Neuer Schwung für Wallfahrtsorte

Brief der Kleruskongregation an die Rektoren der Wallfahrtskirchen

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VATIKANSTADT, 18. August 2011 (ZENIT.org). – Mauro Kardinal Piacenza, Präfekt der Kleruskongregation, hat sich als „Dolmetscher des Papstes“ in einem Schreiben an die Rektoren der Wallfahrtskirchen gewandt, um auf deren Bedeutung, auch für kirchenferne Menschen, hinzuweisen und Anregungen und Impulse für einen neuen seelsorgerischen Schwung zu geben. In einer zunehmend verweltlichen Zeit sei das Heiligtum ein privilegierter Ort für den Pilger, um die liebevolle und heilbringende Gegenwart Gottes fern von der täglichen Geschäftigkeit erfahren zu können. Dazu müssten auch die sakrale Kunst und Musik beitragen.

Wir veröffentlichen das Schreiben im Wortlaut:

***

Aus dem Vatikan, 15. August 2011

Hochfest der Aufnahme Mariä in den Himmel

Prot. Nr. 2011 0546

Eminenz,

Exzellenz,

mit Blick auf den weiten Horizont der Neu-Evangelisierung erlaubt sich diese Kongregation

als hierfür zuständige Behörde, Ihnen ein Schreiben zu übermitteln, das für die Rektoren der

Wallfahrtskirchen, die sich in ihrem Bistum befinden, bestimmt ist (siehe Anlage).

Wie die geschichtliche Erfahrung lehrt, sind Wallfahrtskirchen für viele Menschen Orte, an

denen die göttliche Vorsehung auf wunderbare Weise Umkehr, Halt und Trost spendet. Auch

heute kann an diesen Orten noch vielen das Licht und die Freude des christlichen Glaubens

vermittelt und dazu beigetragen werden, dass der für alle gültige Ruf zur Heiligkeit Gehör

findet. Wir dürfen solche Ressourcen demütig und entschlossen einsetzen, um der

Verweltlichung entgegen zu treten und die religiöse Praxis zu vermehren.

Es wäre also wünschenswert, dass Priester, die mit der Seelsorge in den Wallfahrtskirchen

betraut sind, ihre Aufgabe mit erneutem Schwung ausüben und dass ein tieferes Verständnis

dafür entsteht, wie wichtig es ist, jede Gelegenheit auszunutzen, um liturgische Feiern, die

Katechese, die Predigt, das Hören der Beichte, die Spendung der Sakramentalien und auch die sakrale Kunst zu pflegen, denn gerade die Pflege dieser zahlreichen Aspekte kann demjenigen, der eine Wallfahrtskirche auch nur gelegentlich betritt, wahrhaft hilfreich sein.

Indem ich Ihnen für alles danke, was Sie für die Verteilung und gute Rezeption des erwähnten Schreibens tun wollen, verbleibe ich mit dem Ausdruck meiner Ehrerbietung und in tiefer kollegialer Verbundenheit

Ihr im Herrn ergebener

Mauro Kardinal Piacenza

Präfekt

Celso Morga Iruzubieta

Titularerzbischof von Alba Maritima

Sekretär

__________________________

An die hochwürdigsten Herren

Ortsordinarien

an ihrem jeweiligen Sitz

***

Prot. Nr. 2011 0546

Hochwürdige Herren Rektoren,

an Sie alle möchte ich einen herzlichen Gruß richten, der auch für die Mitarbeiter bestimmt

ist, die Ihnen bei der Seelsorge in den Wallfahrtskirchen zur Seite stehen. Mit diesem Gruß

verbinde ich ein herzliches Vergelt’s Gott für den gewissenhaften Einsatz, mit dem Sie sich

täglich den pastoralen Erfordernissen stellen, die der aus aller Welt in stets größerer Zahl

bei Ihnen eintreffenden Pilgerandrang mit sich bringt.

