Neuer Seliger für Kuba: Barmherziger Bruder José Olallo Valdés (Teil 1)

Interview mit Generalpostulator P. Félix Lizaso OH

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ROM, 9. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Am 29. November wird in der drittgrößten kubanischen Stadt Camagüey die Seligsprechung des Barmherzigen Bruders José Olallo Valdés (1820-1889) stattfinden. Er wird der zweite selige Kubaner sein und der erste, der im karibischen Inselstaat zur Ehre der Altäre erhoben werden wird.

„Für alle machte er alles“ ist gewissermaßen das Resümee der Biographie des Ordensmannes, der die letzten 13 Jahre seines Lebens ganz auf sich allein gestellt, ohne einen Mitbruder, seinen Dienst an den Kranken und Not Leidenden versah.

Generalpostulator P. Félix Lizaso OH beleuchtet im vorliegenden Gespräch mit ZENIT, was den zukünftigen Seligen zum Vorbild macht.

ZENIT: Welche Bedeutung hat die baldige Seligsprechung des Kubaners José Olallo Valdés für den Hospitalorden des heiligen Johannes von Gott?

P. Lizaso OH: Bruder Olallo Valdés gehörte dem Orden des heiligen Johannes von Gott an, aber man wusste kaum etwas von seiner Existenz. In der damaligen Zeit, um das Jahr 1835 herum, als die Ordensgemeinschaften in Spanien und Lateinamerika durch die Gesetze der spanischen Regierung abgeschafft wurden, war Olallo der letzte Überlebende des Ordens auf Kuba. Hinweise über sein Leben schienen nur in einigen Ordensannalen auf.

Olallo wurde 1820 in Havanna geboren, lebte sein ganzes Leben, 69 Jahre lang, in Kuba, und starb schließlich 1889 in Camagüey, wo er 54 Jahre zugebracht hatte. Sein vollständiger Name ist José Olallo Valdés, aber er unterzeichnete fast immer mit „Fr. Olallo Valdés“, und das Volk nannte ihn „Padre Olallo“, also „Pater“ beziehungsweise „Vater“ Olallo, obwohl er kein Priester war. Er hat auf das Priestertum verzichtet, als man ihm einen entsprechenden Vorschlag machte, um weiterhin als Krankenpfleger arbeiten zu können. Sein Name „José“ (Josef) wird – genauso wie im Fall von „Maria“ bei den Frauen – häufig mit einem weiteren Vornamen verbunden. Deshalb sind wir in der Postulation zur Überzeugung gelangt, dass es angemessener und besser ist, ihn einfach als den Seligen Olallo Valdés zu bezeichnen.

Aufgrund seiner Beliebtheit und seines großen Rufes der Heiligkeit, der sich in der Bevölkerung erhalten hat, organisierte eine Gruppe von Laien aus Camagüey anlässlich der Hundertjahrfeier seines Todes 1989 eine Gedenkveranstaltung. Der Erzbischof von Camagüey, Msgr. Adolfo Rodríguez Herrera, und der Barmherzige Bruder Manuel Cólliga, ein Spanier, der in Havanna lebte, nutzen diese Gelegenheit, um den damals noch neuen Generaloberen des Ordens aus Australien, Fr. Brian O’Donnell, zum Festakt einzuladen. Msgr. Adolfo bat ihn darum, dass der Orden die Untersuchungen über die Heiligkeit Olallos mit Blick auf dessen Selig- und Heiligsprechung unterstützen möge. So nahmen die Vorbereitungen und die Durchführungen seines Selig- und Heiligsprechungsprozesses ihren Anfang.

Bruder Olallo, „Vater der Armen“ und „Apostel der Liebe“ genannt, wurde zu Lebzeiten und bei seinem Tod als vorbildhaft integre Person bewundert, als bedeutender Krankenpfleger und unermüdlicher Diener all derer, die in der Gesellschaft von Camagüey rechtlos waren. Er verkörperte das seiner Berufung eigene Charisma der Hospitalität durch und durch. Bei seinem Tod kam das ganze Volk zusammen – trotz der großen sozialen und politischen Spannungen, die es damals gab –, um sein Andenken mit dem feierlichsten Begräbnis zu würdigen, das man sich vorstellen kann.

In der Folge wurden in der Bevölkerung eine Sammlung und viele andere Tätigkeiten durchgeführt, damit ein Mausoleum gebaut werden konnte, dass seit 100 Jahren von zahlreichen frommen Besuchern aufgesucht wird, die seine Hilfe und seine Fürbitte erflehen. Während des Seligsprechungsprozesses sagten mehrere Zeugen aus, dass sie an seinem Grab häufig frische Blumen vorfanden.

