Nicht nur Aquileias Steine bezeugen die Größe des Glaubens

Ob Papst Benedikt XVI. zum Chromatius-Jubiläum nach Friaul kommt, ist ungewiss – Gründe dafür gäbe es jedoch reichlich

| 941 klicks

Von Stephan Baier

WÜRZBURG, 27. Mai 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Julius Caesar war hier. Die römischen Kaiser Augustus, Mark Aurel und Konstantin der Große auch. Der Überlieferung nach soll der Evangelist Markus im Auftrag Petri hier den heiligen Hermagoras als ersten Bischof installiert haben. Papst Johannes Paul II. war der kleine, heute nur mehr 3.500 Einwohner zählende Ort in Friaul im Jahr 1992 eine Reise wert. Und derzeit hoffen die Katholiken von Aquileia auf einen Besuch Papst Benedikts XVI. „Warum sollte der Papst nicht kommen? Also, wir hoffen schon, dass er zum Abschluss des Festjahres des Heiligen Chromatius zu uns kommt“, so beantwortet ein hilfsbereiter Mesner in der fast menschenleeren Basilika zu Aquileia skeptische Rückfragen. Heute lassen Touristen und Geschäftsleute Aquileia links liegen, rauschen auf der Autobahn Udine-Venezia achtlos an der geschichtlichen Perle vorbei. Die meisten Urlauber, die es im Sommer an die Strände des schönen Grado zieht, durchqueren Aquileia ohne eine Pause einzulegen, und ohne knapp vor ihrem Ziel – dem Meer – in der Basilika aus der Kraft der Tradition zu schöpfen.

Der heilige Chromatius, dessen Tod vor 1.600 Jahren in Aquileia ein ganzes Jahr lang, bis 2. Dezember 2008, gedacht wird, mag den meisten heutigen Theologen wenig sagen. Das war nicht immer so: Chromatius, der von 387 bis zu seinem Tod im Jahr 407 Bischof von Aquileia war, stand in literarischem Kontakt mit den Größen seiner Zeit, korrespondierte mit Ambrosius von Mailand, Johannes Chrysostomus und Hieronymus. Erhalten sind etliche seiner Predigten, ein Kommentar zum Matthäus-Evangelium und eine vielfach bewunderte Homilie über die Seligpreisungen.

Papst Johannes Paul II. appellierte bei seinem Besuch am 30. April 1992 an die Gläubigen: „Stadt von Aquileia, Land der Märtyrer und der Heiligen, Heimat des heiligen Valerianus, des heiligen Chromatius und des Patriarchen Paulinus, vergiss deine berühmten geistlichen Traditionen nicht!“ Der Papst selbst erinnerte die Einwohner daran, wie missionarisch hier im ersten und zweiten Jahrhundert die Christen wirkten, wie das Evangelium von hier ausgehend das Veneto und Istrien erreichte und formte, aber auch das heutige Kärnten, Slowenien, Ungarn und Dalmatien. „Aquileia wurde so zu einem wichtigen Pol der missionarischen Ausstrahlung, von wo aus heilige Bischöfe, Experten in der Lehre und in der Liebe, das Erbe der geoffenbarten Wahrheit durch ihre Predigt, ihre Schriften und die Einberufung von Synoden tapfer verteidigten.“

Johannes Paul II. fühlte sich davon inspiriert: „Aquileia, mit seiner Geschichte und der Kraft seiner christlichen Traditionen, bezeugt beständig, dass eine wohlverstandene Brüderlichkeit unter den Völkern möglich ist.“ Diese „alte geistliche Einheit“ gelte es heute wieder zu bestärken, sagte der Papst 1992. Tatsächlich war Aquileia „eines der ersten Zentren der Evangelisation Europas“. Zu seiner Glanzzeit unterstanden dem Patriarchen von Aquileia mehr als 25 Diözesen zwischen Bayern, Ungarn, Dalmatien und Norditalien.

Ein verschlafenes Dorf, voller Glaubensgeschichte
Nur wenig erinnert heute in dem kleinen, in Wintermonaten ziemlich verschlafen wirkenden Dorf an die einstige Größe: Da ist, bevor man zur dominanten Basilika mit ihrem 73 Meter hohen Campanile kommt, an der Zufahrtsstraße das Forum, dessen teilweise rekonstruierte Säulen stumme Zeugen der römischen Epoche sind.