Mit diesen Zeilen möchte ich in erster Linie versuchen, mich zum Dolmetscher Papst

Benedikts XVI. zu machen, der auf die große Bedeutung hinweist, die den Wallfahrtskirchen zukommt. Im Leben der Kirche stellen die Heiligtümer einen großen Schatz dar und als Ziel der Pilgerreise, üben sie »auf eine wachsende Zahl von Gläubigen und religiösen Touristen, von denen sich einige nicht selten in einer schwierige menschlichen und spirituellen Situation befinden, einer gelebten Glaubenspraxis fern stehen und ein schwach ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche haben«, eine große Anziehungskraft aus (Schreiben anlässlich des II. Weltkongresses der Wallfahrtsseelsorge, Santiago de Compostela, 27.-30. September 2010).

Dem seligen Papst Johannes Paul II. zu Folge sind »christliche Heiligtümer immer und überall Zeichen Gottes gewesen, Zeichen von dessen Einbrechen in die Geschichte der Menschen« (Ansprache an die Rektoren derWallfahrtsorte, 22. Januar 1981). Die Heiligtümer sind also »ein Zeichen des lebendigen, unter uns weilenden Christus, und dieses Zeichen haben Christen immer als Initiative bewertet, die der Liebe entspringt, die der lebendige Gott gegenüber den Menschen hegt« (Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Der Wallfahrtsort. Gedächtnis, Gegenwart und Prophetie des lebendigen Gottes, 08. Mai 1999, Nr. 5).

Angesichts der besonderen Bedeutung, die – wie die Erfahrung aller Christen auf dem

Glaubensweg zeigt – den Heiligtümern zukommt, möchte die für diesen Bereich zuständige

Kongregation für den Klerus (vgl. Johannes Paul II., Apostolische Konstitution Pastor

bonus, 28. Juni 1988, Art. 97, 1) Ihnen einige Gedanken in der Hoffnung vorlegen, dass sie

den seelsorglichen Aktivitäten, die täglich an diesen Orten stattfinden, einen neuen und

wirksamen Impuls verleihen. In der Tat bleibt auch heute noch dort, wo die Verweltlichung

um sich greift, das Heiligtum ein privilegierter Ort, an dem der Mensch, ein Pilger auf

Erden, die Erfahrung der liebevollen und heilbringenden Gegenwart Gottes machen kann.

Hier findet er einen abgeschiedenen Ort, wo er sich fern von der alltäglichen Geschäftigkeit

besinnen, erneut geistliche Kraft schöpfen und daher den Weg des Glaubens mit größerem

Eifer wieder aufnehmen und fruchtbar begehen, wo er Christus inmitten der Welt im

Alltagsleben suchen, finden und lieben kann.

Welche der in einem Wallfahrtsort durchgeführten pastoralen Aktivitäten bilden nun dessen

Herzmitte? Mit theologisch tiefem Verständnis und kirchlicher Erfahrungsbreite schreiben

die Normen des Kirchenrechts in Bezug auf diese Kultstätten Folgendes vor: In ihnen »sind

den Gläubigen reichlicher die Heilsmittel anzubieten durch eifrige Verkündigung des

Gotteswortes, durch geeignete Pflege des liturgischen Lebens, besonders der Feier der

Eucharistie und des Bußsakramentes, wie auch der gutgeheißenen Formen der

Volksfrömmigkeit« (Can. 1234 § 1). So gibt das Kirchenrecht eine wertvolle

Zusammenfassung der für Heiligtümer spezifischen Seelsorge und bietet hiermit eine gute

Grundlage, um über einige, für das Amt, das Ihnen anvertraut worden ist, wesentliche und

charakteristische Elemente kurze Erwägungen anzustellen.

Verkündigung des Wortes, Gebet und Volksfrömmigkeit

Das Heiligtum ist der Ort, an dem das Wort Gottes mit außergewöhnlicher Kraft erklingt. In

dem erst vor kurzem veröffentlichten Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Verbum

Domini (30. September 2010) bekräftigt Papst Benedikt XVI.: »die Kirche gründet … auf

dem Wort Gottes, sie entsteht und lebt aus ihm« (Nr. 3). Sie ist das „Haus“ (vgl. ebd., Nr.