Von daher versteht sich, dass man, vor allem in Camagüey den Fortschritt seines Selig- und Heiligsprechungsprozesses mit großer Erwartung mit verfolgt hat, und dass man sich jetzt, angesichts seiner bevorstehenden Seligsprechung, mit ganz besonderer Begeisterung und Freude auf dieses Ereignis vorbereitet.

Die Seligsprechung von Bruder Olallo ist nicht nur für Camagüey, sondern für ganz Kuba von besonderer Bedeutung. Und nicht weniger bedeutend ist sie für die Brüder des heiligen Johannes von Gott, insofern es sich um die Entdeckung eines Ordensmanns handelt, der sich durch seine einzigartige Hospitalität und die damit verbundenen Tugenden in kurzer Zeit großes Ansehen erworben hat.

Sein außerordentliches Zeugnis der Heiligkeit und der Hospitalität, sein weit verbreiteter Ruf der Heiligkeit, der in verhältnismäßig kurzer Zeit von der Kirche anerkannt worden ist, leuchten in einer Zeit auf, die, was Berufungen angeht, speziell ist – und das gilt nicht nur für Europa, sondern auch für Lateinamerika und für den ganzen Orden. Diese Seligsprechung kann für alle ein starker Antrieb sein.

Das Motto seines vorbildhaften Lebens sagt alles, und es ist auch das Leitwort seiner Seligsprechung: „Er kümmerte sich um die Armen, Kranken und Aussätzigen; die Verlassenen und die Sterbenden; die Kinder, die krank waren, und jene, die keine Schulausbildung bekamen; die älteren Menschen, die keine Angehörigen mehr hatten, und die erkrankten Gefängnisinsassen; die Afrikaner und die Asiaten – entgegen der Sklaverei. Für alle machte er alles.“

ZENIT: José Olallo wird der zweite kubanische Selige sein, und seine Seligsprechung ist die erste, die auf Kuba gefeiert wird. Was erhofft sich die Kirche in Kuba von diesem historischen Ereignis, und wie bereitet sie sich vor?

P. Lizaso OH: Ja, unser Seliger Olallo wird tatsächlich der zweite Kubaner sein, der selig gesprochen wird, und der erste, dessen Seligsprechung in Kuba stattfindet. Allerdings ist es so, dass der Selige Olallo praktisch für alle der erste ist, denn zweifellos ist er der beliebteste und der am meisten verehrte Heilige auf der Insel.

Der erste Kubaner, der selige José López Piteira, ein Kind spanischer Einwanderer, wurde zwar auf Kuba geboren, verließ die Insel aber nicht viel später. Seine Familie blieb nur wenige Jahre dort, so dass er noch als kleines Kind mit seinen Eltern nach Spanien zurückkehrte. Dort wurde er später Augustiner, und erlitt im Jahr 1936, noch sehr jung, den Märtyrertod. Auf Kuba kannte man ihn nicht; nur seine Taufe gab Aufschluss über ihn.

Die Approbation der Heiligkeit und des Wunders auf die Fürsprache von Olallo Valdés bedeutete eine starke Ermutigung und rief große Begeisterung hervor – angesichts all dessen, was ein Nationalheiliger eben für die Kubaner und die Kirche in Kuba bedeutet, was er anzuregen vermag und wozu er Mut macht. Die Kubanische Bischofskonferenz hat vorgeschlagen, dass man sich entsprechend vorbereiten möge, um das Leben des neuen Seligen und sein Zeugnis besser kennen zu lernen und um das Ereignis realistischer und tiefer mitzuerleben.

Der Erzbischof von Camagüey hat einen Fragebogen mit 100 historischen, kulturellen und religiösen Fragen über den neuen Seligen verteilen lassen. Auch das wird bei der Vorbereitung helfen. Außerdem werden häufig Wallfahrten zu seinem Grab und zur Kirche vom heiligen Johannes von Gott unternommen, wo seine Gebeine seit 2004 verehrt werden. Verschiedene christliche Gemeinschaften und Vereinigungen trifft man dort, genauso wie Künstlergruppen oder Angehörige anderer Religionen und Kulturen, die begeistert sind und ein großes Interesse an Olallo haben.

Die Brüder vom heiligen Johannes von Gott haben von Anfang an hochherzig an den Untersuchungen für den Seligsprechungsprozess mitgearbeitet. Das Land Kuba, seine Bewohner und auch Pater Olallo verdienen es!

Olallos Heiligkeit, die mit der Seligsprechung bestätigt wird, ist ein konkretes Zeichen dafür, dass die Kirche immer mitten im Volk gegenwärtig ist, inmitten der Bedürfnisse der Menschen und im Dienst an ihrem Wohl. So handelte Olallo, und heute bemüht man sich darum, seinem Beispiel zu folgen.

