Neutestamentler Klaus Berger zum Jesus-Buch aus der Feder von Papst Benedikt XVI.

„Eindrucksvolles Zeugnis persönlicher Gottsuche“

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WÜRZBURG, 16. April 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Der Papst hat den ersten Teilband seines auf zwei Bände berechneten Jesus-Buches vorgelegt. Liest man diesen Band als Exeget, so wird man dem Papst und der Kirche dazu nur gratulieren können. Denn dieses Buch ist ein starkes und mutiges Zeugnis großer theologischer Kompetenz und sehr lebendiger, temperamentvoller Lehre.



Zunächst das Menschliche. Bei der Lektüre ist es mir immer wieder so ergangen, dass ich die Stimme des Papstes selbst hörte, besonders bei dem leicht bayerisch akzentuierten „der Herr“. Ja, es gibt auch einen Passus, der unzweifelhaft auf Bayern weist, nämlich dort, wo der Papst den Lesern eindrücklich machen will, warum die Berge in der Verkündigung Jesu so wichtig sind: „... Berg als Freiwerden von der Last des Alltags, als Atmen in der reinen Luft der Schöpfung; Berg, der den Ausblick auf die Weite der Schöpfung und ihre Schönheit gewährt; Berg, der mir innere Höhe gibt und mich den Schöpfer ahnen lässt.“

Wir alle kennen diesen Papst als demütigen, bescheidenen und humorvollen Menschen. Diese drei Eigenschaften kommen zusammen in der Weise, in der der Papst die Einsetzung des Papsttums in Mt 16, 18f behandelt beziehungsweise nicht behandelt. Die einzige Stelle, an der der Herr den Papst selbst im Auge hat, legt Benedikt XVI. nicht aus, sondern verweist auf den verstorbenen Protestanten Oscar Cullmann und dessen Petrusbuch (1952). Das ist nicht nur charmanter Humor, sondern auch ein lange ersehntes ökumenisches Signal. Cullmann meinte, dass der Petrusdienst für die Kirche eine Bedeutung habe, die über das Neue Testament hinausgehe. Auf die Vorliebe des Papstes für konservative Protestanten werden wir noch zurückkommen.

Der Antichrist beschäftigt den ehemaligen Tübinger Professor

Als ehemaliger Tübinger Professor kann es der Papst natürlich nicht lassen, mit Sorge und Augenzwinkern darauf hinzuweisen, dass nach Solowjew der Antichrist von der Theologischen Fakultät in Tübingen den Ehrendoktor erhalten wird, denn der Antichrist werde „ein großer Exeget“ sein. Damit aber bahnen wir uns langsam den Weg zu einigen Lieblingsthemen des Papstes, bei deren Lektüre man auch als Exeget öfter schmunzeln muss und wohl sicher auch darf. Seinen Ruhestand hat der protestantische Exeget Joachim Jeremias nun gleichfalls in Tübingen verlebt. Diesen vor einem Menschenalter verstorbenen konservativ-pietistischen Exegeten schätzt der Papst (inklusive Vorliebe für Jes 53) so sehr, dass man versucht ist, sein Buch – natürlich übertriebenermaßen – einen „Joachim Jeremias für Katholiken“ zu nennen. Denn, was die übrigen Exegeten betrifft, so sagt der Papst zwar im Vorwort, er habe sein Buch nicht „gegen die Exegese“ geschrieben, aber wenn man die Bemerkungen über diese Art Theologen liest, dann wäscht der Papst ihnen ganz schön den Kopf – und zwar mit Recht. Denn jeder Exeget erkennt in Jesus natürlich am ehesten das wieder, was er selbst ist. Nach der immer noch vorherrschenden liberalen Exegese ist Jesus ein liberaler Jude, der die Tora eben in Richtung auf Humanität auslegt, oder ein Weisheitslehrer. Oder jedenfalls ein Religionsrebell, welche Sorte Theologen in Tübingen auch nicht ganz unbekannt ist.

Man lese auch die schönen Sätze über die angebliche nachösterliche theologische Produktivität der „Gemeinde“: „Der anonymen Gemeinde wird eine erstaunliche theologische Genialität zugetraut: Wer waren eigentlich die großen Gestalten, die solches erfanden? Nein, das Große, das Neue und Erregende kommt gerade von Jesus, im Glauben... der Gemeinde wird es entfaltet, aber nicht geschaffen.“ Und: Wegen braver Moralismen wäre niemand zum Kreuz verurteilt worden. Das alles ist bei den exegetischen Gegnern Verkürzung der Botschaft und erreicht nicht die wirkliche Tiefe der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Wer aber zum Beispiel in Deutschland kann dem vom Papst geforderten Tiefgang wirklich gerecht werden?

