"Niemals mehr, o Herr, niemals mehr!"

Ansprache von Papst Franziskus in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 221 klicks

Kurz nach 9.00 Uhr begab sich Papst Franziskus zur Klagemauer, wo er vom Großrabbiner und dem Präsidenten der Stiftung, die den heiligen Ort betreut, empfangen wurde. In der Nähe der Klagemauer verweilte der Papst im Gebet. Im Anschluss daran wurde er mit dem Auto auf den Herzl-Berg gebracht. Dort wurde der Papst vom israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres und dem Premierminister Benjamin Netanyahu empfangen. In dem Mausoleum legte Papst Franziskus einen Blumenkranz auf dem Grab von Theodor Herzl nieder. Theodor Herzl war Organisator des Ersten Zionistischen Weltkongresses in Basel 1897 und Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Sogleich danach begab sich der Papst im Wagen zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Nach dem Anzünden eines Lichts, der Niederlegung von Blumen und der Lesung einer Stelle aus dem Alten Testament, richtete der Präsident des Zentrums einige einleitende Worte an die Anwesenden. Danach hielt Papst Franziskus eine Ansprache, die er mit den Worten „Adam, wo bist du?“ (vgl. Gen 3,9) begann. „An diesem Ort, der Gedenkstätte an die Shoah, hören wir diese Frage Gottes wieder erschallen: ‚Adam, wo bist du?‘ … Jener Ruf ‚Wo bist du?‘ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust, wie eine Stimme, die sich in einem bodenlosen Abgrund verliert… Mensch, wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr. Wer bist du, o Mensch, wer bist du geworden? Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen? Was hat dich so tief fallen lassen? … Nein, dieser Abgrund kann nicht allein dein Werk sein, ein Werk deiner Hände, deines Herzens… Wer hat dich verdorben? Wer hat dich verunstaltet? Wer hat dich angesteckt mit der Anmaßung, dich zum Herrn über Gut und Böse zu machen? Wer hat dich überzeugt, dass du Gott bist? Nicht nur gefoltert und getötet hast du deine Brüder, sondern du hast sie als Opfer dir selber dargebracht, denn du hast dich zum Gott erhoben. … Ein Übel ist über uns gekommen, wie es unter dem ganzen Himmel noch nie geschehen ist (vgl. Bar 2,2). Jetzt aber, o Herr, höre unser Gebet, erhöre unser Flehen, rette uns um deiner Barmherzigkeit willen. Errette uns aus dieser Ungeheuerlichkeit. … Denk an uns in deiner Barmherzigkeit. Gib uns die Gnade, uns zu schämen für das, was zu tun wir als Menschen fähig gewesen sind, uns zu schämen für diesen äußersten Götzendienst, unser Fleisch, das du aus Lehm geformt und das du mit deinem Lebensatem belebt hast, verachtet und zerstört zu haben.“ Papst Franziskus schloss mit den Worten: „Niemals mehr, o Herr, niemals mehr! ‚Adam, wo bist du?‘ Da sind wir, Herr, mit der Scham über das, was der als dein Abbild und dir ähnlich erschaffene Mensch zu tun fähig gewesen ist. Denk an uns in deiner Barmherzigkeit.“