All das wird außerdem dazu beitragen, dass sein Leben und sein hervorragendes Zeugnis bekannter werden; dass seine Verehrung zum Wohl aller zunimmt und seine Frömmigkeit übernommen wird, dass er immer mehr nachgeahmt wird und dass man seine Fürsprache sucht. Und sein Beispiel ist nicht nur im Hinblick auf Glauben und Religiosität wichtig, sondern auch im Hinblick auf das Gesundheitswesen und den sozialen Dienst, eben dort, wo er sich am meisten engagiert hat.

ZENIT: Was meinen Sie: Wird die Seligsprechung von Bruder Olallo auch in anderen Teilen der Welt den Glauben im christlichen Volk vertiefen können?

P. Lizaso OH: Ganz sicher! Die Ausstrahlung eines Heiligen bezieht sich ja nicht nur auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmten Einrichtung, was in unserem konkreten Fall Kuba und die Barmherzigen Brüder wären. Der Wert seines Zeugnisses und seines Eintretens vor Gott wird, vor allem später durch die Heiligsprechung, universell anerkannt und gewürdigt, in der ganzen Kirche und auf der ganzen Welt. Deshalb wollte Papst Benedikt XVI., dass ihm die Feier der Heiligsprechungen vorbehalten ist, während die Seligsprechungen von seinem Gesandten gefeiert werden.

Da der selige Olallo heute fast ausschließlich in Kuba bekannt ist und vor allem dort verehrt wird, fallen sein Beispiel und sein Zeugnis natürlich vor allem unter den dort lebenden Christen auf fruchtbaren Boden. Die Bekanntmachung seines verdienstvollen humanitären, christlichen, barmherzigen, sozialen und sanitären Einsatzes durch die Veröffentlichungen von Flugblättern, Zeitungen und Zeitschriften usw. geschah fast ausschließlich auf Kuba. Dadurch erlangte sein vorbildhaftes Leben, sein Beispiel großen Bekanntheitsgrad, und die Postulation erhielt auf diese Weise genügend Material, um seine Heiligkeit zu untersuchen. Im kubanischen Volk wird Pater Olallo als Nationalheld betrachtet, und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Annahme seiner Seligsprechung in allen Teilen der kubanischen Gesellschaft.

Ich bin außerdem der Meinung, dass dieser Schritt der Seligsprechung unseres Olallos zwar zweifellos vom ganzen kubanischen Volk besonders begrüßt wird, dass Olallo aber gerade auch durch den Hospitalorden, der auf der ganzen Welt vertreten ist, in vielen anderen Teilen der Erde bekannt werden wird.

ZENIT: Warum werden wir Bruder Olallo „selig“ nennen dürfen? Wie wird man ein Seliger oder ein Heiliger, und was ist das „Geheimnis“ des neuen Seligen?


P. Lizaso OH: „Selige/r“ ist der Titel, der im Vatikan nach einem eingehenden Studium einem Diener Gottes gegeben wird, wenn sein heroischer Tugendgrad und ein Wunder auf seine Fürsprache approbiert worden sind. Das Besondere eines Dieners Gottes, der selig gesprochen wird, ist, dass er mit der Seligsprechung offiziell und öffentlich verehrt werden kann.

„Heilige/r“ ist der kanonische Schritt nach der Seligsprechung, das heißt, wenn ein Wunder auf die Fürsprache des Seligen approbiert worden ist, dann kann die Heiligsprechung gefeiert werden.

Es gibt an und für sich kein „Geheimnis“, wenn es um die Selig- und Heiligsprechung eines Dieners Gottes geht. Aber wenn wir Olallo schon eines zuschreiben wollen, dann gibt es nur das Geheimnis seiner anerkannten Heiligkeit; dass also die Kirche sein heiliges Leben mit einem Wunder bestätigt.

Im Fall des neuen Seligen Olallo Valdés hat die Kirche das bereits getan, indem sie sein integres und beispielhaftes Leben sowie seinen vollständigen und totalen Einsatz für die Aufnahme und Betreuung der Ärmsten der Armen, der Kranken und Verlassenen anerkannt hat - sogar schon zu Lebzeiten!

Der selige Olallo ahmte den heiligen Johannes von Gott, den Gründer seines Ordens, auf so vollkommene Weise nach, dass er – genauso wie dieser – „Held der Liebe“, „Apostel der Liebe“, „Vater der Armen“ usw. genannt wurde.

[Das Interview führte Dominik Hartig. Teil 2 erscheint morgen, Freitag]