Neuer Film der Matrix-Macher

Filmrezension: Cloud Atlas

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Von Dr. phil. José García*

BERLIN, 16. November 2012 (ZENIT.org/textezumfilm). - David Mitchells 2004 erschienener Roman „Cloud Atlas“ („Der Wolkenatlas”) umspannt auf 670 Seiten fünfhundert Jahre in sechs verschiedenen Geschichten: Im Jahre 1849 vertraut Adam Ewing während einer Pazifik-Seereise einem Tagebuch seine wachsenden Zweifel an der Sklaverei an. Dieses Reisetagebuch inspiriert 1936 einen jungen Musiker zur Komposition des „Wolkenatlas-Sextetts“, in dem er musikalisch der Frage nachgeht, ob sich einzelne Seelen in verschiedenen Epochen immer wieder begegnen können. Im Jahre 1973 erwirbt eine Schallplatte mit dem „Wolkenatlas-Sextett“ eine ehrgeizige Journalistin, die einem Atomskandal auf die Spur gekommen ist. Ihre Geschichte schreibt ein Nachbarsjunge auf, der sie 2012 einem Londoner Verleger zuschickt. Gegen seinen Willen wird der Verleger in ein Altersheim eingesperrt. Eine als Spielfilm dramatisierte Fassung seiner Flucht ermutigt 2144 eine Duplikantin, sich einer Befreiungsbewegung anzuschließen. Ihre aufgezeichneten Erfahrungen geben den im Jahre 2346 in einer postapokalyptischen Welt lebenden Menschen Kraft, einen Neubeginn zu wagen.

Das Besondere an Mitchells Menschheitsgeschichte ist nicht nur die Klaviatur an verschiedenen Genres, Sprach- und Erzählstilen, die er gekonnt spielt. Darüber hinaus baut Mitchell seinen Roman sozusagen in konzentrischen Kreisen auf: Die erste Geschichte bricht in der Mitte abrupt ab und wird dann als letzte fortgeführt. Die zweite Hälfte der zweiten, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges angesiedelten Handlung folgt als vorletzte und so weiter, so dass lediglich die sechste, in der Mitte des 24. Jahrhunderts spielende Episode linear und von einer Art Rahmenhandlung umgeben erzählt wird.

Für die nun auch in Deutschland unter dem Titel „Cloud Atlas“ anlaufenden Verfilmung von Mitchells Roman gehen die Regisseure Lana & Andy Wachowski sowie Tom Tykwer einen anderen Weg. Zwar behalten sie als Rahmenhandlung die Erzählung des alten Zachry (Tom Hanks) im fernsten Zukunftsstrang bei. Sie reißen aber die jeweilige Episode nicht in zwei Hälften, sondern in zahlreiche Fragmente auseinander. Der Film schneidet alle sechs Geschichten parallel, sodass die rasante Montage von Alexander Berner dauernd von der einen in die andere Handlung springt. Verbindungen auf der Bildebene werden kaum eingesetzt, so etwa wenn sich die Figuren aus zwei Handlungsstränge eine Einstellung teilen und dann vom einen in den anderen Erzählstrang fließend übergegangen wird. Dynamischer gestaltet sich der Übergang, wenn sich die Füße, die 1849 über die Takelage eines Segelschiffs laufen, im nächsten Bild in die Füße der Duplikantin Sonmi-451 (Doona Bae) verwandeln, die über einen Steg zwischen zwei Hochhäusern im Neo-Seoul des Jahres 2144 laufen. Die schnellen Genre- und Handlungswechsel könnten den Zuschauer, der den Roman nicht kennt, verwirren, zumal die beachtlichen Stilunterschiede in Mitchells Roman bis auf die archaische Sprache im Erzählstrang aus dem Jahre 2346 im Film kaum eine Entsprechung finden. Inszenatorisch besonders gelungen sind die Mitte der siebziger Jahre als klassischer Politthriller inszenierte Episode sowie der im Jahr 2144 spielende Handlungsstrang. Ihm merkt der Zuschauer einerseits an, dass Lana und Andy Wachowski seit ihrer „Matrix“-Trilogie in diesem Genre zu Hause sind. Andererseits berührt die von Doona Bae verkörperte Sonmi-451 von allen Figuren in diesem bildgewaltigen Film wohl am meisten.

Als Verbindungsglied dient freilich die ans „Wolkenatlas-Sextett“ angelehnte Musik, insbesondere aber die Schauspieler, die bis zu sechs verschiedene Rollen übernehmen, wobei sich die von Tom Hanks und Halle Berry beziehungsweise von Jim Sturgess und Doona Bae gespielten Figuren auf verschiedenen Zeitebenen wieder begegnen. Dadurch entsteht der Eindruck einer „lange vor unserer Geburt“ bestehende Verbundenheit, die „unseren Tod überdauert“. Dieses esoterische Pathos wird noch dadurch unterstrichen, dass die Schauspieler teilweise über Geschlechter- und Rassengrenzen Rollen besetzen, so etwa Hugo Weaving als Schwester Noakes in der 2012 spielenden Episode oder auch Susan Sarandon als Physiker, Halle Berry als weiße Jocasta oder die südkoreanische Doona Bae als mexikanische Frau. Dadurch wird eine Seelenwanderung über die Zeiten, aber auch über Hautfarben und Geschlechter hinweg auf sehr plakative Art verbildlich. Mitchells Roman endet mit den Worten „‚Erst wenn du deinen letzten Atemzug gethan hast, wirst du begreifen, daß dein Leben nicht mehr gewesen ist als ein Tropfen in einem grenzenlosen Ocean!. Was aber ist ein Ocean anderes als eine Vielzahl von Tropfen?“ In der Verfilmung durch Lana & Andy Wachowski sowie Tom Tykwer wird diese poetische in eine trivial-esoterische Sprache umgesetzt. Dazu passt die offene Religionskritik in der 2346 angesiedelten Handlung: Der Glaube sei für einfache, in die Steinzeit zurückgefallene Menschen wie Zachry, während das hochentwickelte und -technisierte Volk der „Prescients“ auf Wissenschaft setze.

Als roter Faden zieht sich durch „Cloud Atlas“ neben der Liebe der Gedanke der Freiheit – von der Überwindung der Sklaverei in der ersten Episode bis zum Freiheitskampf der Duplikantin in der 2144 angesiedelten Handlung sowie in der postapokalyptischen Geschichte.

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.