„Nicht für uns sind wir Apostel, Evangelisten, Hirten, sondern für die anderen"

Erzbischof Zollitsch während der Vesper zur Herbst-Vollversammlung in Fulda

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FULDA, 21. September 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Wir veröffentlichen das Manuskript der Predigt, die der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, heute, Montag, bei der Vesper zum Auftakt der diesjährigen Herbst-Vollversammlung in Fulda gehalten hat.

Erzbischof Zollitsch sprach über den Hirtendienst und bekräftigte mit Worten Benedikts XVI.: „Unser Amt ist ein Geschenk Christi an die Menschen, um seinen Leib – die neue Welt – aufzubauen. Leben wir also unser Amt als Geschenk Christi an die Menschen!"

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Liebe Mitbrüder,

wir beginnen unsere Herbstvollversammlung wie jedes Jahr mit dem Gebet der Vesper am Grab des heiligen Bonifatius. Wir dürfen dies in diesem Jahr an einem Apostelfest, dem Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus, tun. Die Lesung aus dem Epheserbrief lädt uns ein und leitet uns an, uns auf das Apostelamt und damit auch auf unseren eigenen Dienst zu besinnen. Sie erinnert daran, dass der Herr es ist, der in seiner Kirche die einen zu Aposteln, andere zu Propheten macht, dem einen das Amt des Evangelisten und dem anderen das des Hirten anvertraut. Vom Herrn kommt jedes Amt, von ihm kommt jeder Auftrag.

Die Lesung aus dem Epheserbrief erinnert zugleich daran, wozu Jesus seiner Kirche diese Ämter gegeben hat. Wir haben unser Amt nicht für uns, nicht unseretwegen erhalten. Nicht für uns sind wir Apostel, Evangelisten, Hirten, sondern für die anderen. Wir haben unser Amt und unseren Auftrag, um die Heiligen, die Gläubigen, für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten. Unser Amt ist uns gegeben zum Dienst am Leben, zum Dienst am Dienst der anderen in unserer Kirche und in unseren Gemeinden. Sie sollen durch uns, durch unser Leben und unser Tun, gerüstet und befähigt werden für die Erfüllung ihres Dienstes. Das heißt: auch sie haben einen Dienst in der Kirche, einen Auftrag zum Aufbau des Leibes Christi, der Kirche. Jeder der Heiligen, jedes der Glieder des Leibes Christi hat einen Platz und eine Aufgabe, um den Leib Christi, die Gemeinschaft des Glaubens aufzubauen. Wir sind nicht da, um ihnen diese Aufgabe abzunehmen; wir sind nicht da, um sie zu ersetzen, sondern um sie zu befähigen, ihren Dienst zu tun.

Durch den Dienst am Aufbau des Leibes Christi sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen. Das heißt doch: zur Einheit gelangen durch den Dienst am anderen und für den anderen und damit und dadurch zur Einheit in der Erkenntnis des Sohnes Gottes. Und das heißt nach dem Apostel weiter: so zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.

Dieses „Für“, das „pro nobis“, das „für uns“ bestimmt das Leben und Wirken Jesu. Er ist für uns Mensch geworden; er hat für uns gelitten, ging für uns in den Tod und ist auferstanden, damit wir das Leben haben. Wir leben von ihm und für ihn. Wir leben als Christen und erst recht als Bischöfe für die anderen und auch von den anderen. Und das heißt, den Dienst so ausrichten und ausfüllen, wie Jesus Christus ihn gelebt hat.

Unseren Glauben, unser Amt, unseren Dienst haben wir selbst nur, weil andere vor uns diesen „Dienst für“ geleistet haben. Das wird uns hier, am Grab des heiligen Bonifatius und am Tag des Evangelisten Matthäus in besonderer Weise bewusst: ohne ihren Dienst hätten auch wir unseren Glauben nicht. Unser verstorbener Heiliger Vater, Papst Johannes Paul II., bezeichnete den heiligen Bonifatius als den „Anfang des Evangeliums“ in unserem Land – und zugleich stand er auf den Schultern derer, die vor ihm geglaubt haben. Bonifatius nahm seinen Dienst an, er diente selbstlos und er diente „für“. Sein Dienst ist gelebte Frohe Botschaft. An seinen Dienst knüpfte Papst Johannes Paul an, als er im Jahr 1980 in Fulda zu Besuch war. Hier in Fulda sprach er von der Verantwortung der Bischöfe und betonte: „Verkündet das Wort mit der ganzen hingebenden, suchenden, verstehenden Liebe des Guten Hirten. Hört auf die Fragen, welche jene stellen, die meinen, in Jesus Christus und seiner Kirche keine Antwort mehr zu finden. Glaubt fest daran, dass Jesus Christus sich gleichsam mit jedem Menschen verbunden hat und dass jeder Mensch sich selbst, seine echten menschlichen Werte und Fragen, in ihm wiederfinden kann.“

Papst Johannes Paul erinnert uns so daran, dass Jesus immer schon da ist, wenn wir zu den Menschen kommen. Und das ist auch die Perspektive und Verheißung, mit der Matthäus sein Evangelium schließt, mit der Zusage Jesu: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

Im Treppenhaus unseres Ordinariats in Freiburg ist der Evangelist Matthäus überlebensgroß dargestellt mit einem Spruchband in Händen, auf dem dieser letzte Satz seines Evangeliums steht: „Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Und dabei hat sich ein Fehler eingeschlichen – bei der Angabe der Bibelstelle. Statt Mt 28,20 ist Mt 18,20 angegeben. Dort steht die Aussage Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Ob wir dies nicht in besonderer Weise als Hinweis des Herrn für unsere Herbstvollversammlung verstehen dürfen?

Der Zöllner Levi hat sich von Jesus von seiner Zollstätte rufen lassen und ist zum Zeugen und Künder des Evangeliums geworden. Ein Bonifatius ließ sich zu seiner Zeit auf den Kontinent rufen. Dies bedeutet für uns: Wachsam sein für Gott, damit wir Tag für Tag seinen Ruf hören, den Ruf zum Dienst am Dienst unserer Schwestern und Brüder.

Liebe Mitbrüder, zu Beginn des Konklaves im Jahr 2005 hat Joseph Kardinal Ratzinger als Dekan des Kollegiums unseren Lesungstext aus dem vierten Kapitel des Epheserbriefes, allerdings schon beginnend mit Vers 8, ausgedeutet und eine Ermutigung an uns Hirten und Lehrer formuliert, die ich uns mit in die kommenden Beratungen geben möchte. Er sagte: „Wir kommen schließlich noch einmal auf den Epheserbrief zurück. Der Brief sagt – mit den Worten des 68. Psalms –, dass Christus, als er in den Himmel auffuhr, "den Menschen Geschenke gab" (Eph 4,8). Der Sieger verteilt Geschenke. Und diese Geschenke sind Apostel, Propheten, Evan­gelisten, Hirten und Lehrer. Unser Amt ist ein Geschenk Christi an die Menschen, um seinen Leib – die neue Welt – aufzubauen. Leben wir also unser Amt als Geschenk Christi an die Menschen!“ Eine Einladung, die herausfordert und demütig macht. Amen.