Nie mehr Antisemitismus, Islamophobie, Angst oder Hass

Weihnachtsbotschaft des Lateinischen Patriarchs von Jerusalem, Fouad Twal

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JERUSALEM, 23. Dezember 2009 (ZENIT.org).-Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, hat den von Israel angekündigten Teilstopp beim Siedlungsbau als Schritt in die richtige Richtung bezeichnet. Allerdings sei das für die Palästinenser noch immer keine befriedigende Lösung. Wir veröffentlichen die Vorstellung seiner Weihnachtsbotschaft am gestrigen Dienstag in Jerusalem.

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Weihnachten nähert sich, und deshalb wünsche ich allen Einwohnern des Heiligen Landes Frieden und Gnade: Palästinensern, Israelis, Christen, Moslems, Juden und Drusen. Ich richte meine Wünsche auch an die Gläubigen in Jordanien und Zypern, die auch zur Diözese von Jerusalem gehören. Die Geburt Christi lädt uns ein, über folgende Werte nachzudenken: Friede, Hoffnung, Liebe, Miteinander-Teilen, Gastfreundschaft, Mitgefühl und Menschenwürde.

1. Unser Traum von Versöhnung im Heiligen Landes scheint utopisch.

Trotz der lobenswerten Anstrengungen, die Politiker und Menschen guten Willens unternommen haben, um eine Lösung für den aktuellen Konflikt zu finden, sind wir alle, Palästinenser und Israeli daran gescheitert, den Frieden voranzutreiben. Die Wirklichkeit straft unsere Träume Lügen.

Einige Beispiele:

A. Die Palästinenser haben noch immer keinen eigenen Staat, in dem sie in Frieden und Harmonie mit ihren israelischen Nachbarn leben können; sie leiden immer noch unter der Besetzung, den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Zerstörung der Häuser in Ost-Jerusalem und den innenpolitischen Uneinigkeiten; tausende Menschen in Jerusalem, im Gazastreifen und den palästinensischen Gebieten warten auf Familienzusammenführung; ein Jahr nach dem Krieg leidet Gaza noch immer unter der wirtschaftlichen Belagerung, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Verseuchung seines Süßwassers und der Verschmutzung des Meeres durch Abwässer.

Diese Situation gefährdet die Gesundheit von 1,5 Millionen Menschen, wovon 50% unter 14 Jahren sind.

B. Der endgültige Status von Jerusalem wird noch verhandelt. Die zahlreichen aktuellen Änderungen, die darauf abzielen, aus Jerusalem eine exklusive Stadt zu machen, drohen den universalen Auftrag der Heiligen Stadt, Stadt für drei Religionen und zwei Völker zu sein, zu untergraben. Jerusalem ist gerufen, eine Stadt zu sein, in der die Einwohner in Frieden miteinander leben können.

Unglücklicherweise wurde die Al-Aksa-Moschee erst kürzlich zum Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Fundamentlisten - die versucht hatten, den Al Haram Al Sharif zu besetzen - und jungen Palästinensern, die ihren heiligen Ort verteidigen wollten. Die Auswirkungen dieser bedauerlichen Ereignisse dürfen nicht unterschätzt werden.

C. Die Israelis leben in einer großen Angst, die sie lähmt, mutige Entscheidungen zu treffen, um den Konflikt zu beenden. Die Trennungsmauer ist konkreter Ausdruck dieser Angst. Gleichzeitig hoffen wir sehnlich, dass der Gefangenenaustausch zwischen Israel und Palästina von Erfolg gekrönt sein und Grund zur Hoffnung geben wird, dass auch andere gute Initiativen erfolgreich sein können. Die Verzögerung in dieser Angelegenheit enttäuscht uns sehr.

2. Nichtsdestotrotz ist unsere Hoffnung noch immer lebendig.

Hoffnung ist die "Fähigkeit, Gott inmitten der Schwierigkeiten zu erkennen. Sie gibt uns die Kraft, auf eine Veränderung unserer heutigen Wirklichkeit hinzuwirken. Hoffnung bedeutet nicht, dem Bösen nachzugeben, sondern vielmehr uns dagegen aufzulehnen und am Widerstand festzuhalten." (Kairos-Palästina-Dokument 2009) Aber nicht alles im Heiligen Land ist hoffnungslos.

Es gibt auch positive Zeichen:

A. Der Teilstopp des Siedlungsbaus und die Beseitigung von mehr als 50 Checkpoints in der West Bank. Diese Entscheidung der israelischen Armee hat sowohl die Bewegungsfreiheit der Palästinenser als auch ihre wirtschaftliche Situation deutlich verbessert. Das ist zwar noch nicht befriedigend, aber es stellt einen Fortschritt dar. Wir hoffen, dass noch andere Schritte folgen werden. Wir betrachten es auch als Fortschritt, dass die Palästinenser mehr und mehr einen gewaltlosen Widerstand als Ausdrucksform wählen.

