Nichts anderes? Nichts anderes!

Alle Systeme, die Wirtschaft eingeschlossen, haben nach katholischer Auffassung nur ein Ziel: den Menschen auf Gott vorzubereiten

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Von Professor Peter Schallenberg



WÜRZBURG, 22. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- In seiner zweiten Enzyklika, „Spe salvi“, die sich explizit mit den falschen Messianismen und Glücksverheißungen der politischen Ethik beschäftigt, schreibt Papst Benedikt: „Er (Marx) hat vergessen, dass der Mensch immer ein Mensch bleibt. Er hat den Menschen vergessen, und er hat seine Freiheit vergessen.“ (Spe salvi Nr. 21). Damit ist ziemlich exakt der Flucht- und Zielpunkt auch seiner neuen Sozialenzyklika benannt: Wirtschafts- und Sozialpolitik werden von höherer Warte aus betrachtet, und es wäre durchaus verhängnisvoll, nach der überwunden geglaubten Finanzkrise einfach zur Tagesordnung überzugehen. Denn, so die katholische Überzeugung, alle Systeme dieser Welt dürfen letztlich nur einen einzigen Zweck und ein einziges Ziel haben: Den Menschen auf Gott und seine ewige Liebe vorbereiten! Wenn dies aber stimmt, dann ist das Beste und Größte, was ein Mensch in seinem Leben erfahren darf, nein besser: was ihm geschenkt werden kann, solche Liebe. Und alles käme darauf an, dass jeder Mensch – jeder: in möglichst großer Gleichheit und Gerechtigkeit! – solcher Liebe in seinem Leben begegnet und sich so zum Ebenbild Gottes entwickelt, denn dazu ist jeder Mensch berufen.

Deswegen spricht die Sozialenzyklika, vielleicht zur Verwunderung vieler Ökonomen und Ethiker, so ausführlich von scheinbar weichen Themen wie Berufung und Person, Liebe und Gerechtigkeit, Geschenk und Wahrheit, Freiheit und Vernunft. Und die Versuchung ist nun groß, auf der scheinbar vergeblichen Suche nach den wirklich wichtigen und harten Themen der Sozial- und Wirtschaftsethik die Enzyklika in die Schublade „Frömmigkeit und sonstiges Gedöns“ abzulegen oder gar, wie auch in den letzten Monaten von katholischer Theologenseite geschehen, als „Schrottpapier“ zu diffamieren. Besser scheint es, zu fragen: Was ist denn der Hintergrund oder besser: das Fundament unserer Systeme in der Wirtschafts- und in der Sozialordnung? Warum gibt es solche Systeme und was sollen sie bewirken?

Und die Antwort ist aus Sicht der katholischen Soziallehre zunächst sehr einfach: Systeme, seien sie theologischer Art (sichtbare Kirche und sichtbare Sakramente) oder säkularer Art (Staat und Gesetze), wollen die Person unterstützen und fördern auf dem Weg ihrer unverwechselbaren Berufung, nämlich: Liebe zu empfangen und Liebe zu schenken. Nichts anderes? Nichts anderes! Alles dient aus christlicher Sicht diesem letzten Ziel, freilich in durchaus verschiedener Weise. Die Berufung des Menschen, seine letzte Bestimmung aus christlicher Glaubenssicht ist es nicht, materielle Quantitäten aufzuhäufen, sondern geistige Qualitäten zu genießen und zu verschenken, von denen die Liebe die höchste Qualität ist, oder in der Sprache der Enzyklika: Die Liebe ist die höchste und beste Wahrheit des Menschen, über die, in Abwandlung eines berühmten Satzes von Anselm von Canterbury, Größeres und Besseres nicht gedacht werden kann. „Caritas in veritate ist das Prinzip, um das die Soziallehre der Kirche kreist“ heißt es in Nr. 6 der Enzyklika, und sogleich wird die Gerechtigkeit erwähnt als erste Stufe der außerparadiesisch immer mangelhaft vorhandenen Liebe: „Ich kann dem anderen nichts von dem, was mein ist, schenken, ohne ihm an erster Stelle das gegeben zu haben, was ihm rechtmäßig zusteht.“ (Nr. 6) Das ist mehr oder weniger in vornehmer Weise das, was einst Bert Brecht recht rustikal nannte: Erst kommt das Fressen, dann die Moral! Erst müssen die grundlegenden Lebensbedürfnisse des Menschen gestillt werden, dann ist er in der Lage, an mehr zu denken, als an das nackte Überleben. Das ist die erste und vornehmste Aufgabe des Rechtsstaates und des Sozialstaates: Sorge zu tragen, dass kein Mensch unter die Räuber falle, halbtot im Straßengraben liege und verzweifelt auf den barmherzigen Samariter wartet, statt für sich und den Mitmenschen eine Zivilisation der Liebe zu bauen, die der ewigen Stadt Gottes möglichst nahekommt.