52) in dem das göttliche Wort angenommen, betrachtet, verkündet und gefeiert wird (vgl.

ebd., Nr. 121). Was der Heilige Vater auf die Kirche bezieht, kann in ähnlicher Weise vom

Heiligtum behauptet werden.

Der Verkündigung des Wortes kommt also im pastoralen Lebensvollzug des Wallfahrtsortes

eine ganz wesentliche Bedeutung zu. Daher haben die Geistlichen die Aufgabe, diese

Verkündigung im Gebet und in der Betrachtung vorzubereiten, indem sie deren Inhalt

mithilfe der spirituellen Theologie und unter Beachtung des Lehramts sowie des Lebens der

Heiligen erarbeiten. Die Heilige Schrift und die Liturgie sollen dabei die Hauptquelle für

ihre Predigten sein (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Sacrosanctum Concilium,

04. Dezember 1963, Nr. 35). Der Katechismus der Katholischen Kirche und dessen

Kompendium kommen als wertvolle Quellen ergänzend hinzu. Der verschiedentlich

gestaltbare Dienst des Wortes muss in Übereinstimmung mit der Offenbarung stehen. Er

wird darüber hinaus umso wirksamer und nachhaltiger sein, je mehr er dem Herzen

entstammt und aus dem Gebet hervorgeht. Weiterhin sollte eine Sprache verwendet werden, die verstehbar und schön ist und die die immerwährende Aktualität des ewigen Wortes in korrekter Weise aufzeigen kann. Wenn die Verkündigung des Gotteswortes fruchtbar ist, bringt sie im Menschen als Antwort das Gebet hervor. »Heiligtümer sind für Pilger auf der Suche nach ihren lebendigen Quellen besonders geeignete Orte, um die Formen christlichen Betens „als Kirche“ zu leben.«

(Katechismus der Katholischen Kirche [KKK], 11. Oktober 1992, Nr. 2691).

Das Gebetsleben entwickelt sich auf vielerlei Weisen, unter denen sich unter anderem auch

verschiedene Formen der Volksfrömmigkeit befinden, die »der Verkündigung und dem

Hören des Wortes Gottes [stets] einen angemessenen Raum geben [sollen], denn „in der

Bibel findet die Volksfrömmigkeit eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration,

unübertreffliche Vorbilder des Gebets und fruchtbare thematische Vorlagen“« (Verbum

Domini, Nr. 65).

Das Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie (Kongregation für den

Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 09.04.2002) widmet den Heiligtümern und

Pilgerreisen ein Kapitel und wünscht sich in diesem Zusammenhang »eine korrekte

Beziehung zwischen liturgischen Handlungen und Andachtsübungen« (Nr. 261). Die

Volksfrömmigkeit ist für den Glauben, die Kultur und die christliche Identität vieler Völker

von großer Bedeutung. Sie bringt den Glauben eines Volkes zum Ausdruck. In der Kirche

und für die Kirche ist sie ein »wahrer Schatz des Gottesvolkes« (ebd., Nr. 9): Um dies

nachvollziehen zu können, braucht man sich nur eben vor Augen zu führen, wie arm die

christliche Spiritualität des Westens wäre, wenn es keinen „Rosenkranz“, keinen

„Kreuzweg“ oder keine Prozessionen gegeben hätte. Dies sind nur wenige Beispiele, aber

sie zeigen zur Genüge, wie unverzichtbar die Volksfrömmigkeit ist.

Bei der Ausübung Ihres Dienstes im Heiligtum haben Sie oft die Möglichkeit die speziellen,

vielsagenden Gesten der Frömmigkeit zu beobachten, mit denen die Pilger ihren Glauben

auszudrücken pflegen. Die vielen verschiedenen Andachtsformen, die sich oft von ebenso

vielen kulturellen Traditionen und Ausprägungen des Schönheitssinnes herleiten, zeugen

von der regen Intensität eines geistlichen Lebens, das von konstantem Gebet genährt wird

und vom tiefen Wunsch geprägt ist, sich Christus immer mehr zu nähern und ihm

anzuhangen.

