„Nicht um zu richten, sondern um zu retten“

Das Sakrament der Freude

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Von Antonio Gaspari

ROM, Mittwoch, 12.Juli 2011 (ZENIT.org). - In einem Abschnitt des Evangeliums nach Johannes sagte Jesus zu Nikodemus: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde“(Joh 3,17).

Um die Menschen zu retten, die aufgrund ihrer Schwäche fallen, gibt es in der Kirche das Sakrament der Beichte. Es ist ein Sakrament, dessen Praktizieren grundlegend ist für das Werk der Umkehr und das ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Gläubigen und Theologen zurückkehrt.

In diesem Zusammenhang hat Andrea Mardegan, Kaplan am Universitätskolleg Torriana in Mailand, das Buch „Das Sakrament der Freude“ im Paoline- Verlag veröffentlicht. In diesem Werk zeigt  er Evangeliumsabschnitte auf, die eine unmittelbare Verbindung zu den Themen Bekehrung, Bitte um Vergebung, Beichte und Versöhnung haben.

Mit diesem Buch versucht der Autor auf „Verbum Domini“ von Papst Benedikt XVI. zu antworten, worin es heißt: „ Damit sich die versöhnende Kraft des Wortes Gottes vertieft, wird empfohlen, dass sich jeder einzelne Pönitent durch die Meditation eines Abschnitts aus der Heiligen Schrift auf die Beichte vorbereitet.“

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln, die repräsentativ für einen Leitfaden zur Hinführung zur Beichte  sein dürften und  mit einem Empfinden von Glück, Freude, Seligkeit und des Segens verbunden sind.

ZENIT interviewte Don Andrea Mardegan.

Ein weit verbreitetes Vorurteil sieht in der Beichte eine Art von Gericht, das selektiert und Sünder bestraft, während die Beichte für einen Christen die höchste Form der Liebe ist, die der Herr gegeben hat. Können Sie den Zusammenhang zwischen Bekenntnis und Liebe erklären und warum Sie ihrem Buch den Titel „Das Sakrament der Freude“ gegeben haben?

Don Mardegan: Einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe, ist die Wahrheit, dass das Evangelium uns rettet, dass Jesus gekommen ist, den Sündern zu verzeihen und das zu retten, was verloren war. Auch heute erwartet man nichts anderes: Er ist der Erlöser. Um ihn zu treffen, müssen wir aber die Wahrheit annehmen, dass wir Sünder sind. Wir müssen auf ihn zugehen wie der jüngere Sohn in dem Gleichnis, der zum Vater zurückkehrt, der von ihm geküsst und umarmt wird: Die erhaltene Vergebung, die neue Kleidung, ein Fest mit Musik und Tanz – eine Frucht der Freude, die die Versöhnung mit Gott schenkt, nicht nur für den Sünder selbst, sondern für seine ganze Familie, die die Kirche ist. Was in der Beichte geschieht, ist die höchste Manifestation der Liebe. Hier wird die ganze Liebe Gottes in die Herzen ausgegossen, und in diesem Überfluss des Guten wird das Böse, das die Sünde ist, verworfen. Der Sünder (jeder von uns) drückt mit seiner Bitte um Vergebung seine Liebe zu Gott aus (um Vergebung zu bitten ist stets ein Akt der Liebe); sein ganzes Vertrauen in ihn, das Flüchten in seine Arme. Es gibt auch die Liebe des Sünders für die Kirche und das Vertrauen in das Priestertum, das ein Geschenk Gottes ist. Der Beichtvater seinerseits manifestiert die ganze mütterliche Liebe der Kirche zu den Sündern. Die brüderliche Liebe des Priesters unterstützt, ermutigt, rät und lässt uns nicht allein. Es gibt in der Kirche viele Zeichen brüderlicher Liebe, aber in der Beichte erreichen sie ihren Höhepunkt. Ich habe dem Buch den Titel „Das Sakrament der Freude“ gegeben, weil das Evangelium die Freude der Umkehr hervorhebt und es eine allgemeine Erfahrung ist, dass eine gute Beichte eine tiefe Freude bringt. Das wissen die Beichtväter, und Heilige sagen es auch. Ich erinnere mich vor allem an Aussprüche des seligen Johannes Paul II. und des heiligen Josemaría Escrivá, die es liebten, sich in ihren Katechesen über die Beichte so oder ähnlich auszudrücken.

