Neue Zukunftsperspektiven für Sierra Leone

Interview mit Christiana Thorpe, der leitenden Wahlbeauftragten

| 1073 klicks

FREETOWN (Sierra Leone), 12. September 2007 (ZENIT.org).- Am 11. August erfolgten die ersten Wahlen in Sierra Leone seit dem Abmarsch der UNO-Friedenstruppen, ohne dass der 11-jährige Krieg, der das Land seit 1991 plagte, wieder aufflammte.



Am 8. September fand nun die Stichwahl zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten Ernest Koroma und Solomon Berewa statt, nachdem keiner der sieben Kandidaten in den ersten Wahlen die notwendige Mehrheit erzielen konnte. Die Ergebnisse werden in eineinhalb Wochen erwartet.

Vereinzelt wurde von Übergriffen berichtet; eine Ausgangssperre wurde verhängt. Der aus dem Amt scheidende Präsident Ahmed Tejan Kabbah hatte die Verhängung eines Ausnahmezustands angedroht, um weitere Konflikte untern den Anhängern der beiden Kandidaten zu verhindern. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass die von Erfolg gekrönten Wahlen des Vormonats ein Zeichen für den Eintritt des westafrikanischen Landes in die zivilisierte Welt sind.

Christiana Thorpe, leitende Wahlbeauftragte, rückte zum ersten Mal als Kultusministerin ins Rampenlicht. Sie führte ein neues Bildungssystem ein und tat sich als Anwältin für die Förderung von Frauen und der Bildung von Mädchen hervor. Ferner ist Thorpe eine praktizierende Katholikin, die täglich die Heilige Messe besucht.

In diesem Interview sprach sie mit ZENIT über die Wahlen und die Zukunftsaussichten Sierra Leones.

ZENIT: Was halten Sie von Ihrer Ernennung zur leitenden Wahlbeauftragten, als die erste Frau in dieser Position?

Thorpe: Ich nehme sie als eine Herausforderung und versuche jeden Tag ihren Ansprüchen gerecht zu werden.

ZENIT: Welchen Schwierigkeiten sind Sie begegnet, und welche Erfolge haben Sie erzielt?

Thorpe: Für viele Menschen bestehen Wahlen allein darin, eine Stimme abzugeben. Das ist aber nicht alles. Die Stimmenabgabe steht lediglich am Ende einer Reihe von vorhergehenden Aktivitäten und Verpflichtungen.

Um Wahlen zu haben, muss man Grenzen setzen, eine Volkszählung durchführen, eine Wählerregistrierung mit Listen vornehmen, die genauestens überprüft werden, und eine Erziehung der Wähler abwickeln.

Ferner muss man Leute professionell heranbilden, die die Wahlen leiten, und die Wahllokale einrichten.

Die zur Wahl stehenden Kandidaten müssen nominiert und akkreditiert werden und brauchen eine bestimmte Zeitspanne für ihre Kampagne, um die Wähler überzeugen zu können. Diese Vorbereitungen beanspruchen viel Zeit und erfordern großen Arbeitsaufwand.

Wir haben alles getan, um den internationalen Standards gerecht zu werden. Wir kommen gerade aus einem Krieg und bedürfen der internationalen Hilfe in vielen Dingen, um voranschreiten zu können.

Wenn die Wahlen also nicht den internationalen Richtlinien entsprächen, würden wir die Hilfe und Unterstützung, die wir suchen, nicht erhalten.

ZENIT: Was können Sie uns über die politische Mündigkeit von Sierra Leone sagen?

Thorpe: Wir erreichen sie gerade. Es bedarf ausgeprägter Wahlerziehung in allem, was den Wahlprozess angeht.

Sowohl vor den Wahlen als auch nach den Wahlen sollten Maßregeln aufgestellt werden. Die Kommission ist dazu bereit, die Menschen weiterhin darüber zu informieren, was der demokratische Prozess beinhaltet.

Der demokratische Prozess beinhaltet keine Gewalt, keine Schimpfworte. Er ist kein Konkurrenzkampf, im negativen Sinn des Wortes. Vielmehr ist er eine Wahl von Personen, die uns vertreten werden und uns auf internationaler Ebene führen werden, damit auch wir zu den zivilisierten Nationen zählen.

ZENIT: Sie setzen sich sehr für die Förderung der Frauenrechte ein. Warum spielt sie in Ihrem Land eine so große Rolle?

Thorpe: Weil ich mich stets seit meiner Kindheit für die Bildung von Frauen und Mädchen interessiert habe. Ich denke, dass Gott mich auf diesen Pfad geführt hat.

Wo auch immer ich hin kam, habe ich mich mit Entwicklungsangelegenheiten und Angelegenheiten behinderter Personen befasst – besonders hinsichtlich [der Förderung von] Frauen und Mädchen.

Und da ich eine natürliche Neigung zum Lehren – zur Bildung im Allgemeinen – habe, hat es mir allezeit Spaß gemacht, Informationen zu vermitteln. Ich mag es, wenn Menschen worüber auch immer aufgeklärt werden. Ich denke, ich kann in diesem Bereich mein bestes geben.

ZENIT: Das Forum für die Bildung Afrikanischer Frauen („Forum for African Women's Education“, FAWE) ist ein großer Erfolg in Sierra Leone. Wie hat es begonnen?

Thorpe: Ich begann mit FAWE im Jahr 1995 als ich als Kultusministerin einer Konferenz in Genf beiwohnte, wo ich die leitenden Mitglieder von FAWE aus Nairobi kennen lernte.

Sie haben mir diese Idee vorgestellt. Es ging im Grunde darum, Frauen in ganz Afrika zur Bildung zu verhelfen. Der Analphabetismus in Afrika betrug zu jener Zeit 70 Prozent.

Ich sah, dass die Ideale, für die sie eintraten, meinen Interessen entsprachen, und so fasste ich die Gelegenheit beim Schopf.

Als ich im März 1995 zurückkehrte, war es mir möglich, gleichgesinnte Frauen zu finden – 21 an der Zahl –, und wir begannen, die Organisation [in Sierra Leone] aufzubauen.

Sie war sehr erfolgreich und während des Krieges besonders nützlich, als wir Tausenden von Mädchen zur Hilfe eilen konnten, die in dem Gemetzel brutal gelitten hatten.

Die Frauen, die geschändet worden waren, brauchten etwas, das ihnen half, ihren Kopf über Wasser halten zu können und ihnen versicherte, dass sie, trotz aller dieser Schwierigkeiten, ein neues Leben beginnen könnten.