Angesichts des prägenden Einflusses, den diese religiösen Gesten im geistlichen Leben der

Gläubigen ausüben, hat die Kirche deren Wert immer anerkannt und deren genuine

Ausdrucksformen respektiert. Mehr noch, sie hat sie auch durch das Lehramt der Päpste und

Konzilien empfohlen und gefördert. Ebenso hat sie aber dort, wo es Einstellungen oder

Mentalitäten gab, die nicht mit einer gesunden religiösen Gesinnung in Übereinstimmung zu

bringen waren, auf die Notwendigkeit hingewiesen, einzugreifen, sei es durch Anweisung, jene Vorgänge von abwegigen Elementen zu reinigen, sei es durch die Bereitstellung von

Meditationen, Kursen, Unterweisungen usw. In der Tat kann die Volksfrömmigkeit nur dann

locus fidei (Ort des Glaubens) sein, wenn sie in einer ursprunghaft katholischen Tradition steht, die als fruchtbares Instrument der Evangelisierung gerade die Elemente der umgebenden indigenen Kultur so aufnehmen und veredeln kann, dass hierbei Synergien entstehen.

Als Verantwortliche der Seelsorge in den Heiligtümern haben Sie also die Aufgabe, die

Pilger über den ganz und gar vorrangigen Platz zu belehren, den die liturgische Feier im

Leben jedes Gläubigen einnehmen muss. Dabei soll die persönliche Ausübung von

Andachtsformen der Volksfrömmigkeit in keiner Weise behindert oder abgelehnt, ja, sie

soll begünstigt werden, sie kann jedoch nicht den Platz der Teilnahme am liturgischen

Gottesdienst einnehmen. Anstatt der Zentralität der Liturgie Abbruch zu tun, sollten sich die

genannten Ausdrucksformen nämlich ihr hinzugesellen und stets auf sie ausgerichtet sein.

Denn bei der Feier der heiligen Geheimnisse findet das gemeinsame Gebet der gesamten

Kirche seinen Ausdruck.

Die Barmherzigkeit Gottes im Bußsakrament

Am Wallfahrtsort erinnert sich der Mensch in besonderer Weise an die Gegenwart der Liebe

Gottes. Dies führt zur Bitte um Vergebung der Sünden und zu dem Wunsch, das Geschenk

der Treue zum Glauben zu erbitten. Das Heiligtum ist dementsprechend auch der Ort, an

dem die Barmherzigkeit Gottes ständig gegenwärtig gesetzt wird. Hier wird der Mensch

gastfreundlich aufgenommen, damit er eine wirkliche Begegnung mit Christus haben, die

Wahrheit seiner Lehren und seiner Vergebung erfahren sowie würdig und daher auf

fruchtbare Weise die Eucharistie empfangen kann.

Daher muss es dort Priester geben, die sich großherzig, demütig und zugänglich der

Abnahme der sakramentalen Beichte widmen; es muss also für deren Gegenwart gesorgt

und – wo dies möglich ist – diese verstärkt werden. Beim Spenden des Sakramentes der

Versöhnung handeln die Beichtväter als »Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe

Gottes zum Sünder« (KKK, Nr. 1465). Sie sollen den Beichtenden helfen, die Zärtlichkeit

Gottes, die Schönheit und Größe seiner Güte zu erfahren und im eigenen Herzen den

Wunsch zur Heiligkeit, die für alle Christen Lebensziel und Berufung ist, wieder zu

entdecken (vgl. Kongregation für den Klerus, Der Priester, Diener der göttlichen

Barmherzigkeit, 09. März 2011, Nr. 22).

Die Beichtväter sollen das Gewissen der Beichtenden aufklären und darauf hinweisen, dass

die sakramentale Beichte eng mit einer neuen Lebensweise verbunden ist, die sich

entschieden der Umkehr zuwendet. Daher sollen sie die Gläubigen dazu ermutigen, dieses

Sakrament regelmäßig und andachtsvoll zu empfangen, um durch die dabei zugewendete

Gnade ständig den Vorsatz zu nähren, Christus anzuhangen, ihm treu zu sein und so in

höherem Maß in Übereinstimmung mit dem Evangelium leben zu können.

