Neuer deutscher Botschafter am Heiligen Stuhl

Dr. Reinhard Schweppe bei Papst Benedikt zur Übergabe des Beglaubigungsschreibens

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VATIKANSTADT, 7. November 2011 (ZENIT.org/RV). - Der Schutz menschlicher Werte stand im Mittelpunkt der Ansprache Papst Benedikt XVI. an den neuen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl, Dr. Reinhard Schweppe, der an diesem Montagvormittag von Papst Benedikt in Audienz empfangen wurde.

Reinhard Schweppe wurde am 2. April 1949 in Altena/Westfalen geboren. Er studierte Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an Universität Hamburg mit einem Stipendium der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“. Er arbeitete von 1972 bis 1974 als Wissenschaftlicher Assistent an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Parallel absolvierte er den juristischen Vorbereitungsdienst. In Freiburg promovierte er 1973 mit einer Dissertation über das FBI und das BKA.

1975 trat er in diplomatischen Dienst im Auswärtigen Amt ein. Es folgten Verwendungen an der Botschaft in Südafrika sowie an der Ständigen Vertretung bei den Europäischen Gemeinschaften (EG) in Brüssel. Nach einer Aufgabe als Persönlicher Referent des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt war er an den Botschaften in Washington, D.C., USA, und New Delhi, Indien, tätig. Als Ministerialdirektor leitete er die Europaabteilung des Auswärtigen Amtes in Bonn.

Es folgten Aufgaben als Botschafter in Warschau, Polen, ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen und den anderen internationalen Organisationen in Genf. Für die Periode 2011/12 wurde er für die Präsidentschaft des Ständigen Rates des United Nations Compensation Commission (UNCC) (President of the Governing Council of the UNCC) ausgewählt.

Schweppe ist evangelischer Christ, verheiratet mit Margret Schweppe-Ebber und hat drei Kinder.

In seiner Ansprache an den neuen Botschafter ging der Papst auf den Dienst ein, den die Kirche in einer pluralistischen Welt leistet. Zum einen präge der Glaube die Gesellschaft; Gläubige gestalteten durch ihre Überzeugungen die gemeinsame Kultur und würden selbst durch deren Überlieferung mit geformt. Die Kirche sei der Überzeugung, zum Eintreten für die Werte verpflichtet zu sein, die unabhängig von den jeweiligen Kulturen für den Menschen als solchen gälten.

Die Kirche unterscheide deswegen zwischen den spezifischen Wahrheiten des Glaubens und den Vernunftwahrheiten, die allen Menschen unmittelbar einsichtig seien. Ein Grundbestand dieser allgemeinen menschlichen Werte sei in die deutsche Verfassung von 1949 und in die Menschenrechtserklärungen nach dem Weltkrieg eingegangen, die heute aber erneut zur Debatte gestellt würden; es gehe um die Würde des Menschen.

Hier sehe die Kirche über den Raum des Glaubens hinaus die Pflicht, im Ganzen der Gesellschaft für die Wahrheiten und Werte einzutreten, bei denen die Menschenwürde als solche auf dem Spiel stehe. In diesem Zusammenhang betonte der Papst die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens: Eine Gesellschaft sei nur dann wahrhaft menschlich, wenn sie die Würde jeder Person von der Zeugung bis zum natürlichen Tod respektiere und uneingeschränkt schütze. Eine Gesellschaft, die ihre schutzbedürftigsten Mitglieder aussortiere und so Menschen vom Menschsein ausschließe, verhalte sich zutiefst inhuman.

„So kommt uns – um einen besonders wichtigen Punkt anzusprechen – keinerlei Urteil darüber zu, ob ein Individuum ‚schon Mensch‘ oder ‚noch Mensch‘ ist, und ebenso wenig steht uns zu, den Menschen zu manipulieren und sozusagen machen zu wollen“, so der Papst.

Der zweite vom Papst direkt angesprochene Punkt war die vor allem in den Ländern der westlichen Welt um sich greifende geschlechtliche Ausbeutung von Frauen. Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, sei dazu bestimmt, für den anderen da zu sein. Beziehungen, die nicht beachteten, dass Mann und Frau die gleiche Würde besitzen, bedeuteten ein schweres Vergehen gegen die Menschlichkeit. Es sei an der Zeit, Prostitution und Pornografie energisch einzuschränken:

„Hier ist es an der Zeit, Prostitution wie auch die weite Verbreitung von Material erotischen oder pornographischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken. Der Heilige Stuhl wird darauf achten, daß der notwendige Einsatz gegenüber diesen Mißständen seitens der katholischen Kirche in Deutschland vielfach entschiedener und deutlicher erfolgt."

Benedikt XVI. würdigte in seiner Ansprache ebenfalls die Beziehungen zwischen Staat und Kirche; es sei erfreulich, dass die katholische Kirche in Deutschland ausgezeichnete Möglichkeiten des Wirkens habe, dass sie das Evangelium frei verkünden und in zahlreichen sozialen und karitativen Einrichtungen bedürftigen Menschen helfen könne. Für die Unterstützung durch den Staat sei er „wirklich dankbar“.

Reinhard Schweppe ist Nachfolger von Walter-Jürgen Schmid, der nach dem Papstbesuch nach Deutschland in den Ruhestand getreten ist.

Die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl pflegt die diplomatischen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zum Heiligen Stuhl, die 1954 wiederaufgenommen wurden. Die Beziehungen zum Heiligen Stuhl weisen insoweit eine Besonderheit auf, als nicht die Beziehungen zu einem Staat als einer territorialen Verbandseinheit bestehen, sondern zum Oberhaupt der katholischen Weltkirche. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass der Heilige Stuhl als traditionelles Völkerrechtssubjekt Rechtssubjektivität allein in der Person des Souveräns erlangt. Daher ist zum Beispiel auch nicht der Vatikanstaat, sondern der Heilige Stuhl Vertragspartner des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen, wenngleich beide, also auch der Vatikanstaat, als Völkerrechtssubjekt am Völkerrechtsverkehr teilnehmen können. Diese und weitere Besonderheiten prägen die Arbeit der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl und unterscheidet sie von allen anderen diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik Deutschland.

Zu den drei wichtigsten Abteilungen der Botschaft gehören neben der politischen Abteilung noch die Presse- und Kulturabteilung und die Verwaltungsabteilung, die für Personal und Infrastruktur der Botschaft zuständig ist. Anders als bei herkömmlichen Botschaften gehört an der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl ein beratender Geistlicher Botschaftsrat zum festen Mitarbeiterstab. Er berät den Botschafter in kirchlichen Angelegenheiten, pflegt enge Beziehungen zur Kurie und wird auf Vorschlag der deutschen Bischofskonferenz entsandt.