So erscheint der Papst selbst als der beste Lehrer der Ausleger, und ich bekenne, dass ich durch sein Buch eine Menge dazugelernt habe und der Richtung grundsätzlich und von Herzen zustimme. Das betrifft vor allem die großen Stärken der Auslegung in diesem Buch: Dass Jesus Christus im Zentrum steht, dass immer wieder die Eucharistie hervorgehoben wird, dass Marxismus und Befreiungstheologie kurz und kräftig kritisiert werden, desgleichen sehr eindrücklich Feminismus („Mutter“ ist kein Titel Gottes, sondern ein Bild). Zu den Stärken gehört auch die Hervorhebung von Gebet und Liturgie (gegen Harnack, Jesus habe den Kult abgelehnt) und nicht zuletzt die Rolle der Kirchenväter als Inspiratoren der Ausleger. Viele deutsche Exegeten haben von den meisten der zitierten Väter wohl noch nicht einmal den Namen gehört.

Auch dieses: Auslegung des Neuen Testaments wird grundsätzlich vom Alten Testament her betrieben. Auch das ist leider keineswegs selbstverständlich. Nicht nur Adolf von Harnack (+1930), auch neuere Liberale möchten das Alte Testament am liebsten abschaffen.

Mutig und fruchtbar interpretiert der Papst Reich Gottes, Sabbat, Gleichnisse und Seligpreisungen konsequent christologisch. So wird das im 19. Jahrhundert so beliebte Gleichnis vom verlorenen Sohn christologisch, weil Jesus in und mit der Liebe des Vaters sich selbst darstellt und verteidigt. Kurz und klar ist auch der Abschnitt über das Heil für Nichtchristen, die nach Meinung des Papstes wenigstens sehnsuchtsvoll auf der Suche sein sollten. Und zur Frage: Was hat Jesus eigentlich der Welt gebracht? Wohlstand? Frieden? bemerkt der Papst: Jesus hat der Welt Gott gebracht, Gott als ihr wahres Gut. Im Zentrum des Buches steht eine Diskussion mit dem jüdischen Gelehrten J. Neusner. Der Papst liebt derartige Dispute mit hochrangigen Nicht-Christen. Neusner habe klar erkannt: Jesus hat von der Tora nichts abgeschafft, doch sich selbst hinzugefügt.

Wie arbeitet der Papst hier exegetisch? Wodurch ist das Buch so anregend? Oft gibt der Papst Anregungen in exegetisches Neuland hinein. Das heißt: Er äußert sich kühn, der Exeget widerspricht spontan, merkt aber im Laufe des Bedenkens, dass der Papst doch „irgendwie“ Recht hat. An zwei Beispielen sei das verdeutlicht. Der Papst sagt über die Stellung Jesu zum Alten Testament: „Jesus ist (sc. jetzt) die Tora“. Der Exeget: Nein, Jesus ist vollmächtiger Ausleger der Tora. Anregung: Aber er ist es durch seine ganze Person. Daher sagt die Himmelsstimme: „Ihn sollt ihr hören“.- Oder der Papst sagt: „Jesus ist mehr als Mose, weil er nach Joh 1, 18 Gott Aug in Aug gesehen hat, was Mose nicht konnte“. Der Exeget sagt: Nein, gerade nach Joh 1, 18 hat Jesus (nur) im Schoß des Vaters gelegen.

Wo Exegeten näher hinschauen sollten

Das Bild betrifft die Sitzordnung, nach der man den gerade nicht sieht, bei dem man doch so nahe ist. Anregung: Man sollte neu fragen, wieweit der Satz „Niemand hat Gott je gesehen“ für Jesus gilt oder doch nicht gilt. Ich habe diese beiden Fragen hier genannt, weil sie darauf aufmerksam machen, dass die Exegese der Zukunft, wenn sie wirklich gesprächsfähig sein will, nicht umgehen kann, ähnlich schöne und brillante Formulierungen zu finden, wie sie aus der Dogmengeschichte bekannt sind, und zwar bereits zur Beschreibung neutestamentlicher Positionen. Die Probleme sind nicht damit gelöst, dass man erklärt, die Autoren der Bibel seien eben noch nicht so weit gewesen. Doch, waren sie, die Exegeten müssten nur näher hinschauen.