Die Priester sollen für den Dienst der Versöhnung auffindbar und verfügbar sein, sich

verständnisvoll und empfangsbereit zeigen und ermutigend wirken (vgl. Der Priester,

Diener der göttlichen Barmherzigkeit, Nr. 51-57). Aus Respekt vor der Freiheit jedes

einzelnen Gläubigen und um ein völlig aufrichtiges Verhalten im sakramentalen Forum zu

erleichtern, ist es angebracht, dass sich an geeigneter Stelle (möglicherweise zum Beispiel

in einer Beichtkappelle) Beichtstühle mit festem Gitter befinden. Wie der selige Johannes

Paul II. im Apostolischen Schreiben Misericordia Dei (07. April 2002) ausführt, wird die

Gestaltung des Ortes für die Feier des Sakramentes »durch die von den jeweiligen

Bischofskonferenzen erlassenen Normen geregelt…, die gewährleisten müssen, dass sich

die Stelle der Beichtgelegenheit „an einem offen zugänglichen Ort“ befindet und auch „mit

einem festen Gitter versehen“ ist, so dass die Gläubigen und die Beichtväter selbst, die dies

wünschen, frei davon Gebrauch machen können.« (Nr. 9, b – vgl. Can. 964, § 2; Päpstlicher

Rat für die Interpretation der Gesetzestexte, Responsa ad propositum dubium: de loco

excipiendi sacramentales confessiones [07. Juli 1998]: AAS 90 [1998] 711; vgl. Der

Priester, Diener der göttlichen Barmherzigkeit, Nr. 41).

Außerdem sollen sich die Beichtväter darum bemühen, dass verstanden wird, welche

geistigen Früchte aus der Sündenvergebung hervorgehen, denn »[d]as Sakrament der

Versöhnung mit Gott bewirkt eine wirkliche „geistige Auferstehung“, eine

Wiedereinsetzung in die Würde und in die Güter des Lebens der Kinder Gottes, deren

kostbarstes die Freundschaft mit Gott ist« (KKK, Nr. 1468).

Angesichts der Tatsache, dass Heiligtümer Orte der wahren Umkehr sind, kann es

angebracht sein, die Ausbildung der Beichtväter zu ergänzen, z.B. im Bereich der Seelsorge

für diejenigen, die das menschliche Leben von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen

Tod nicht respektiert haben.

Weiterhin sollen die Priester diesen besonderen Dienst der Verwaltung der göttlichen

Barmherzigkeit ordnungsgemäß erfüllen, indem sie sich treu an das authentische Lehramt

der Kirche halten. Sie sollen über die Lehre der Kirche gut informiert sein und es nicht

versäumen, sich vor allem in Fragen der Moral und der Bioethik regelmäßig auf den

neuesten Stand zu bringen (vgl. KKK, Nr. 1466). Auch im Bereich von Ehe und Familie

sollen sie die maßgeblichen Erklärungen des kirchlichen Lehramtes respektieren. Bei der

Spendung des Sakraments sollen sie es also vermeiden, private Lehren, persönliche

Meinungen oder willkürliche Bewertungen auszusprechen, die nicht mit dem in

Übereinstimmung stehen, was die Kirche glaubt und lehrt. Im Rahmen ihrer ständigen

Fortbildung wird es hilfreich sein, sie zur Teilnahme an themenspezifischen Kursen

anzuregen, zum Beispiel jenen, die von der Apostolischen Pönitentiarie und einigen

Päpstlichen Universitäten angeboten werden (vgl. Der Priester, Diener der göttlichen

Barmherzigkeit, n. 63).

Die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens

Das Wort Gottes und die Bußfeier sind tief mit der heiligen Eucharistie, dem zentralen

Geheimnis, welches »das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser

Osterlamm« enthält, verbunden (II. Vatikanisches Konzil, Dekret Presbyterorum ordinis,

07. Dezember 1965, Nr. 5). Die Feier der Eucharistie ist Herzmitte des sakramentalen

Lebens eines Heiligtums. Der Herr schenkt sich uns in ihr. So sollen die Pilger, die die

Heiligtümer besuchen, darauf aufmerksam gemacht werden, dass der eucharistische Herr,

sofern man ihm vertrauensvoll ins eigene Leben Einlass gewährt, ihnen die Möglichkeit

gibt, ihre Leben tatsächlich zu verwandeln.

