Nicht nur etwas für Katholiken: Zu den Katechesen Benedikts XVI. über die Kirchenväter

Interview mit dem Theologen David Warner

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CHARLOTTESVILLE, 30. Mai 2007 (ZENIT.org).- Die Katechesen, die Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am Mittwoch den frühchristlichen Kirchenvätern widmet, beflügeln nach Worten des US-Theologen David Warner die Hoffnung auf Einheit unter den Christen.

Im Gespräch mit ZENIT erläutert der katholische Theologe, der einmal evangelischer Pastor war, wie ihn die Lektüre der Kirchenväter zur Rückkehr zur Katholischen Kirche veranlasst hat. Darüber hinaus geht der Professor am Sankt-Paul-Zentrum für biblische Theologie in Steubenville (US-Bundesstaat Ohio) und Gastprofessor an der Universität von Sacramento (Kalifornien) auf verschiedene Aspekte der päpstlichen Mittwochs-Katechesen ein.

ZENIT: In wiefern waren die frühen Kirchenväter in Ihrem persönlichen Leben, zunächst als protestantischer Pastor und später als Katholik, von maßgeblicher Bedeutung?

-- Warner: Es war in meiner Gymnasiastenzeit, als ich die katholische Kirche verließ. Eine weit umherschweifende Suche führte mich weg von der Kirche zu einem selbst gebastelten Christentum.

Nach drei Jahren Wanderschaft nahm ich wieder den Glauben an den dreifaltigen Gott an und erlebte eine evangelikale, auf das Evangelium gegründete Bekehrung zu Jesus als Gott und Herrn. Dies war der Anfang dessen, was sich am Ende als Wiederentdeckung der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“, wie sie im Nizänischen Glaubensbekenntnis genannt wird, und als Rückkehr zu ihr herausstellte.

Immer und immer wieder kam ich während meiner 18 Jahre währenden Gastspieltournee durch verschiedene Richtungen des Protestantismus darauf zurück, mich intensiv mit den frühen Jahrhunderten des Christentums zu beschäftigen.

Während ich einmal einen Einführungskurs in Kirchengeschichte hielt, wurde mir bewusst, dass ich nur unvollständig mit der einen, unmittelbar von Christus gegründeten und von den Vätern bezeugten Kirche verbunden war. Die Lektüre der apostolischen Väter und der Apologeten des zweiten christlichen Jahrhunderts zwang mich dazu, mich mit den durch und durch „katholischen“ Elementen des frühen Christentums auseinanderzusetzen.

Ich konnte der Tatsache nicht ausweichen, dass die Christen bereits in den ersten Generationen zum Beispiel an eine sakramentale Theologie, an eine Hierarchie, an deren Spitze die von den ersten Aposteln bestellten Bischöfe standen, und an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie glaubten.

Als ich dann wieder Katholik war, wurde meine christliche Bildung dadurch korrigiert und bereichert, dass ich auf drei Gebieten der katholischen Theologie einen akademischen Grad erwarb. Meine Lieblingsstudien bezogen sich auf die Patristik.

Ob ich nun biblische oder systematische Theologie studierte oder Moraltheologie, historische oder pastorale Theologie, katholische Pädagogik oder Ökumenismus, bei allem ging es mir darum, zu erforschen, was die ältesten Theologen und Hirten lehrten und lebten.

Bei meinen Studien für die Doktorarbeit stand Kardinal Newman, der englische Konvertit des 19. Jahrhunderts, im Mittelpunkt, der – wie so viele, die zunächst evangelische Geistliche waren, mich eingeschlossen – vor allem durch den Einfluss der Kirchenväter zur Fülle der frühen Kirche zurückkehrte.

ZENIT: Warum sollten sich gerade auch die Christen, die keine Katholiken sind, mehr für die apostolischen Väter der ersten zwei Jahrhunderte interessieren als für spätere Heilige und Kirchenlehrer?

-- Warner: Die apostolischen Väter und die ersten Bischöfe und Apologeten sind für uns das früheste Bindeglied in der Kette, die die heutigen Christen mit den zwölf Aposteln verbindet.

Benedikt XVI. erinnert uns mit einem Zitat des heiligen Irenäus von Lyon, eines Bischof des zweiten Jahrhunderts, daran, dass der heilige Klemens, der dritte Bischof von Rom als Nachfolger des heiligen Petrus, noch „die Predigten der ersten Apostel im Ohr und das von ihnen Überlieferte vor Augen“ hatte.

Papst Klemens hatte keinerlei Bedenken, auf seiner über Rom hinausgehenden apostolischen Autorität zu bestehen, indem er die Ortskirche von Korinth im fernen Griechenland belehrte und zurechtwies.

Andere bedeutende Bischöfe, mit denen sich Benedikt XVI. beschäftigt – zum Beispiel der heilige Ignatius von Antiochien und der heilige Polykarp –, starben als Märtyrer für die Wahrheit, von der sie wussten, dass sie sie direkt von den ersten Aposteln empfangen hatten, die sie ihnen weitergegeben hatten.

