Neuevangelisierung entsteht aus einer Beziehung mit Christus

Kardinal Meisners Rede während der Bischofssynode für die Neuevangelisierung

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VATIKANSTADT, 12. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Es liege in der Natur des Glaubens, dass er weitergegeben werde. Heute allerdings seien die meisten Christen froh, wenn ihnen niemand eine Frage stelle. Der Raum für die Neuevangelisierung seien die Straßen, so Kardinal Meisner in seinem Redebeitrag bei der Bischofssynode in Rom.

[Wir dokumentieren die Ansprache Kardinals Meisners im Wortlaut:]

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Es liegt in der Natur des Glaubens, dass er sich verbreitet, dass er weitergegeben werden möchte. Die Apostelgeschichte zeugt uns das in der Person des Philippus, den der Geist Gottes in Jerusalem an die Straße nach Gaza führt (vgl. Apg 26-40). Er begegnet dem Hofbeamten der Königin von Äthiopien, der in einem Wagen sitzt und an einer Jesaja-Rolle studiert, die er bei einem Devotionalienhändler im Tempelbereich erworben hat. Philippus fragt den vornehmen Herrn, ob er überhaupt versteht, was er da lese. Die Antwort ist bekannt: „Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet“ (Apg 8, 31). Philippus steigt ein, er erklärt ihm die Schrift, und nach kurzer Zeit  hält der Hofbeamte den Wagen an und lässt sich in einem vorbeifließenden Wasser taufen. Hier wird eine Kirche im Vormarsch sichtbar, die über die Straßen geht und Fragen an die Menschen stellt.

Heute sind die meisten Christen froh, wenn ihnen niemand eine Frage stellt. Von fünf Menschen, die wir auf den Straßen des Alltags treffen, sind drei auf dem gleichen Weg wie der äthiopische Regierungsbeamte, auf dem Rückweg von irgendeiner religiösen Sozialisation in ihr gegenwärtiges Leben. Sie sind beladen mit einer Auskunft über den Sinn ihres Lebens aus ihrer Vergangenheit, an der sie nun traurig herumbuchstabieren, ohne zu verstehen, was das mit ihrem Leben zu tun hat. Sie haben gleichsam ein Stück biblischer Botschaft eingekauft, so wie dieser Reisenden eine Jesaja-Rolle, aber sie haben niemanden, der sie anleitet, der eine Brücke zwischen dem Wort des Glaubens zu ihrem alltäglichen Leben schlägt. Es gehört offenbar für viele Zeitgenossen zur Modernität, an religiösen Fragen nicht interessiert zu sein.

Aber in Wirklichkeit schlägt sich ein überwiegender Teil der Menschen, zumindest in Europa, mit Fragen herum, von denen er nichts weiß oder wahrhaben will, dass es religiöse Fragen sind. Darum ist die Straße in unseren Städten und Dörfern der Ort für die Weitergabe des Glaubens. Und es braucht dabei nicht das Engagement eines hauptberuflichen Christentums, um Gottes Aufruf gehorsam zu sein. Ein kleines Stück Weggenossenschaft genügt schon viel; es kann vielleicht alles sein, wie wir das bei Philippus sehen. Wir lassen uns oft nicht auf die Probleme eines anderen Menschen ein, weil wir meinen, sie für ihn lösen zu müssen. Vielleicht braucht er aber nur ein wenig Zuhören, Mitdenken und die Wohltat, dass sich  einer in seine Lage hineinversetzt, in den Wagen seines Lebens einsteigt und seine Fragen erst nimmt. Das bedeutet, dort anzufangen und mitzudenken, wo der andere steht. Zeugenschaft für Jesus Christus braucht nicht zuerst eine komplette und kirchlich genehmigte Christologie, sondern etwas viel Wichtigeres: Sie braucht immer einen Deckungspunkt in der eigenen Existenz, und sei es nur ein einziger, ganz kleiner. Das zählt!

In manchen geistlichen Gemeinschaften gibt es solche Zeugen des Glaubens. Sie sind nötig, um das Evangelium in die Gegenwart hineinzutragen.