Natürlich geht die Liebe weit über die Gerechtigkeit hinaus und vollendet sie, wie die Enzyklika unterstreicht durch die „Logik des Gebens und Vergebens“ (Nr. 6). Und natürlich kann man mit solcher Logik nicht unmittelbar ein Geschäft, ein Handwerk oder ein Unternehmen führen, sonst wäre man gegenüber säumigen Schuldnern als vergebender Geschäftsmann rasch bankrott. Aber Zahlen sind ja nur die eine Seite der Ökonomie; die Sozialethik will gerade den Blick auf die andere Seite, das sogenannte Humankapital, den Menschen als Person im Wirtschaftsgeschehen lenken.

Hier hat die Kirche in der Tat keine technischen Lösungen anzubieten und auch keine spezielle Kompetenz, um pro oder contra Tobinsteuer oder Mindestlohn zu sprechen. Aber was in concreto mehr der Personenwürde dient und das allgemeine Wohl fördert, also nicht das utilitaristische größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl, wie fälschlich oft das Gemeinwohl missverstanden wird, sondern die grundlegende Gerechtigkeit für jede menschliche Person – diese Kompetenz nimmt sich die Kirche dann doch und beansprucht sie, da Gott Mensch wurde und seitdem beansprucht, in jedem Menschen, der zur Welt kommt, Mensch und als Gott offenbar zu werden. Wie soll das aber möglich sein in einer Welt, die auf das Jenseits verzichten zu können glaubt, mit anderen Worten, in einer Welt des puren Materialismus? Daher unterstreicht die Enzyklika sehr deutlich: „Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben fehlt dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der große Atem. Wenn er innerhalb der Geschichte eingeschlossen bleibt, ist er der Gefahr ausgesetzt, sich auf eine bloße Zunahme des Besitztums zu beschränken.“ (Nr. 11)

Und die Enzyklika benennt auch sofort zwei Versuchungen, den Menschen in der Geschichte und im Diesseits einzuschließen, und die sich mit Auguste Comte einerseits und Jean-Jacques Rousseau andererseits verbinden: „Den technischen Fortschritt ideologisch zu verabsolutieren oder die Utopie einer zum ursprünglichen Naturzustand zurückgekehrten Menschheit zu erträumen, sind zwei gegensätzliche Weisen, den Fortschritt von der moralischen Bewertung und somit von unserer Verantwortung zu trennen.“ (Nr. 14) Anders gewendet: Ein Fortschritt allein im äußerlichen Bereich, unter wirtschaftlichen oder technologischen Gesichtspunkten, wird dem Menschen aus christlicher Sicht nicht gerecht, da er nicht einfach eine funktionierende Maschine ist, sondern eine unsterbliche Seele hat. „Wenn Gott in den Schatten gestellt wird, schwindet unsere Fähigkeit, die natürliche Ordnung, ihr Ziel und das Gute zu erkennen, allmählich dahin.“ (Nr. 18) Zwar ist der Mensch von Natur aus – und nach katholischer Auffassung auch nach der Erbsünde – auf das Gute ausgerichtet; das ist der Kern der Überzeugung vom Naturrecht! Aber ohne Gott verblasst gleichsam die Kenntnis des Guten und vor allem sein konkreter Inhalt, wird das Gute immer häufiger mit dem Angenehmen und das Gute mit dem technisch Richtigen verwechselt.

Die ganze Enzyklika gipfelt in dem unscheinbaren Satz: „Gott ist der Garant der wahren Entwicklung des Menschen.“ (Nr. 29) Auf diesem Hintergrund bekennt sich die Enzyklika dann deutlich zur Sozialen Marktwirtschaft als „Institution, die Begegnung zwischen den Menschen ermöglicht“ (Nr. 35). Ein solcher Markt wird freilich in seiner ursprünglichen Intention der handelnden Begegnung von Menschen konterkariert, wenn Unternehmen fast ausschließlich gegenüber den Investoren verantwortlich sind, denn Ziel muss eine ausgleichende Gerechtigkeit und Solidarität für alle sein. Das ist in der Tat der letzte Sinn der unternehmerischen Tätigkeit: Im Rahmen der staatlichen Gesetzgebung und der internationalen Gesetzeslage nicht einfach privaten Reichtum anzuhäufen, sondern Arbeit zu ermöglichen und damit Gewinn zu machen und Gewinn für andere zu ermöglichen. Erst so, das ist die tiefste Überzeugung der Enzyklika, gelingt allmählich die Entwicklung einer Zivilisation der Liebe und des Lebens. An einer Stelle zitiert die Enzyklika Papst Paul VI. mit dem Satz, dass „die Welt krank ist, weil ihr Gedanken fehlen“ (Nr. 53 mit Zitat aus der Enzyklika Populorum progressio Nr. 85) Das ist in der Tat des Pudels faustischer Kern: Denn alle Sünde beginnt mit dem Gedanken: Als Adam und Eva dachten, es müsse köstlich sein von dem Baum zu essen, war das Paradies bereits verlassen. Die Welt und der Mensch gesunden, wenn die guten Gedanken entfaltet werden. Der gute Gedanke Gottes schlechthin war es, den Menschen zu schaffen und für die Ewigkeit zu bestimmen!

[© Die Tagespost vom 19. September 2009]