Neues zur "verborgenen Enzyklika" Pius´ XI. gegen den Rassismus

Exklusivinterview mit Anton Rauscher

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ROM, 15. Juni 2001 (ZENIT.org).- Neue historische Entdeckungen über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg deuten darauf hin, dass die katholische Kirche in jenen wirren Jahren sich entschieden gegen Rassismus und besonders gegen Antisemitismus stellte.



Dieser Tage ist im Schöningh Verlag das Buch "Wider den Rassismus" aus der Feder Anton Rauschers erschienen, dem Leiter der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle der Bischofskonferenz, das Einblick in bislang unveröffnete Dokumente bietet.

Es begann im Sommer 1938, als auf Geheiß des Papstes die Jesuiten David Desbuquois, Gustav Gundlach und John LaFarge in Paris zusammentraten, um das Konzept für ein Dokument zu erstellen, das die offizielle Lehre der Kirche über die Einheit des Menschengeschlechtes gegen alle Rassenideologien der damaligen Zeit formulieren sollte.

Es wurden drei Entwürfe im Umfang von etwa je 100 Seiten verfasst, wie Prof. Rauscher mitteilt, der ein Schüler Gundlachs ist, und zwar eines in Englisch, eines in Französisch und eines in Deutsch. Die Texte waren in ihrer jeweiligen Muttersprache von den drei Jesuiten verfasst und spiegelten die unterschiedliche Auffassung der drei Verfasser wider.

1995 erschien in Frankreich ein Buch mit dem Titel "Die verborgene Enzyklika von Pius XI.", deren Verfasser George Passelecq und Bernard Suchecky waren und die sich auf das französische Original von Pater John LaFarge stützten. Es handelte sich also um das Konzept, welches die Auffassung des Papstes für seine Enzyklika repräsentierte.

In "Wider den Rassismus" ist nun zu lesen, dass das reichhaltigste und beim Papst einflussreichste Konzept das von Gustav Gundlach (1892-1963) war, der an der römischen Jesuitenuniversität Gregoriana Professor war. Zweifelsohne war sein Text der schlagkräftigste und dem jüdischen Volk am zugeneigteste.

Die Entwürfe wurden dem Papst im Januar 1939 von dem damaligen Ordensgeneral der Jesuiten Pater Ledóchowski vorgelegt. Selbstverständlich können sie nicht als päpstliche Dokumente betrachtet werden, sondern nur als Grundlagen, die nun Korrekturen und Umänderungen unterzogen werden mussten, um sich in eine Enzyklika zu verwandeln.

Der bevorstehende Zweite Weltkrieg und die gesundheitliche Angeschlagenheit des Heiligen Vaters seit Mitte Oktober 1938 ließen die Konzepte dieser geplanten Enzyklika in den Archiven verschwinden.

Doch nun kommen diese Dokumente wieder zum Vorschein. Professor Rauscher durchforstete 1963 das Privatarchiv von Gundlach und fand einen versiegelten Umschlag mit der Aufschrift "Societatis Unio". "Das war der Titelvorschlag Gundlachs für die Enzyklika gegen den Rassismus", erklärt Professor Rauscher gegenüber ZENIT in einem Exklusivinterview. "Endlich konnte ich sehen, woraus das Konzept bestand.

Gundlach war einer der größten Experten der kirchlichen Soziallehre des 20. Jahrhunderts. Er war der erste, der den Begriff "Subsidiarität" gebrauchte - ein Konzept, das auch in der Enzyklika "Quadragesimo anno" von Pius XI. seinen Niederschlag fand. Außerdem war Gundlach ein Mitarbeiter bei der Abfassung der Enzyklika gegen den Nationalsozialismus "Mit brennender Sorge". Später war er einer der wichtigsten Berater Pius XII. in deutschen Angelegenheiten.

--ZENIT: Warum hat es keine Enzyklika "Societatis Unio" gegeben?

--Anton Rauscher: Das Konzept war kein vollständiger Text. Viele Passagen hätte man noch vertiefen müssen. Neue Studien waren notwendig, und es war nicht einmal klar, welches der Grundlagentext hätte sein sollen, der deutsche oder der französische. Außerdem wurde die politische und soziale Situation immer undurchsichtiger. 1938 kamen in Italien die Rassengesetze heraus und die Beziehungen zwischen italienischer Regierung und Heiligem Stuhl waren sehr gespannt.

Hinsichtlich der Verurteilung des Rassismus hatte der Vatikan keine Zweifel, doch man wusste nicht, ob die Veröffentlichung einer Enzyklika die Situation verbessern oder verschlechtern würde. Nach der Veröffentlichung der Enzyklika "Mit brennender Sorge" verschlechterte sich die Situation für die Juden in Deutschland erheblich.

Gundlach schrieb im November 1938 einen Brief an LaFarge, um ihm mitzuteilen, dass der Papst große gesundheitliche Probleme hatte und man legte die Entscheidung über die Veröffentlichung eines Dokumentes, das die totale Konfrontation der Kirche mit dem Naziregime hervorgerufen hätte, vorerst ad acta.

--ZENIT: War der Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli und zukünftige Pius XII. über all das informiert, der ja in einem Buch beschuldigt wurde, der "Papst Hitlers" gewesen zu sein?

--Anton Rauscher: Gundlach sagte in einem Brief an LaFarge 1939 kurz nach der Wahl Pius XII., dass Pacelli über das Projekt und die Absicht einer Veröffentlichung informiert war, doch hat er die Entwürfe nicht lesen können.

Sobald er Papst war, konzentrierte er alle Kräfte darauf, einen Weltkrieg zu vermeiden. Später verwendete er einen großen Teil des Konzeptes von "Societatis Unio" für die 1939 veröffentlichte Enzyklika "Summi Pontificatus". Auch 1941 bediente er sich dieses Materials für den 50. Jahrestag der Enzyklika "Rerum novarum" und in anderen Reden und Briefen.

Gundlach war ein Sonderberater des Pacelli-Papstes in sozialen Angelegenheiten und Pius XII. war der radikalste Gegner der nationalsozialistischen Rassentheorien.

--ZENIT: Also ist es gar keine "verborgene Enzyklika", wie uns das französische Buch glauben macht, sondern vielmehr eine später von den Päpsten weiterverwendete Studie?

--Anton Rauscher: Genau. Ich war sehr überrascht über die Bucherscheinung von Passelecq und Suchecky auf Deutsch, denn man hat lediglich das französische Konzept übersetzt, ohne den deutschen Text Gundlachs zu kennen. Ich selbst habe ihnen den Text einmal gezeigt, und ich weiß nicht, warum sie nicht das deutsche Original Gundlachs verwendet haben, das unter anderem den Juden viel gewogener war. Aber vielleicht ist das ja gerade der Grund.