Die Würde der Eucharistiefeier soll auf angemessene Weise durch Gregorianische Choräle,

mehrstimmige oder volkstümliche Gesänge unterstrichen werden (vgl. Sacrosanctum

Concilium, Nr. 116 und 118); ebenso durch die Wahl der jeweils nobleren

Musikinstrumente (Pfeifenorgel und ähnliche, vgl. ebd., Nr. 120), der von den Geistlichen

getragenen Gewänder und schließlich der bei der liturgischen Handlung benutzten

Gegenstände. Diese müssen gewissen Normen der Würde und der Sakralität entsprechen.

Bei Konzelebrationen soll man darauf achten, dass es einen Zeremonienmeister gibt, der

nicht mitzelebriert. Wie es sich für die Kleidung eines die göttlichen Geheimnisse feiernden

Priesters geziemt, sollte man im Rahmen des Möglichen dafür sorgen, dass jeder

Konzelebrant ein Messgewand oder eine Kasel trägt.

Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis (22. Februar 2007) gab

Papst Benedikt XVI. zu bedenken, dass »die beste Katechese über die Eucharistie die gut

zelebrierte Eucharistie selbst ist« (Nr. 64). Daher sollen die Priester bei der Feier der

heiligen Messe die in den liturgischen Büchern aufgeführten Normen getreu beachten. Die

Rubriken enthalten nämlich keine optionalen Hinweise für den Zelebranten, sondern

verpflichtende Vorschriften, an die er sich bei jedem Gestus oder Zeichen gewissenhaft zu

halten hat. Jeder Norm liegt ein tiefer theologischer Sinn zugrunde, der nicht geschmälert

oder verkannt werden darf. Die Einführung willkürlicher Neuheiten bei der Feier der

Liturgie sorgt nicht nur unter den Gläubigen für Verwirrung und Spaltung, sondern schadet

auch der ehrwürdigen Tradition und der Autorität der Kirche selbst, sowie der kirchlichen

Einheit.

Andererseits ist der bei der Eucharistiefeier vorstehende Priester nicht nur ein mechanischer

Akteur der Rubriken. Vielmehr wird die intensive und andächtige innere Teilnahme, mit der

er die göttlichen Geheimnisse feiert und den vorgeschriebenen Zeichen und liturgischen

Gesten ihren jeweilig angemessenen Raum gibt, nicht nur sein eigenes Gebetsleben formen,

sondern auch Einfluss auf den eucharistischen Glauben der an der Messe mit actuosa

partecipatio teilnehmenden Laien haben und sich in diesem Sinne fruchtbar erweisen (vgl.

Sacrosanctum Concilium, Nr. 14).

Jesu Christi Hingabe in der Eucharistie ermöglicht auch sein Verbleiben unter uns unter der

Gestalt des Brotes. Liturgische Feiern außerhalb der heiligen Messe, wie z.B. die mit der

Aussetzung und dem eucharistischen Segen verbundene eucharistische Anbetung, bringen

das zum Ausdruck, was Herzmitte der Eucharistiefeier ist, d.h. die Anbetung oder die Vereinigung mit Jesus, dem Opferlamm.

In diesem Zusammenhang lehrt Papst Benedikt XVI.: »in der Eucharistie kommt uns ja der

Sohn Gottes entgegen und möchte sich mit uns vereinigen; die eucharistische Anbetung ist

nichts anderes als die natürliche Entfaltung der Eucharistiefeier, die in sich selbst der größte

Anbetungsakt der Kirche ist« (Sacramentum Caritatis, Nr. 66) und fügt hinzu: »Der Akt der

Anbetung außerhalb der heiligen Messe verlängert und intensiviert, was in der liturgischen

Feier selbst getan wurde« (ebd.).