Wie der Papst vorgeht? Manchmal werden sich dem liberalen neukatholischen Exegeten die Haare sträuben, wenn der Papst biblische Theologie quer durch die Bibel betreibt, etwa zum Thema Getreide, Mahl, Eucharistie, Lamm oder Berg. Das kann glücken, kann aber auch nerven (etwa bei den wilden Tieren von Mk 1 und der Schöpfung nach Röm 8, 19). Meistens glückt es (wie zum Beispiel beim Thema „Taufe Jesu und Kreuz“).

Der Papst erklärt im Vorwort, dass er begründete Kritik gerne hört. Trotzdem mag das für viele wichtigtuerisch und besserwisserisch erscheinen. Aber ich glaube, mit dem Papst dahingehend einer Meinung zu sein, dass Weihrauch in die Liturgie gehört und nicht in die Diskussion über Bücher. So fasse ich mir denn ein Herz und bekenne: Ich bin nicht damit einverstanden, dass der Titel „Sohn Gottes“ in die nachösterliche Zeit fällt, nur weil er im Munde Jesu nicht vorkommt. Wohlgemerkt: Der Papst sagt, dass das Begriffspaar „der Sohn“ – „der Vater“ jesuanisch sei. Und man wird nun mit dem Papst einige Mühe aufwenden müssen, dem Laien verständlich zu machen, dass „der Sohn“ etwas anderes ist als „Sohn Gottes“. Aber beides ist verschieden, wie der Papst mit Recht sagt. Nur, dass ein Titel „im Munde Jesu“ vorkommen müsse, um seinen Ursprung vor Ostern haben zu können, kann ich gerade in diesem Fall nicht einsehen. Denn der Gattung nach ist „Sohn Gottes“ doch ein Bekenntnis, das im Gegenüber zu Jesus geäußert wird. Was Wunder, dass er das nicht selbst zu sich sagt! Beim „Menschensohn“ war das anders, der wird nur in der dritten Person genannt. Aber beim „Sohn Gottes“ ist schon die religionsgeschichtliche Herleitung defizitär.

Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Schon im zweiten Jahrhundert vor Christus wird im Judentum der Titel „Sohn Gottes“ aus dem Besitz des heiligen Geistes hergeleitet (Jubiläenbuch 1, 23f) und eben nicht aus der Königsideologie. Und so ist es auch durchgehend im Neuen Testament. Wo immer erklärt wird, wie Jesus Gottes Sohn sein kann, wird auf den heiligen Geist gewiesen. Die Frage des Königtums Jesu steht kaum je zur Debatte. Und weil der heilige Geist so wichtig ist dabei, deshalb sind es auch die unreinen Geister, die Dämonen, die Jesus als den Sohn Gottes zuerst bekennen. Und als Petrus ein zwar richtiges, aber doch mangelhaftes Bekenntnis zum Sohn Gottes ablegt, weil er das Leiden ausklammern möchte, wird er Satan genannt, also ein böser Geist. Und von der Sünde wider den heiligen Geist nach Mk 3 ist eben angesichts einer falschen Christologie die Rede, die Jesu Geist – der ihn zum Sohn Gottes macht – bei Beelzebul ortet. Und Paulus sagt in 1 Kor 12, 1–3, nur vom heiligen Geist geleitet könne man einen anderen christologischen Titel, nämlich Kyrios, bekennen, sonst eben nicht. Das heißt: Gerade beim Sohn Gottes, aber auch bei anderen Titeln, ist der Sitz im Leben des Bekenntnisses der pneumatologische Dualismus (das heißt der Kampf zwischen heiligem Geist und unreinen Geistern). Dem entspricht auch das „Widersagst du dem Satan...?“ im alten Taufritual, bei der Übergabe des Bekenntnisses. Wenn der Titel „Sohn Gottes“ da hinein gehört, dann hat er sehr wohl einen vorösterlichen Ursprung, und zwar in einem grundlegenden Bereich der Tätigkeit Jesu, in dem es um den Ursprung seiner Vollmacht geht.