Erst in jüngerer Zeit gaben Ausgrabungen Reste frühgeschichtlicher Siedlungen preis, so dass das Jahr 181 vor Christus lange als Geburtsstunde Aquileias galt. Unter Kaiser Augustus war die Stadt bereits strategisch und ökonomisch so bedeutsam, dass das Handelszentrum zur Hauptstadt der zehnten Region „Venetia et Histria“ erhoben wurde. Ob nun tatsächlich der Evangelist Markus hier missionierte, ob er den heiligmäßigen Hermagoras in Rom dem Petrus vorstellte und dann zum Bischof von Aquileia bestellte, all das mag so wenig zu klären sein, wie die Fragen nach der Echtheit der Kathedra des Markus, welche sich in einem Nebenraum zur Basilika Sant Eufemia in Grado befindet. So düster, unbeachtet und scheinbar vergessen wie der Bischofsstuhl dort steht, mag man versucht sein, den Venezianern zu glauben, die sagen, es handle sich hier nur um eine Kopie – denn das Original hätten sie selbst erfolgreich gestohlen und nach Venedig gebracht.

Bischof Hermagoras erlitt unter Nero das Martyrium, mehrere seiner Nachfolger unter Valerian und Diokletian. Doch dies brach die missionarische Kraft Aquileias nicht: Im September 381 trafen sich hier 35 Bischöfe, um – wie Papst Benedikt XVI. formulierte – „die letzten Reste des Arianismus im Westen niederzuringen“. In der Generalaudienz vom 5. Dezember 2007 würdigte Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang die Rolle des heiligen Chromatius, der von Ambrosius zum Bischof geweiht, von Hieronymus verehrt und um Rat gefragt, von Johannes Chrysostomus gar unter die drei bedeutendsten Bischöfe Italiens gezählt wurde.

„Chromatius war ein weiser Lehrer und ein gewissenhafter Hirte“, so der Papst, der auch die Theologie dieses Bischofs von Aquileia zu referieren weiß: Sehr wichtig sei ihm das Geheimnis der Dreifaltigkeit gewesen und das Wirken des Heiligen Geistes. „Doch besonders intensiv beschäftigt sich der heilige Bischof immer wieder mit dem Geheimnis Christi: Das fleischgewordene Wort ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er hat die Menschheit ganz und gar angenommen, um ihr das Geschenk seiner Göttlichkeit zu machen. Diese Wahrheiten, die auch in Abgrenzung zu den Arianern beständig bekräftigt wurden, werden etwa fünfzig Jahre später zur Definition des Konzils von Chalcedon führen. Die starke Betonung der menschlichen Natur Christi führt Chromatius dazu, über die Jungfrau Maria zu sprechen.“ Benedikt XVI. lobt: „Seine mariologische Lehre ist klar und präzise.“

Doch Chromatius hatte nicht nur geistliche Feinde wie den Arianismus abzuwehren, sondern auch politische. Während sich die kirchliche Jurisdiktion, wie der Papst weiß, „über die derzeitigen Gebiete der Schweiz, Bayerns, Österreichs und Sloweniens bis hin nach Ungarn“ erstreckt, wird Aquileia von den Westgoten bedrängt. Chromatius stirbt 407 im Exil. Nicht allzu fern allerdings, nämlich im nur zehn Kilometer südlicheren Grado, jener wundervollen Lagunenstadt, die heute die Badetouristen anlockt. Für die Bischöfe von Aquileia war sie Zufluchtsort vor Goten, Langobarden und Hunnen. Als 452 Hunnenkönig Attila die Stadt zerstörte, wurde der Bischofssitz nach Grado verlegt. Noch zweimal, bei der Invasion der Ostgoten unter Theoderich 489 und beim Ansturm der Langobarden 568, bewährte sich das von Bischof Augustinus befestigte „Castrum Gradense“.

Mehrfach stellte sich der bedrängte und zugleich machtvolle Erzbischof von Aquileia gegen Rom: Im „Dreikapitelstreit“ von 557, in dem Paulinus I. sich dank der apostolischen Gründung den Patriarchen-Titel sicherte, und bei einer schismatischen Synode, die 579 in der Basilika Sant Eufemia in Grado stattfand. 606 wurde das Patriarchat von Aquileia geteilt, weil das Domkapitel seinem Patriarchen nicht von Grado (Aquileia Nova) nach Aquileia folgen wollte. In der Folge erhielt der von Rom und Byzanz unterstützte Patriarch in Grado die Jurisdiktion über Istrien und die Adriaküste, während der schismatische Konkurrent aus Aquileia seinen Sitz in langobardisches Gebiet verlegte. Doch unter karolingischer Herrschaft blühte Aquileia neu auf. Karl der Große und seine Nachfolger sahen im Patriarchat ein Bollwerk gegen Avaren und Ungarn. Die Basilika wurde erstmals wiedererrichtet und mehrfach vergrößert.

