Nichtigkeitsverfahren: Die Wahrheit über die Ehe steht auf dem Spiel

Papst Benedikt XVI. an die „Sacra Rota Romana“ zur Eröffnung des Gerichtsjahres

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ROM, 29. Januar 2009 (ZENIT.org).- Im Rahmen der feierlichen Eröffnung des Gerichtsjahres 2009 wies Papst Benedikt XVI. am heutigen Vormittag vor den Richtern und Mitarbeitern des Gerichts der „Sacra Rota Romana" darauf hin, dass angesichts des „übertriebenen Anstiegs" der Ehenichtigkeitserklärungen „unter dem Vorwand einer psychischen Unreife oder Schwäche des Beteiligten" erhöhte Aufmerksamkeit geboten sei. Was auf dem Spiel stehe, sei die „Wahrheit über die Ehe".

Das Gericht der Römischen Rota ist nach der Apostolischen Signatur das zweithöchste Gericht des Apostolischen Stuhls und übt für den Papst die ordentliche Gerichtsbarkeit aus. Die Richter der Römischen Rota sind die so genannten „Auditoren", die vom Heiligen Vater ernannt und von einem Dekan als „primus inter pares" geleitet werden. Der Dekan der Römischen Rota ist seit 2004 Bischof Antoni Stankiewicz.

Die Hauptarbeit der Römischen Rota besteht in den Ehenichtigkeitsverfahren. Das römische Gericht urteilt über die Gültigkeit kirchlicher Eheschließungen und ist dabei letzte Berufungsinstanz der einzelnen Diözesangerichte. Zur Römischen Rota gehört auch das „Studio Rotale", an dem die Advokaten und Prokuratoren ausgebildet werden.

Der Papst lehnte sich zu Beginn seiner Ansprache an zwei Ansprachen an, die sein Vorgänger Johannes Paul II. vor über 20 Jahren an das Gericht gerichtet hatte, am 5. Februar 1987 beziehungsweise am 25. Januar 1988). Diese hatten sich mit der Problematik der psychischen Unfähigkeit bei Ehenichtigkeitsverfahren auseinandergesetzt. Benedikt XVI. stellte die Frage, inwieweit diese Worte in den kirchlichen Gerichtshöfen eine angemessene Rezeption erfahren hätten, und betonte, dass man mit einem Problem zu tun habe, das weiterhin von großer Aktualität sei.

In einigen Fällen könne nach wie vor die Notwendigkeit wahrgenommen werden, von der Johannes Paul II. gesprochen hätte. Konkret gehe es darum, die kirchliche Gemeinschaft vor dem Skandal zu bewahren, dass der Wert der christlichen Ehe durch das übertriebene und quasi automatische Anwachsen der Ehenichtigkeitserklärungen unter dem Vorwand irgendeiner Unreife oder psychischen Schwäche des Beteiligten de facto zerstört wird.

Benedikt XVI. lenkte die Aufmerksamkeit derjenigen, die in den Gerichten tätig sind, auf die Erfordernis, „die Fälle mit dem gebührenden Tiefgang zu behandeln, wie er vom Dienst der Wahrheit und der Liebe gefordert ist, der gerade der Römischen Rota zu Eigen ist". Der Papst erinnerte anschließend an einige Prinzipien zur Beurteilung der Gültigkeit einer Ehe, ohne Unfähigkeit und Schwierigkeiten miteinander zu verwechseln.

Eine wirkliche Unfähigkeit, so Benedikt XVI. mit Worten seines Vorgänger, sei nur dann anzunehmen, wenn bereits zur Zeit der Eheschließung eine ernste Form von Anomalie vorgelegen sei, die in die Fähigkeit des Willens und Verstehens und somit die freie Wahl des Lebensstandes substantiell eingegriffen habe. Eine derartige Anomalie dürfe nicht nur Schwierigkeiten verursachen, sondern auch die Unmöglichkeit, die der Ehe innewohnenden wesentlichen Aufgaben zu verwirklichen. Für den Papst ist es somit nötig, „in einem positiven Sinne die Fähigkeit wieder neu zu entdecken, die prinzipiell jeder Mensch besitzt, aufgrund seiner Natur als Mann oder Frau zu heiraten".

Benedikt XVI. warnte die Richter vor der Gefahr, einem „anthropologischen Pessimismus" zu verfallen, der es im Licht der aktuellen kulturellen Situation für beinahe unmöglich halte, sich verheiraten zu können. Die wahre Ehekonsens-Unfähigkeit dürfe nicht mit den realen Schwierigkeiten verwechselt werden, in denen sich viele befänden, besonders die jungen Menschen, die zum Schluss gelangt seien, dass die Ehe generell undenkbar und unpraktizierbar wäre.

Die Bekräftigung der Fähigkeit des Menschen zur Ehe müsse der Ausgangspunkt sein, um den Eheleuten zu helfen, die natürliche Wirklichkeit der Ehe und die Bedeutung zu entdecken, die sie auf der Ebene des Heils einnehme.

„Was schlussendlich auf dem Spiel steht", so Papst Benedikt, „ ist die Wahrheit über die Ehe", deren Gültigkeit „ nicht vom späteren Verhalten der Eheleute abhängt", sondern von der Fähigkeit, den Ehebund zu schließen. Diese Fähigkeit „bemisst sich nicht in Bezug auf einen bestimmten Grad der existentiellen oder wirksamen Verwirklichung des Ehebundes durch die Erfüllung der wesentlichen Pflichten, sondern in Bezug auf den wirklichen Willen eines jeden der Eheleute, der eine derartige Verwirklichung schon im Augenblick des Schließens der Ehe möglich und wirksam macht".

Andernfalls würde innerhalb einer „reduktiven Optik", die die Wahrheit über die Ehe nicht anerkennt, die wirksame Verwirklichung einer wahren Lebens- und Liebesgemeinschaft auf der Ebene des rein menschlichen Wohlergehens idealisiert und so im Wesentlichen nur von nebensächlichen Faktoren abhängig gemacht werden statt von der Ausübung der menschlichen Freiheit, die durch die Gnade Unterstützung erfahre. Diese menschliche Freiheit neige zwar zur Sünde und sei begrenzt und unvollkommen, aber sie sei deshalb nicht unecht und auch nicht unzureichend, um „jenen Akt der Selbstbestimmung der Eheleute zu verwirklichen, der in der Eheschließung besteht, durch welche die Ehe und die auf ihr gegründete Familie ihren Anfang nimmt".

Einige anthropologische „humanistische" Strömungen, die auf die Selbstverwirklichung und die egozentrische Selbsttranszendenz ausgerichtet seien, idealisierten den Menschen und die Ehe so sehr, dass sie dadurch die psychische Fähigkeit vieler Menschen leugneten und diese auf Elemente gründeten, die nicht mit den wesentlichen Erfordernissen des Ehebandes übereinstimmten.

„Die Ehenichtigkeitsverfahren aus psychischer Unfähigkeit erfordern prinzipiell, dass der Richter sich der Hilfe von Gutachtern bedient, um das Vorhandensein einer wahren Unfähigkeit festzustellen, die immer eine Ausnahme vom natürlichen Prinzip der notwendigen Fähigkeit darstellt, zu verstehen, zu entscheiden und die Selbstschenkung seiner selbst zu verwirklichen."