B. Die Großzügigkeit der internationalen Gemeinschaft. Nach dem Gaza-Krieg haben Regierungen, Kirchen und Privatpersonen eine Solidaritätskette gebildet. Diese finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist ein sehr schönes Zeichen. Wir danken allen Spendern und versichern euch unserer Gebete in dieser Weihnachtszeit.

C. Der Besuch des Heiligen Vaters im Mai 2009. Papst Benedikt wurde in Jordanien, Israel und Palästina herzlich empfangen. Ein großes Danke den Regierungen dieser drei Länder. Er ist als Pilger des Friedens und der Versöhnung gekommen. "Nie mehr Blutvergießen! Nie mehr Kämpfe! Nie mehr Terrorismus! Nie mehr Krieg! Lasst uns den Teufelskreislauf der Gewalt durchbrechen!"

Wir können hinzufügen: Nie mehr Antisemitismus, Islamophobie, Angst oder Hass. Die verschiedenen Reden, Predigten, Treffen und Gesten des Heiligen Vaters hatten die Förderung des interreligiösen Dialoges und die Ökumene zum Ziel, Versöhnung und Gerechtigkeit und sie zielen darauf ab, die christliche Gemeinshaft zu ermutigen, im Heiligen Land zu bleiben und aktiv am Leben des Landes Teil zu nehmen.

Wir sind heute noch immer dabei, die Früchte seines Besuches zu ernten:

a. Starke Pilgerströme.

Nach Auskunft des israelischen Tourismusministeriums besuchten allein im vergangenen Oktober 330 000 Pilger das Heilige Land. Die Besucherzahl des Jahres 2009 entsprach der Besucherzahl von 2000, das mit 2,7 Millionen Pilgern den Rekord in der Geschichte der Pilgerfahrten hielt.

b. Die Errichtung der neuen pädiatrischen Klinik in Bethlehem "Benedikt XVI".

Sie wurde vor allem von der Stiftung "Johannes Paul II." und diversen anderen katholischen und zivilen Einrichtungen Italiens finanziert wurde.

c. Die Universität Madaba in Jordanien.

Im Rahmen seines Besuches nahm Papst Benedikt XVI. die Grundsteinsegnung dieser Universität vor. Dieses Projekt soll ein Beitrag dazu sein, eine exzellente Ausbildung anbieten zu können, wie wir es bereits mit der Bethlehem-Universität praktizieren.

d. Die Konstruktion eines großen Wohnungskomplexes für 72 junge Paare in Jerusalem.

Ost-Jerusalem leidet unter einer großen Wohnungsknappheit; es ist äußerst schwierig, Baugenehmigungen zu bekommen; Bauten sind kostspielig. Dieses Pilotprojekt soll zu weiteren Projekten anregen.

e. Die mutige Entscheidung Papst Benedikt XVI., eine Synode für den Mittleren Osten einzuberufen, die im Oktober 2010 stattfinden wird.

Dies wird uns Gelegenheit geben, uns aufs Neue auf die großen Herausforderungen zu konzentrieren, vor denen die Kirchen im Mittleren Osten stehen.

f. Die Seligsprechung von Schwester Maria Alphonsine, der Gründerin der Rosenkranzschwestern.

Dieses große Ereignis macht deutlich, dass die Gläubigen, voller Freude und Stolz, in ihr ein Vorbild heroischer Tugend finden und sich auf ihre Fürbitte stützen können. Ich lege großen Wert darauf zu betonen, dass diese Schwester nur einige Meter vom lateinischen Patriarchat entfernt in Jerusalem geboren wurde.

Sie hat ihren Dienst verschiedenen Pfarreien im Heiligen Land zur Verfügung gestellt, unter anderem auch in Jordanien. Sie ist ein Vorbild, dem wir nachfolgen sollen. Wir werden ihr Fest jährlich am 19. November feiern.

Das Geschenk, das wir uns am meisten wünschen, mehr als Geld und Reichtum, ist Friede. Er wird von allen Einwohnern dieses Landes, Israelis und Palästinensern so sehr ersehnt. Der Friede ist ein Geschenk Gottes an alle, die guten Willens sind. Wir müssen ihn uns verdienen.

Wir wissen, dass es unter den Israelis und unter den Palästinensern viele Menschen guten Willens gibt. Wir beten, dass die schöne Vision Jesajas eines Tages Wirklichkeit werden möge: "Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. (...) Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg." (Jesaja 2, 2-5)

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr für Sie alle.

+ Fuad Twal, Patriarch