Warum beichten?

Don Mardegan: Um Christus zu begegnen, um seine Stimme zu hören, die sagt: „Auch ich verurteile dich nicht, deine Sünden sind dir vergeben, geh und sündige nicht mehr“; um seine Hilfe zu erhalten, seine heiligmachende Gnade, die uns heiligt, seine sakramentale Gnade, die uns eine spezifische Hilfe ist, um den Weg fortzusetzten, um von Gott gestärkt zu werden im gegenwärtigen Kampf unseres Lebens. Des Weiteren, um Rat und das Gebet des Beichtvaters zu erhalten, um sich wirklich mehr zu erkennen, um nicht allein auf dem Weg zu sein. Es geht darum, sich an der Reinheit der Seele in der Taufgnade zu erfreuen, um anderen helfen zu können. Um unser Denken dem  der Kirche gegenüberzustellen, dem Denken Christi,  in Angelegenheiten, die uns im Tiefsten betreffen und die wir manchmal mit anderen nicht besprechen können oder wollen. Es ist eine Hilfe, um nicht in Versuchung geführt zu werden oder in falsche Ideen, in Verhaltensweisen, die uns in die Irre führen, um sich einer absoluten Vertraulichkeit sicher zu sein. Um ein Wort  ewigen Lebens zu hören.

Was bedeutet es, sich auf die Beichte vorzubereiten?

Don Mardegan: Es hängt von der Situation eines jeden Einzelnen ab, aber ich würde sagen, dass es das ist, was der Papst in „Verbum Domini“ rät: sich auf die Beichte durch eine Meditation des Evangeliums im Gebet vorzubereiten. Das ist es auch, wozu mein Buch eine Hilfe für den Leser sein soll: Eine gläubige Sicht der Präsens Christi in seinem Sakrament und seiner Anwesenheit in seinem Diener wiederzuerlangen. Es ist er, allein er, der sagen kann: Ich spreche dich los von deinen Sünden. In seinem Namen kann der Beichtvater die Vergebungsworte sprechen. Sich durch die Betrachtung des Evangeliums vorzubereiten, kann bedeuten, „zu sich selbst zurückzukehren“ wie der verlorene Sohn und die Erkenntnis unseres Daseins als Sünder anzunehmen. Es kann ein durch den heiligen Geist geführtes Annehmen des Wortes Gottes und der Lehre der Kirche sein: Durch dieses  oder jenes Handeln, Denken und Reden habe ich gesündigt. Sich vorzubereiten kann bedeuten: den Vorsatz zu fassen, mit der Hilfe Gottes und der Gnade des Sakramentes nicht mehr zu sündigen, auch wenn wir wissen, dass wir allein es nicht vermögen. Jedenfalls können einige dieser Schritte auch während des Gesprächs beim Sakrament geschehen. Am besten ist es, gut vorbereitet zur Beichte zu gehen in dem Bewusstsein, dass es die Gnade Gottes ist, die heilt, und nicht unsere eigene Kraft, und ein guter Beichtvater muss wissen, wie er angemessen helfen kann.

In welchem Sinn sündigt der Mensch?