Auf derselben Linie liegt, dass der Papst für die Exorzismen Jesu nicht viel übrig hat. Nein, es wurde nicht die Furcht vor Dämonen ausgetrieben, sondern eben die Dämonen selbst. Und ich finde es etwas unglücklich, wenn ausgerechnet in diesem Zusammenhang und mit dieser Auslegung das Lieblingsthema des Papstes von der Vernunft verbunden wird. Dann sieht es so aus, als sei es der vernünftige Glaube, der die Angst vor den Dämonen vertreibe. Hier möchte ich den Papst gegen seinen eigenen Wortlaut verteidigen: Dämonen sind nicht irrational, sondern ein erweiterter Vernunftbegriff gibt ihnen, dem Satan und dem recht gebrauchten Exorzismus Raum. Auch das vom Papst so tiefschürfend ausgelegte Vaterunser endet mit einer exorzistischen Bitte.

Gibt es also vielleicht in dieser Auslegung doch eine pneumatologische Schwäche? Nach Joh 6 bedeute „Fleisch“ nur die Abkunft von Abraham, „Geist“ dagegen die Vergeistigung (=Universalisierung?) des Gesetzes. Darüber würde ich gern mit dem Papst streiten, hätte er nicht so viel anderes um die Ohren. Jedenfalls erwarte ich für Band II ein Kapitel über Wunder.

Warum sich Jesu „Ich bin es“ von Jesaja-Texten unterscheidet

Nicht überzeugt hat mich die Auskunft, jedes „.. dass ich es bin“ im Munde Jesu sei eine Theophanie-Formel. Der Papst verweist vor allem auf die Jesaja-Texte 43, 10.13; 41, 4; 46, 4; 48, 12, wo das bloße „ich bin es“ die Gottheit Gottes bezeuge. Doch an jeder dieser Stellen steht das „ich bin es“ in einem zeitlichen Bezug zum Vorher und (oder) Nachher, so dass man übersetzen muss: „Ich bin der gleiche... “ oder „auch hinfort bin ich es noch“. Das aber ist bei keinem der vom Papst angeführten Jesus-Worte so. Unter diesem Aspekt kämen allerdings andere Jesusworte in Betracht: „Ehe Abraham ward, bin ich (schon)“ (Joh 8, 58) oder Gottes Stimme Joh 12, 28 „Ich habe verherrlicht und werde verherrlichen“ oder Jesus nach Offb 1, 17. Wenn Jesus auf dem Meer den Jüngern sagt „Ich bin es (doch)“ (Joh 6, 20), so hilft nicht nur die Alltags-Analogie, dass man jemanden an der Stimme erkennt, diese wird im Johannes-Evangelium selbst hervorgehoben (Joh 10, 4; 20, 16).

Dass in Qumran eine klösterliche Gemeinschaft lebte, war ein dominikanischer Wunschtraum von P. de Vaux. Dass Abraham seinen Sohn nicht auf den Horeb brachte, sondern auf den Berg Morija, ist ein schon älteres Desiderat, dessen Erfüllung der Papst schon länger versprochen hat. Dass die Jünger sehr wohl um „Brot für morgen bitten konnten“ (so die meines Erachtens einzig richtige Übersetzung von Mt 6, 11), ist nicht unsinnig. Denn Bäckerläden wie in Tübingen und Rom an jeder Straßenecke gab es in Palästina nicht. Man konnte nicht „mal schnell ein Brötchen kaufen“, sondern musste das Korn am Tag vorher besorgen, im eigenen Hause mahlen, säuern lassen und backen. Der Vers ist für sesshafte Christen, die gab es nämlich auch und die mussten die Wandermissionare versorgen, sonst hätten die Mahnungen in den Aussendungsreden keinen Sinn, keinerlei Proviant mitzunehmen.

Kehren wir vom professoralen Gemeckere zurück zu dem, was mich bei diesem Buch wirklich bewegt: Der Papst hat es erkennbar nicht leicht gehabt mit der Exegese. Und wann begibt sich ein Systematiker schon mal in die Grabenkämpfe der Exegeten? So sagt er, das Buch sei „einzig Ausdruck“ seines „persönlichen Suchens nach dem Angesicht des Herrn“. Genau das bemerkt der aufmerksame Leser auf jeder Seite. Und deshalb kommt es dem Leser nach der Lektüre leicht über die Lippen: „Deo gratias!“

[© Die Tagespost vom 14.04.2007]