Neujahrsempfang im Vatikan 2009: Benedikt XVI. ruft zur Armutsbekämfpung auf

Voraussetzung sind gemeinsame Werte und Ideale, die von Gott und der Menschenwürde ausgehen

| 2359 klicks

ROM, 8. Januar 2009 (ZENIT.org).- Im Licht des Geheimnisses von Weihnachten und der Hoffnung, die davon ausgeht, sprach Papst Benedikt XVI. beim traditionellen Neujahrsempfang für das beim Heiligen Stuhl akkreditierte diplomatische Korps am heutigen Vormittag die dringlichsten internationalen Herausforderungen an und appellierte an die Staatengemeinschaft, sich wirklich für die Armen einzusetzen. Allen Anwesenden wünschte er ein Jahr 2009, das reich an Gerechtigkeit, Ruhe und Friede sei. Besonders gedachte der Heilige Vater auch der verfolgten Christen, für die er Unterstützung einforderte.



Der erste Gedanken des Papstes erging an all jene Menschen, die während des vergangenen Jahres entweder von schweren Naturkatastrophen betroffen waren (Vietnam, Birma, China, Philippinen, Zentralamerika, Karibik, Kolumbien, Brasilien) oder aufgrund von blutigen nationalen und regionalen Konflikten und Terroranschlägen leiden mussten (Afghanistan, Indien, Pakistan, Algerien).

Trotz aller Bemühungen sei der ersehnte Frieden noch in weiter Ferne, bedauerte der Papst. Dies dürfe allerdings nicht zur Mutlosigkeit führen, sondern müsse vielmehr zur Verdoppelung der Bemühungen Anlass geben, Sicherheit und Entwicklung zu fördern. In diesem Zusammenhang erinnerte Benedikt XVI. die Botschafter daran, dass der Heilige Stuhl zu den ersten Unterzeichnern der UN-Konvention gehörte, durch die die Streubomben verurteilt wurden. Dieses Dokument verfolgt nach Worten des Bischofs von Rom das Ziel, das internationale humanitäre Recht zu stärken.

Benedikt XVI. brachte anschließend seine Sorge über den Rüstungswettlauf und die nukleare Bewaffnung zum Ausdruck. Er betonte, dass die Militärausgaben „den Entwicklungsprojekten gewaltige menschliche und materielle Ressourcen entziehen“ und den Friedensprozess unterminierten.

Wie bereits in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2009 lenkte der Heilige Vater auch diesmal den Blick besonders auf die Armen. Um eine friedliche Welt aufzubauen, sei es entscheidend, den Armen wieder eine Hoffnung zu geben. Gleiches gelte für die von der aktuellen Wirtschaftkrise betroffenen Menschen. Die Nahrungsmittelkrise und die Klimaerwärmung mache „für viele den Zugang zu Nahrung und Wasser noch schwieriger“, fügte er hinzu.

Es sei dringend geboten, eine wirksame Strategie zu verfolgen, um den Hunger zu bekämpfen und die Entwicklung der lokalen Landwirtschaft zu erleichtern, dies umso mehr, da der Prozentsatz der Armen in den reichen Ländern im Steigen begriffen sei.

Papst Benedikt hält es für notwendig, „ein neues Vertrauen aufzubauen, durch das die Wirtschaft gesund sein kann“. Dies sei nur möglich, wenn die der menschlichen Person innewohnende Würde respektiert werde. „Heute mehr denn je steht unsere Zukunft auf dem Spiel“, so Benedikt XVI., „ebenso wie das Schicksal unseres Planten und seiner Bewohner.“ Man müsse in die Jugend investieren und sie zu einem Ideal wahrer Brüderlichkeit erziehen - in dem Bewusstsein, dass es einen gemeinsamen Vater der Menschheit gibt: den Schöpfergott.

Genau diese Botschaft habe der Papst, wie er selbst bekräftigte, im vergangenen Jahr bei seinen internationalen Reisen zum Weltjugendtag nach Sydney (Australien), in die USA, zur UNO und nach Lourdes (Frankreich) vermitteln wollen. Er erinnerte die Diplomaten in diesem Zusammenhang daran, dass eine „gesunde Laizität der Gesellschaft nicht die geistliche Dimension und ihre Werte ignoriert, da die Religion kein Hindernis, sondern vielmehr eine feste Grundlage für den Aufbau einer gerechteren und freieren Gesellschaft ist“.

Papst Benedikt beklagte anschließend die Diskriminierungen und schweren Angriffe, denen während des letzten Jahres Tausende von Christen in der ganzen Welt ausgesetzt gewesen seien. Solche Handlungsweisen hätten ihre Ursache in einer „moralischen Armut“. Das Christentum sei „eine Religion der Freiheit und des Friedens im Dienst des wahren Wohls der Menschheit“.

Im Gedenken an die vielen Opfer von gewalttätigen Übergriffen, insbesondere jene in Indien und im Irak, appellierte der Papst an die Regierungen, der Intoleranz und den Schikanen eine Ende zu setzen. Gleichzeitig brachte er den Wunsch zum Ausdruck, dass es in der westlichen Welt nicht zu Vorurteilen und Feindseligkeiten gegenüber Christen komme, die in bestimmten Fragen einer anderen Meinung seien.