Don  Mardegan: In seiner aktuellen Situation nach der Erbsünde hat der Mensch die Schwierigkeit, Gott zu erkennen, ihn zu verstehen, er vergisst ihn schnell und setzt sich selbst an seine Stelle. Andernfalls es ist sehr einfach, als Ziel seines Lebens nicht Gott, die unendliche Liebe zu setzen, die alle  Handlungen motiviert, sondern eine Schöpfung Gottes, einen geliebten Menschen oder ein Ziel in dieser Zeit, Arbeit, Macht, Reichtum, ein Vergnügen. Alle Dinge, die von Gott geschaffen sind, die in der Ordnung seiner Liebe sind, haben ein positives und heiliges Ziel. Aber der Mensch, der sündigt, verfehlt sich objektiv oder er verfehlt sich in der Ordnung, er ignoriert einen wesentlichen Aspekt des Guten, er ist Gott gegenüber ungehorsam, entscheidet selbst, was gut und was böse ist. Sehr oft geschieht dies aus Schwäche, aus der Gebrochenheit, andere Male kann es eine Bosheit sein, die im Bösen wurzelt. Wie die ersten Kapitel der Genesis berichten, fehlte in diesem Prozess nicht der Versucher, der Feind der Menschheit, der Ankläger gegen unsere Brüder, derjenige, der trennt. Die menschliche Erfahrung und die Kirche lehren auch, dass eine Sünde, wenn sie nicht gereinigt wird, eine andere, schlimmere, hervorbringen kann, es ist wie eine negative Kette. Aber die Kraft der Vergebung Christi, die wir in den Szenen des Evangeliums meditieren, ist immer größer als die Sünde.

Wer ist berechtigt, Sünden zu vergeben?

Don Mardegan: Diejenigen, denen Jesus diese Macht nach seiner Auferstehung gegeben hat, die Apostel und ihre Nachfolger: Der Papst und die Bischöfe und ihre Mitarbeiter, die Priester, die von ihnen das Sakrament der Priesterweihe und die Beauftragung, Beichte zu hören, erhalten haben. Aber das Interesse Christi und das der Kirche an der Vergebung der Sünden ist dergestalt, dass eine Person, wenn sie sich in Todesgefahr befindet und keine Möglichkeit hat, bei einem Priester zu beichten, auch ein vom Priestertum Dispensierter oder jemand, der sein Priestertum verlassen hat, die Absolution von den Sünden geben kann.

Ein älterer Beichtvater sagte mir, dass der Herr über unsere Fehler traurig sei, er wäre jedoch in erster Linie daran interessiert, die guten Werke zu sehen, zu denen wir fähig sind. Es genüge nicht, tugendhaft zu sein, wenn keine guten Werke folgten. Ist diese Ansicht richtig?

Don Mardegan: Sicherlich hat der ältere Beichtvater kluge Dinge gesagt, und auch ich höre, um zu lernen. Was der Herr für unsere Sünden gelitten hat, sehen wir, wenn wir auf das Kreuz schauen. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika „Dominum et vivificantem“ über den Schmerz Gottes nach der Sünde der Stammeltern gesprochen. Das war der erste Schmerz, der in die Geschichte des Heils kam, es war nicht der Schmerz des Menschen. Aus der Sicht der Seelsorge ist es angebracht, all das zu unterstreichen, was die Christen zum Beichten ermutigt und was lehrt, um Vergebung zu bitten. Es kann die Betrachtung der Passion Christi sein, wodurch der Heilige Geist die Schwere der Sünde erklärt, oder es kann die Macht der Auferstehung sein, das neue Leben, das Gott durch seine Vergebung schenkt. Er macht alles neu. Jesus ist glücklich, uns wiederzufinden, uns zu verzeihen, uns persönlich zu begegnen und uns durch sich selber umzugestalten. So wie er glücklich war, Zachäus vom Maulbeer-Feigenbaum rufen zu können, oder wie er glücklich war über die Tränen der Sünderin, die seine Füße benetzt haben. Zu den guten Werken: Keine guten Werke zu tun ist nicht tugendhaft, weil Tugend eine Fähigkeit ist, Gutes zu tun. Es ist wahr, dass eine angebliche Sündlosigkeit nicht genügen kann, wenn sie nicht mit der Liebe und dem Tun des Guten verbunden ist, denn wo weniger Liebe herrscht, erreichen wir nicht das Hauptgebot Jesu, das alle anderen enthält. Im ersten Jakobusbrief heißt es, dass der Glaube ohne Werke tot ist. Und das Verhalten Jesu als „Beichtvater“, wenn man so sagen kann, das ich in meinem Buch durch die Meditation verschiedener Evangelientexte zu vertiefen gesucht habe, ist immer am Guten orientiert, das ich wirken kann, wenn ich von der Sünde geheilt bin. Man denke nur an die Samariterin, die gegangen ist, um allen zu verkünden, dass sie dem Messias begegnet sei, oder an Zachäus, der sein Leben änderte und das Vierfache zurückgab; an den Gelähmten, der zu den Seinen zurückkehrte und Gott lobte; an Petrus, der weinte, aber dann seine Brüder stärkte.

