abrahams im Gleichnis vom armen Lazarus genügen: „Sie haben Mose und die Propheten“ (Lk 16,29), sie brauchen keine zusätzlichen Wunder. Aber da das wegen der Schwäche und Bosheit der Menschen doch nicht genügte, ist Gott selber gekommen, Mensch geworden, hat für uns gebüßt und hat uns die Erlösung in Form der Sakramente zur Verfügung gestellt. Für sehr viele genügt das anscheinend auch noch nicht.

Soll sich Gott nun erzürnt von den Menschen abwenden? Er tut es nicht „Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf!“ (vgl. Hos 11,1-4)

Und nachdem Jesus den Menschen nicht nur viel, sondern alles gegeben hat, nämlich sich selbst im Sakrament der Eucharistie, tut er noch ein Weiteres, er schenkt uns das, was ihm selbst das Liebste ist, seine Mutter Maria. Wieder geschieht das gleiche. Viele nehmen das dankbar an, sehr viele aber sagen auch hier wieder „Nein danke!“.

In diesen ersten Tagen des Advent steht neben Johannes dem Täufer besonders Maria vor unseren Augen. Am Hochfest der Unbefleckten Empfängnis (diesmal am 9. nicht am 8. Dezember) feiern wir die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria als das Meisterwerk des Schöpfers, als die ‚Frau’, die schon im Buch Genesis als Mutter des Heilsbringers angekündigt wurde. In manchen Gemeinden hat man die Anregung des hl. Josefmaria aufgegriffen und feiert an neun aufeinander folgenden Tagen eine Gebets- oder Predigtnovene zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis.

Rufen wir ihre Fürsprache an – am Ende wie am Anfang! 

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).