Weltliches vergeht, Geistliches besteht
Die weltliche Herrschaft des Patriarchen von Aquileia endet 1420 mit der Besetzung Friauls durch Venedig. Patriarch Ludwig II. Teck hatte buchstäblich auf das falsche Pferd gesetzt, als er Ungarn im Krieg gegen die Markusrepublik unterstützte. Sein Nachfolger Ludwig III. Trevisan verzichtete 1445 gegen ein Jahresgehalt auf jede weltliche Herrschaft. Im kirchlichen Sinne wurde das Patriarchat erst 1751 auf Drängen der Habsburger von Papst Benedikt XIV. aufgelöst und durch die neu gegründeten Erzdiözesen Udine und Gorizia (Görz) ersetzt.

Der Titel des Patriarchen, wenngleich vererbt von Grado, lebt fort im Patriarchat von Venedig, womit Aquileia über seinen einstigen Fluchtort Grado auch eine Brücke zu den Päpsten Pius X., Johannes XXIII. und Johannes Paul I. behaupten könnte, die vor ihrer Wahl zum Nachfolger Petri Patriarchen von Venedig waren. Der Titel des Erzbischofs von Aquileia lebt ebenfalls fort, und für eine ganz kurze Zeit war der spätere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner, auch Titularerzbischof von Aquileia: als er von 6. Januar bis 24. Februar 1969 Koadjutor des Erzbischofs von Köln, Kardinal Frings, war.

Warum aber sollte ein der Lagune von Grado entgegeneilender Tourist, der links der Via Julia Augusta das römische Forum entdeckt und kurz darauf rechts ein imposantes Mausoleum, die Geschwindigkeit reduzieren und die auf dem Rücksitz meckernden Kinder um etwas Geduld für „Kultur“ bitten? Was kann die der Jungfrau Maria, dem heiligen Bischof Hermagoras und seinem ebenfalls heiligen Diakon Fortunatus geweihte Patriarchalbasilika dem heutigen Besucher sagen? Johannes Paul II. erinnerte daran, dass die Basilika von Aquileia die erste Maria als „Gottesmutter“ geweihte Kirche war. Und er betonte ausgerechnet in Aquileia, dass „der Beitrag der Gläubigen, verwurzelt im lebendigen Glauben an Jesus den Gott-Meschen, unverzichtbar ist, um es Europa zu erlauben, seine Identität und seine Einheit zu finden“.

Mehrfach zerstört, weist diese der Gottesmutter geweihte Basilika noch heute romanische und gotische Stilelemente auf, während das erhöhte Presbyterium als Meisterwerk der Renaissance gilt. Kann man den Mesner überreden, das Licht in der darunter befindlichen Krypta anzuschalten, dann braucht man viel Zeit, um die Passions- und die Ritterszenen, die Episoden aus dem Leben von Hermagoras und Fortunatus zu erschließen. Szenen aus Glaube und Geschichte: Zeichen der Identität und der Einheit Europas?

Auf dem Zeugnis der Märtyrer gegründet
Im Mittelschiff wie im rechten Seitenschiff der Basilika überrascht ein vielfältiger Mosaikfußboden mit profanen und religiösen Motiven. Viermal haben die Aquileier ihre zerstörte Basilika wieder aufgebaut, jeweils auf den Überresten der bisherigen. So zeigt ihre Kirche – „auf dem Zeugnis der Märytrer gegründet“, wie Johannes Paul II. sagte – heute nicht nur die einstige Größe und Bedeutung des hiesigen Patriarchats, sondern auch den Beharrungswillen eines Glaubens, den die Invasionen der Barbaren und die Häresien des Zeitgeistes nicht brechen konnten.

Trotz Hunnen, Goten und Langobarden, trotz Arianismus und Kirchenspaltung, trotz hohem Aufstieg und tiefem Niedergang wird im linken Seitenschiff der Basilika von Aquileia sonntags die Heilige Messe gefeiert – dieselbe Messe wie im Petersdom zu Rom oder in Sant Eufemia in Grado. Dort, inmitten der vom Meer umspülten Lagunenstadt, findet sich eine hohe, schmale Kanzel, die nicht minder den Lauf der Zeiten spiegelt: auf römischen Säulen ruht diese hochmittelalterliche, gotische Kanzel, über der sich ein maurisch anmutender Baldachin wölbt. Und droben auf der Spitze des Campanile thront, dem Meer zugewandt, der Erzengel Michael.

[© Die Tagespost vom 24. Mai 2008]