Ich weiß noch, dass ich mir – damals noch protestantischer Pastor – Gedanken machte und mich fragte: Wenn schon Klemens, Ignatius, Polykarp und Irenäus nach knapp einer oder zwei Generationen es nicht richtig verstehen konnten, wie konnte ich dann hoffen, begreifen zu können, dass Jesus tatsächlich der war, von dem im Neuen Testament die Rede ist, und dass er eine Kirche gegründet hatte, die die Pforten der Hölle zum Einsturz bringen würde und bis zu seiner Wiederkunft vom Geist der Wahrheit geführt werden würde?

Schließlich hatte ich es satt, mein eigener Papst sein zu wollen, und kehrte zur Kirche der Väter zurück.

ZENIT: Was glauben Sie, wie werden nicht-katholische Christen und Andersgläubige die Katechese Benedikts XVI. über die Väter der frühen Kirche beurteilen?

-- Warner: Es ist unwahrscheinlich, dass es viele geben wird, die direkt auf diese Katechesen stoßen. Wenn dies aber der Fall sein sollte, dann wird ihre Reaktion von ihren vorgefassten Meinungen und bestehenden Überzeugungen beeinflusst werden.

Diejenigen, die eher einer sozio-historischen, revisionistischen Richtung angehören, werden dazu neigen, Benedikts Katechesen als nichts weiter als einen Wideraufguss der Geschichte zu klassifizieren, wie sie im alten Streit um die rechte Lehre „von den Siegern geschrieben wurde“.

In den Augen dieser Leute steht dem eine schier endlose Flut von „verlorenen Evangelien“ und „neuen Entdeckungen“ der Heiligen Schrift beziehungsweise bibeltreuen Schriften der frühen Bischöfe und Heiligen gegenüber – zumindest als Ergänzung, wenn nicht sogar als gleichwertig oder überlegen.

Hier haben wir ein einschlägiges Beispiel dafür, wovor Kardinal Ratzinger in seiner Predigt direkt vor dem päpstlichen Konklave gewarnt hat: „Einen eindeutigen Glauben zu haben, der auf das Credo der Kirche gegründet ist, wird heute oft als Fundamentalismus etikettiert… Wir bewegen uns einer Diktatur des Relativismus zu, der keine Gewissheiten anerkennt.“

Wir sind es zum Beispiel inzwischen gewöhnt, jedes Mal zu Weihnachten und Ostern von den Medien mit abenteuerlichen Theorien über Jesus und die Vielfältigkeit des frühen christlichen Glaubens bombardiert zu werden, wobei sie sich auf so genannte „unterdrückte“ Schriften berufen.

Bezeichnenderweise wurden diese Schriften von Autoren verfasst, die unter einem Pseudonym auftreten; sie gaben vor, selbst ein Apostel oder einer ihrer Gefährten zu sein. Viele dieser Manuskripte verbreiteten gnostische Lehren, vor denen schon neutestamentliche Autoren im ersten Jahrhundert n. Chr. gewarnt hatten. Diese Texte wurden von den frühen Bischöfen verworfen, weil sie von den Lehren Christi, wie sie durch die Apostel und ihre Nachfolger überliefert worden waren, abwichen.

Eines der ermutigenden Zeichen ist das wachsende Interesse unter einigen protestantischen Geisteswissenschaftlern und Pastoren, die von dem Projekt der Wiederentdeckung und Aneignung der einzigartigen Weltsicht, Theologie und Spiritualität der Väter fasziniert sind.

In dem Bestreben „katholischer“ zu werden, ohne notwendigerweise „römisch“ zu werden, bringen gegenwärtig viele evangelische Theologen und Herausgeber seriöse Untersuchungen über die biblische Theologie der apostolischen Väter heraus.

Dies ist ein vielversprechender Weg möglicher Konvergenz, der Benedikts XVI. persönliche ökumenische Bemühungen unterstützen könnte. Ich denke, dass diese Schwestern und Brüder in Christus in den Überlegungen des Papstes über die Patristik Nahrung für ihr Denken und eine Erweiterung ihrer religiösen Vorstellungen finden könnten.

ZENIT: Können Sie sich einen Grund vorstellen, weswegen Benedikt XVI. seine Katechese über diese frühen christlichen Väter ausgerechnet jetzt hält?

--Warner: Die gegenwärtige Katechesen-Reihe über die Väter begann am 7. März 2007. Es handelt sich dabei um die Fortsetzung der Katechese des Papstes über das Mysterium der Kirche, die vor einem Jahr im März 2006 begann, mit wöchentlichen Meditationen über jeden einzelnen der zwölf Apostel.

Bis zum Oktober 2006 war der Papst dann soweit, unsere Aufmerksamkeit auf den heiligen Paulus zu lenken und auf dessen Mitarbeiter: auf apostolische Männer wie Timotheus und Titus, die ersten Bischöfe, und auf Laien, die in der Gemeinde eine Leitungsfunktion innehatten, wie etwa das Ehepaar Aquila und Priscilla.