NAHER OSTEN
Einen gewichtigen Platz in der Ansprache des Papstes nahmen angesichts der aktuellen Situation im Nahen Osten die Ausführungen zur Gewalt in der genannten Region und insbesondere im Heiligen Land ein. Der Zivilbevölkerung werde großes Leid zugefügt, und durch die Gewalt werde ein Ausweg aus dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nur noch komplizierter.

Benedikt XVI. wiederholte deshalb erneut, dass die militärische Option keine Lösung darstelle und die Gewalt, vom wem auch immer sie ausgeübt werde, eindeutig zu verurteilen sei. „Ich hoffe, dass mit der entscheidenden Hilfe der internationalen Gemeinschaft die Waffenruhe im Gaza-Streifen wieder hergestellt wird und wieder Friedensverhandlungen aufgenommen werden, und dass dabei auf Hass, Provokationen und den Gebrauch von Waffen verzichtet wird.“ Es sei sehr wichtig, dass angesichts der bevorstehenden Wahltermine in der betroffenen Gegend politische Führer hervorträten, die fähig seien, diesen Friedensprozess entschlossen voranzutreiben und ihre Völker zu einer schwierigen, aber unverzichtbaren Versöhnung zu führen.

Den Irak ermunterte der Papst, eine Zukunft ohne Diskriminierung von Rasse, Ethnien oder Religion aufzubauen. Hinsichtlich des Iran brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Kontroverse um das Nuklearprogramm des Landes am Verhandlungstisch gelöst werde. Dies würde der regionalen und globalen Entspannung einen großen Dienst erweisen.

ASIEN
Vertrauensvoll blickte der Papst auf die Situation in den Philippinen sowie auf das neue Verhältnis zwischen China und Taipei (Taiwan). Er äußerte den Wunsch nach einer endgültigen Lösung des Konflikts in Sri Lanka und forderte dazu auf, die humanitären Bedürfnisse der Bevölkerungen ernst zu nehmen.

Benedikt XVI. gedachte auch der Christen in Asien, die zahlenmäßig eine Minderheit darstellen, aber dennoch einen Beitrag zum Fortschritt ihrer Länder leisten wollten. Das täten sie, indem sie den Primat Gottes bezeugten, der eine gesündere Werthierarchie festlege und eine Freiheit schenke, die stärker sei als die Ungerechtigkeiten. Die Kirche beanspruche für sich keine Privilegien, sondern die Anwendung des Prinzips der Religionsfreiheit.

AFRIKA
Mit Blick auf Afrika betonte der Heilige Vater, dass der Heilige Stuhl alles, was dort passiere, aus der Nähe mitverfolge. Besondere Aufmerksamkeit müsse den Kindern entgegengebracht werden. Der Papst erinnerte die Vertreter des Diplomatischen Korps an das Flüchtlingsdrama zahlreicher Kinder in Somalia, im Darfur sowie im Kongo. Es handle sich dabei um Migrationsströme, die Millionen von Menschen beträfen; sie seien ihrer elementaren Rechte beraubt, ihre Würde verletzt worden. Sie bedürften dringender humanitärer Hilfe. Benedikt XVI. bekundete anschließend seine Hoffnung, dass die Wiedererrichtung des Staates in Somalia voranschreite, damit die Leiden der Bevölkerung zu einem Ende gelangen könnten.

LATEINAMERIKA
In seiner Ansprache unterstrich Benedikt XVI. die Sehnsucht der lateinamerikanischen Bevölkerung nach einem Leben in Frieden, frei von Armut und mit der Möglichkeit, in Freiheit die Grundrechte ausüben zu können. Er kam auf das Phänomen der Auswanderung und die Frage der Familienzusammenführung zu sprechen, um die Bemühungen einiger Regierungen zu loben, die versuchten, die Legalität wieder herzustellen und einen kompromisslosen Kampf gegen den Drogenhandel und die Korruption zu führen.

Der Papst thematisierte die fortschreitende Annäherung zwischen Chile und Argentinien 30 Jahre nach der päpstlichen Vermittlung zwischen diesen beiden Ländern und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass das Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und Brasilien die freie Evangelisierung seitens der Kirche erleichtere und die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat zur ganzheitlichen Entwicklung der Person stärke.

Die Hauptaufgabe der Kirche bestehe darin, die Gewissen zu erleuchten und Laien auszubilden, die fähig sind, mutig in die zeitlichen Wirklichkeiten einzugreifen, indem sie sich in den Dienst des Gemeinwohls stellen.

Der Papst begrüßte dann die christliche Gemeinde in der Türkei und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass es unter Achtung der Rechte der Minderheiten zu einer friedlichen Lösung der Krise in Zypern, im Kaukasus und unter den Völkern von Serbien und des Kosovo kommen werde.

Abschließend kam Benedikt XVI. auf die „ärmsten Menschen“ zu sprechen, die noch nicht geborenen Kinder; die armen, kranken und verlassenen alten Menschen sowie an die Familien, deren Angehörigen voneinander getrennt sind. Benedikt XVI. betonte, dass Armut wirksam bekämpft werde, wenn die Menschheit durch gemeinsame Werte und Ideale brüderlicher geworden sei. Diese Werte müssten ihre Wurzeln in der Würde der Person haben, in der Freiheit, die mit Verantwortung einhergehe, und schließlich in der tatsächlichen Anerkennung des Platzes Gottes im Leben der Menschen.