Nicht Wiedergeburt, sondern Auferstehung: P. Cantalamessa rät, den Tod zu betrachten

Kommentar zum Gedenktag Allerseelen

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2. November 2007 (ZENIT.org).- Der Gedanke an den eigenen Tod verhilft zu einem besseren Leben und räumt Probleme aus dem Weg. Das betont P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zum Gedenktag Allerseelen (Er bedient sich folgender Lesungen: Weish 3,1-9; Off 21,1-5.6-7; Mt 5,1-12).



Die tief verwurzelte Abneigung gegen den Tod ist in seinen Augen ein „Beweis dafür, dass wir nicht für ihn geschaffen sind und dass es nicht er sein kann, der das letzte Wort hat“. Die christliche Antwort auf den Tod ist der Auferstandene. Deshalb sei er nicht mehr ein Abgrund, „der alles verschlingt, sondern eine Brücke, die zum anderen Ufer führt, zum Ufer der Ewigkeit“.

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Lehre uns, unsere Tage zu zählen!

Allerseelen bietet Gelegenheit zu einer existentiellen Betrachtung des Todes. In der Heiligen Schrift lesen wir diese feierliche Erklärung: „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden… Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören“ (Weish 1,13-15; 2,24). Diese Worte lassen uns verstehen, warum der Tod in uns so große Abneigung hervorruft. Der Grund ist, dass er nicht zu unserer „Natur“ gehört; so, wie wir ihn in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge erfahren, ist er etwas, das unserer Natur fremd ist, Ergebnis des „Neids des Teufels“. Deshalb kämpfen wir mit all unseren Kräften gegen ihn an. Diese unsere ununterdrückbare Ablehnung des Todes ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht für ihn geschaffen sind und dass es nicht er sein kann, der das letzte Wort hat. Gerade dessen versichern uns die Worte der ersten Lesung der Heiligen Messe: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren.“

Die Todesangst ist jedem Menschen zutiefst eingeprägt. Es hat solche gegeben, die jede menschliche Tätigkeit auf den Sexualtrieb zurückführen und mit ihm alles erklären wollten, sogar Kunst und Religion. Mächtiger aber als der Sexualtrieb ist der Instinkt, den Tod abzulehnen; die Sexualität ist nur eine seiner Manifestationen. Könnte man den lautlosen Ruf hören, der von der gesamten Menschheit aufsteigt, so würde man den gewaltigen Schrei vernehmen: „Ich will nicht sterben!“

Warum also sollen die Menschen eingeladen werden, an den Tod zu denken, wenn er doch schon so sehr gegenwärtig ist? Ganz einfach: Weil wir Menschen die Wahl getroffen haben, den Gedanken an den Tod zu verdrängen; so zu tun, als ob es ihn nicht gebe, oder als ob er nur für die anderen existierte, nicht aber für uns. Wir planen, wir rennen, wir machen uns verrückt um nichtiger Dinge willen, gerade so als sollten wir nicht zu einer bestimmten Zeit alles verlassen müssen.

Der Gedanke an den Tod aber lässt sich nicht mit diesen kleinen Kunstgriffen beiseite schieben oder entfernen. Deshalb bleibt nichts anderes, als ihn zu unterdrücken oder seiner Ernsthaftigkeit mit beruhigenden Mitteln zu entfliehen. Die Menschen haben nie aufgehört, Mittel gegen den Tod zu suchen. Eines dieser Mittel heißt Nachkommenschaft: in den Kindern weiterleben. Ein anderes ist die Berühmtheit. In unseren Tagen verbreitet sich ein neues Pseudomittel gegen den Tod: die Lehre von der Wiedergeburt.

Die Lehre von der Wiedergeburt ist unvereinbar mit dem christlichen Glauben, der dagegen die Auferstehung vom Tod bekennt. „Es ist dem Menschen bestimmt, worauf dann das Gericht folgt“ (vgl. Hebr 9,27). So wie die Wiedergeburt unter uns im Westen vorgebracht wird, ist sie (unter anderem) Ergebnis eines kolossalen Missverständnisses: Ursprünglich bedeutete Wiedergeburt nämlich nicht eine Zugabe zum Leben, sondern zum Leiden; sie ist kein Grund zur Tröstung, sondern ein Grund zum Schrecken. Mit ihr wird dem Menschen gesagt: „Pass auf: Wenn du Böses tust, so wirst du wiedergeboren, um es zu büßen!“ Es ist, als sagte man einem Gefangenen am Ende seiner Haft, dass seine Strafe verlängert worden ist und alles wieder von vorne anfangen muss.

Das Christentum hat hinsichtlich des Problems des Todes etwas ganz anderes zu bieten. Es verkündet, dass „einer für alle gestorben ist“, dass der Tod besiegt worden ist; er ist kein Abgrund mehr, der alles verschlingt, sondern eine Brücke, die zum anderen Ufer führt, zum Ufer der Ewigkeit. Und dennoch tut es auch den Gläubigen gut, über den Tod nachzudenken. Es hilft vor allem dazu, besser zu leben.

Ängstigen dich Probleme, Schwierigkeiten, Konflikte? Geh weiter, blicke auf diese Dinge so, wie sie dir im Moment des Todes erscheinen werden, und du wirst sehen, wie die Dinge plötzlich anders aussehen. Man verfällt nicht in Resignation und Untätigkeit; im Gegenteil, man tut mehr und man tut es besser, da man ruhiger ist und mehr Abstand hat. Zählt man seine Tage, sagt der Psalm, gewinnt man „ein weises Herz“ (Ps 90,12).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]