Benedikt XVI. ist bestrebt, dem Gebot unseres Herrn an Petrus – „Weide meine Schafe“ – Folge zu leisten. Die Nahrung, die er uns in diesen Katechesenreihen reichen will, ist das ungeheuer reiche Vermächtnis von heiligen Männern und Frauen, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechung als Zeugen für das Evangelium Jesu Christi und für die Kirche gelebt haben und gestorben sind.

Von ihrem Zeugnis her können wir das Geheimnis der Kirche als „Gegenwart Christi unter den Menschen“ besser verstehen.

Für Katholiken ist die Heilsgeschichte das Drama von Gottes sich entfaltendem Plan für sein Volk. Diese Geschichte kann man auf den Seiten der Heiligen Schrift und denen der Kirchengeschichte nachlesen. Die Gedanken Benedikts XVI. sind dazu bestimmt, uns dazu zu veranlassen, das Wesen und die Sendung der Kirche im Kontext der Heilsgeschichte neu zu betrachten.

ZENIT: Welche Gemeinsamkeit können Christen bei den Vätern finden, wie könnte dies die ökumenischen Bemühungen unterstützen?

-- Warner: Die Väter können den Christen aller Konfessionen zur Information und auch als Herausforderung dienen. Protestanten können ihre vergessenen Wurzeln wiederentdecken. Dies wiederum führt oft dazu, dass sie katholische, griechisch-orthodoxe und andere episkopale und liturgische Traditionen mehr schätzen lernen.

In anderen Fällen wird die Aufgeschlossenheit gegenüber den Vätern zum ersten Schritt zur Annahme dessen, von dem wir glauben, dass es die Fülle des christlichen Glaubens und Handelns ist, was in der katholischen Kirche verwirklicht ist.

Katholiken können und sollten einige der patristischen Prioritäten, in denen zeitgenössische Evangelikale ja ihre Stärke haben, wieder entdecken: in und für Christus zu leben; die Bibel als das einzige maßgebende geschriebene Wort Gottes zu verehren und aufmerksam zu lesen; besser informierte und begeisterte Zeugen für Jesus Christus, den einzigen Retter der Welt, zu werden.

Wir können unsere katholische Tradition neu beleben, die darin besteht, dass wir alle Gaben des Heiligen Geistes, zu denen sowohl charismatische als auch hierarchische gehören, fördern und pflegen, bis wir zum Ziel gelangen, zu einem gereiften und vereinten Christentum. All diese charakteristischen Merkmale der katholischen Tradition werden bei den Vätern eindeutig gelehrt und entfaltet und uns als nachahmungswürdiges Beispiel vor Augen geführt.

Wir können wieder lernen, „mit beiden Lungenflügeln zu atmen“, wie Papst Johannes Paul II. oft zu sagen pflegte, wenn er davon sprach, dass wir aus beiden christlichen Traditionen der Theologie und Spiritualität, der westlichen und der östlichen, unseren Lebensatem empfangen.

Viele der frühesten Väter waren ja „griechisch-orthodox“; sie lebten im Nahen Osten oder Nordostafrika und schrieben auf Griechisch oder in anderen nicht-lateinischen Sprachen. Unsere griechisch-orthodoxen Brüder haben die größte Hochachtung vor den Gestalten der Kirchengeschichte, die der Papst uns als Beispiel und zur Unterweisung vor Augen stellt.

Benedikt XVI. schenkt uns Hoffnung auf die Einheit der Christen, indem er uns zu Ignatius von Antiochien führt, der „in Wahrheit ein Lehrer der Einheit“ war. Dieser Bischof lehrte die Einheit der Dreifaltigkeit, die Einheit des inkarnierten Logos und die Einheit der Kirche im Band der Liebe.

Das Rezept des Ignatius für eine authentische Spiritualität und Ökumene war „eine fortschreitende Synthese von der Gleichgestaltung mit Christus – das heißt Vereinigung mit ihm, Leben in ihm – und der Hingabe an seine Kirche – das heißt der Einheit mit dem Bischof, dem großherzigen Dienst an der Gemeinschaft und an der Welt.“

Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, dass der authentische Ökumenismus mit persönlicher, innerer Reue und Erneuerung beginnt. Dies kann zu einer weit reichenden, umfassenden Demut und Erneuerung der Institution Kirche führen und zu einer Gelehrigkeit gegenüber den Lektionen, die uns die Geschichte gibt.

Durch die Schriften der apostolischen Väter können alle Christen von diesen privilegierten Zeugen für das heilige „depositum fidei“, des „Grundstock des Glaubens“, das den ersten Aposteln von unserem Herrn anvertraut worden ist, lernen. Die Väter und Apologeten des ersten und zweiten Jahrhunderts sind gleichsam ein Fenster zum Geheimnis der Kirche als „der einen, heiligen, katholischen und apostolischen.“