Wie geschieht die Gewissenserforschung, und warum ist sie so wichtig?

Don Mardegan: Im letzten Kapitel meines Buches habe ich verschiedene Fragen zur Gewissenserforschung vorgeschlagen. Bemerkt habe ich das große Interesse der Leser für diese Hilfe. Es ist nicht möglich, allgemeine Rezepte zu geben. Die Vorbereitung auf die Beichte unterscheidet sich von der täglichen Gewissenserforschung, die normalerweise kurz und voller Liebe zu Gott ist. Es hängt auch davon ab, ob jemand häufiger beichten geht oder  ob seit der letzten lange Zeit vergangen ist. Es ist Christus, der zur Wachsamkeit aufruft, und Papst Benedikt hat dies einige Male in Erinnerung gerufen, zuletzt anlässlich seiner Ansprache vor der Apostolischen Pönitentiarie. Wir neigen in dem, was wir tun, dazu, herunterzuspielen, zu vergessen oder zu übertreiben. Wir müssen uns vor Gott und seinem Wort im Gewissen fragen, was in unserem Verhalten gegen ihn gerichtet war. Wir müssen uns fragen, ob wir das tun, was wir als seinen Willen für uns erkannt haben, ob wir seine Gebote erfüllen, ob wir unsere Pflichten des täglichen Lebens erfüllen, bei den Umständen und den Menschen, die wir treffen. Um dem Leser zu helfen, habe ich Fragen anhand der Zehn Gebote vorbereitet. Eingeleitet habe ich sie mit Texten aus den biblischen Seligpreisungen, weil sie uns daran erinnern: Wenn wir unser Gewissen erforschen, ob wir nach den Geboten leben, ist es wie eine Straße des Glücks, die uns der Herr versprochen hat. Es ist wichtig, uns im Lichte des Heiligen Geistes zu prüfen, um nicht wie jemand zu sein, der den Balken im eigenen Auge nicht bemerkt, aber den Splitter aus dem Auge seines Bruders entfernen möchte; um nicht ein blinder Führer zu sein, der andere Blinde in den Abgrund führt; um nicht das Haus eines christlichen Lebens auf Sand zu bauen; um nicht zuzulassen, dass in unserem Inneren das Unkraut vom Feind in der Nacht gesät wird, sondern das der Same des Wortes Gottes durch die Vorbereitung auf guten Boden in unserem Herzen fällt: Fort mit dem Unkraut und den Steinen, fort mit den Vögeln, die nur stehlen wollen. Positiv ausgedrückt, um jemand zu sein, der sein Haus auf Felsen baut, der Jesus folgt, wo er auch hingeht, der sein Jünger wird und das Evangelium in seinen täglichen Lebensumständen verkündet; der sein Leben durch die Liebe schenkt und auf seine Berufung antwortet. Die Muttergottes, die nicht gesündigt hat, sondern alles aus dem Leben Jesu und aus unserem Leben in ihrem Herzen bewahrt und erwägt, kann uns dabei helfen.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Mag. Maria Raphaela Hölscher]