Dementsprechend soll der Position, an der sich der Tabernakel der Wallfahrtskirche

befindet, höchste Wichtigkeit beigemessen werden (oder auch der Kapelle, die

ausschließlich für die Anbetung des Allerheiligsten bestimmt ist), denn dieser ist von

seinem Wesen her „Magnet“, Einladung und Impuls zum Gebet, zur Anbetung, Meditation,

zur intimen Zwiesprache mit dem Herrn. Im erwähnten Apostolischen Schreiben hebt der

Heilige Vater hervor: »Seine richtige Position hilft nämlich, die wirkliche Gegenwart

Christi im Allerheiligsten Sakrament zu erkennen. Es ist nötig, dass der Ort, an dem die

eucharistischen Gestalten aufbewahrt werden, für jeden, der in die Kirche eintritt, leicht

auszumachen ist, nicht zuletzt auch durch das ewige Licht.« (ebd., Nr. 69).

Der Tabernakel, Aufbewahrungsort der Eucharistie, soll in der Wallfahrtskirche einen

hervorstechenden Platz einnehmen. Ebenso soll bei der Beziehung zwischen Kunst, Glaube

und liturgischer Feier Aufmerksamkeit darauf verwendet werden, dass »die Einheit der

besonderen Elemente des Presbyteriums – Altar, Kruzifix, Tabernakel, Ambo und Sitz«

hervortritt (ebd., Nr. 41). Wenn die architektonischen Zeichen, die unserem Glauben

Ausdruck verleihen, in der Kultstätten korrekt positioniert sind, fördert dies ohne Zweifel –

vor allem in den Heiligtümern – den Vorrang, der Christus, dem lebendigen Fels

gerechterweise zukommt und zwar noch vor dem selbstverständlich ebenfalls am Ort

berechtigten Hinweis auf die selige Jungfrau oder auf die Heiligen. Auf diese Weise

ermöglicht man der Volksfrömmigkeit, ihre Wurzeln zu zeigen, die wahrhaft eucharistisch

und christlich sind.

Neuer Antrieb für die Evangelisierung

Schließlich stelle ich noch mit Freude fest, dass die Heiligtümer auch heute noch eine

außerordentliche Faszination ausüben, worauf die wachsende Anzahl von Pilgern, die sich zu

diesen Orten begeben, hinweist. Nicht selten handelt es sich um Männer und Frauen aus allen Altersstufen und Schichten, die sich in schwierigen menschlichen und spirituellen Situation befinden, einer gelebten Glaubenspraxis fern stehen und ein schwach ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche haben. Der Besuch in einer Wallfahrtskirche kann ihnen eine wertvolle Gelegenheit bieten, um Christus zu begegnen und den tiefen Sinn der eigenen, in der Taufe wurzelnden Berufung wiederzuentdecken oder aber sich heilsam daran erinnert zu fühlen.

Ich appelliere daher an jeden von Ihnen, diese Menschen besonders freundlich und

zuvorkommend zu empfangen. Auch in diesem Sinne sollte nichts der Improvisierung

überlassen werden. Es wäre von hohem erzieherischen Wert, sich zu Wegbegleitern dieser

Pilger und Besucher zu machen, um so die Beweggründe und die geistlichen Erwartungen,

die sie mitbringen, in Erfahrung zu bringen, was jedoch auf weise, mit dem Evangelium

übereinstimmende Art und mit großer Sensibilität zu geschehen hat. Bei diesem Dienst

könnte man sich von Mitarbeitern unterstützen lassen, die spezifische Aufgaben

übernehmen und über freundlichen Umgang, ein Auge für spirituelle Dinge und

theologischen Verstand verfügen und so den Pilgern eine Einführung bieten, die ihnen dabei

hilft, ihren Besuch im Heiligtum als einen Moment der Gnade zu erkennen, der sie an einen

Ort religiöser Erfahrung und wiederentdeckter Freude führt. Dort, wo der Zustrom von

Pilgern beachtlich und konstant ist, sollte zu diesem Zweck auch in Betracht gezogen

werden, eventuell Termine für geistliche Veranstaltungen vorzusehen, die abends und

nachts ausgetragen werden (nächtliche Anbetung oder Gebetswachen).

Ihre pastorale Fürsorge kann jedenfalls Gelegenheit und starker Anreiz dafür sein, dass in

den Herzen der Pilger der Wunsch entsteht, sich ernsthaft und intensiv auf den Weg des

Glaubens einzulassen. Durch verschiedene Formen katechetischer Unterweisung können Sie

zu verstehen geben, dass der Glaube, weit davon entfernt ist, ein vages, abstraktes,

religiöses Gefühl zu sein, sondern dass er zum Anfassen konkret ist und dass er sich unter

den Menschen stets in der Sprache der Liebe und Gerechtigkeit ausdrückt.

Die Verkündigung des Gotteswortes und der Lehre der Kirche, die in den Heiligtümern

durch Predigten, Katechese, geistliche Begleitung oder Einkehrtage vermittelt wird, stellt

eine optimale Vorbereitung für den Empfang der Vergebung Gottes im Bußsakrament und

für eine aktive und fruchtbare Teilnahme an der Feier des Messopfers dar.

Die eucharistische Anbetung, die Kreuzwegandachten und das sowohl christologische als

auch marianische Gebet des Rosenkranzes werden so, zusammen mit der Spendung der

Sakramentalien und der Votivsegen, zum Zeugnis einer humanen Frömmigkeit und zum

Weg, den man mit Jesus im Heiligen Geist auf die barmherzige Liebe des Vaters hinzu geht.

Auf diese Weise wird die Familienpastoral gestärkt und das Gebet der Kirche zum »Herrn

der Ernte, damit er Arbeiter in seine Ernte sende« (Mt 9,38) erhört: Es entstehen

heiligmäßige und zahlreiche Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben!

Ihrer ehrenvollen Vergangenheit treu soll man es in den Heiligtümern nicht versäumen, sich

entsprechend der Soziallehre der Kirche im Bereich der Caritas, der Wohlfahrt, der

Entwicklungshilfe, der Gerechtigkeit und des Schutzes der Menschenrechte einzusetzen.

Ebenso sollte es ein reiches Angebot an kulturellen Initiativen wie z.B. Tagungen,

Seminare, Ausstellungen, Festivals, Wettbewerbe und künstlerische Darbietungen zu

religiösen Themen geben. Auf diese Weise werden Wallfahrtsorte auch zu Vorreitern einer

Kultur, die hochstehend oder volkstümlich sein kann, und tragen ihren Teil zum christlich

ausgerichteten Kulturprojekt der Kirche bei.

Unter der Führung Mariens, des Sternes der Neu-Evangelisierung, durch die die

erlösungsbedürftige Menschheit den Autor der Gnade selbst empfängt, bereitet sich so die

Kirche überall in der Welt auf die Ankunft des Herrn vor. Die Wallfahrtskirchen, zu denen

man sich hinbegibt, gerade weil man auf der Suche ist, weil man hören und beten will,

werden so auf geheimnisvolle Weise zu Orten, an denen Gott die Menschen tatsächlich

berührt, was durch sein Wort, die Sakramente der Versöhnung und der Eucharistie, die

Fürsprache der Muttergottes und die der Heiligen geschieht.

Nur wenn die Heiligtümer mitten in den Flutwellen und Stürmen der Zeit eine Trutzburg

gegenüber dem überall vorherrschenden dogmatischen Relativismus bilden, werden sie zu

Katalysatoren für eine neue Dynamik werden, die die so erwünschte Neu-Evangelisierung

begünstigt.

Indem ich Ihnen allen erneut für Ihren Einsatz und Ihre pastorale Fürsorge, die Ihre

Wallfahrtskirchen wahrhaft zu einem Zeichen der liebevollen Gegenwart des fleischgewordenen Wortes machen, danke, versichere ich Sie meiner Nähe im Gebet und

verbleibe Ihnen im Herrn und unter dem Schutzmantel der allerseligsten Jungfrau Maria

herzlich zugetan und verbunden.

Aus dem Vatikan, 15. August 2011

Hochfest der Aufnahme Mariä in den Himmel

Mauro Kard. Piacenza

Präfekt

Celso Morga Iruzubieta

Titularerzbischof von Alba Maritima

Sekretär