Niemand hilft der unheilbar kranken Grossmutter

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 468 klicks

Meine alte Großmutter ist schwer krank. Viele Jahre lang lebte sie allein in ihrer Wohnung. Sie erlitt einen Schlaganfall, wonach sie nicht mehr sprechen kann, sie hat kein Gedächtnis mehr, und sie begreift fast nichts mehr. Sie lebt noch nur vegetativ. Wir ernähren sie wie ein kleines Kind, und alles andere ereignet sich im Bett. Sie können sich denken, was das bedeutet. Das alles dauert schon länger und das kann noch wer weiß, wie lange dauern. Mit ihr wird es immer schlimmer und immer schwieriger. Sie war im Krankenhaus und wurde entlassen. Eine Frau war bei ihr um ihr zu helfen  und verlies sie, weil es für sie zu schwer war. Niemand ist bereit, die Sorge für sie zu übernehmen.

Sie war sonst außerordentlich gut zu ihren Kindern und zu uns Enkelkindern. Nachdem sie weit weg, in einer anderen Stadt lebt, waren wir immer froh, wenn wir sie besuchen konnten. Wir haben keine Möglichkeit, sie aufzunehmen, und wir sind alle beschäftigt und können uns mit ihr nicht beschäftigen. Meine Mutter, ihre Tochter, ließ uns allein und ging zu ihr, sie zu pflegen. Sie muss 24 Stunden am Tag wach sein und die Großmutter bedienen. Sie ist bereits erschöpft und verzweifelt. Manchmal ist sie nervös und schimpft die Großmutter, obwohl sie nichts versteht. Wir wissen nicht, wie das weiter gehen soll.

Ich liebte sie sehr. Jetzt bin ich ihretwegen sehr traurig. Ich bin Student. Ich kann nicht mein Studium verlassen, um ihr zu helfen. Und ich bin auch für solche Aufgaben nicht fähig. Ich könnte das nicht, und ich hätte Angst. Die übrigen Mitglieder unserer Familie befinden sich in der gleichen Situation.

Wir denken nicht an Euthanasie, denn jemand hatte das schon suggeriert. Aber wie soll man dieses schreckliche Problem für uns alle lösen?

Enkel der guten Großmutter

*

Lieber junger Mann! Du hast mich vor schwere Aufgabe gestellt. Einmal war es mit unheilbar Kranken einfacher. Alte Eltern lebten und starben in ihren Familien, mit ihren Söhnen, Töchtern, Schwiegertöchtern und Schwiegersöhnen, Enkeln und Enkelinnen. Es fand sich immer jemand zum Bedienen und zum Pflegen. Man hat sich abgewechselt und es war niemand überbelastet. Außerdem, man begriff einfach und normal, dass das Leben mit dem Tod endet. Es gab auch einen Glauben an das ewige Leben, und alle halfen den Unheilbarkranken, sie durch Sakramente und Gebete für die Begegnung mit dem Gericht und mit dem lebendigen Gott vorzubereiten, denn „am Abend unseres Lebens werden wir nach der Liebe urteilt“ (hl. Johann von Kreuz). Es wurde erwartet, dass vor dem Tod schwere und lang andauernde Krankheit kommen kann. Die Krankheit wurde aber christlich und im Glauben angenommen.

Das Leben ohne Leid und der Eintritt in die glückselige Ewigkeit ohne Kreuz waren nicht vorstellbar. So waren Leben und Krankheit und auch der Tod Wirklichkeiten des Lebens, ohne Trauma und ohne Schock. Und in den Familien bestand Bereitschaft, einen Teil des Kreuzes auf sich zu nehmen, das ein Familienmitglied durch Tod oder Krankheit traf.

Solche Familien existieren nicht mehr, oder es gibt noch sehr wenig davon. Wir verließen die Werte der christlichen Kultur. Viele Familien sind geschieden, zerstört. Die Kinder sind nicht selten verlassen, allein. Es gibt nicht mehr den Einsatz füreinander. Es gibt keine Wärme der Liebe, Aufopferungsbereitschaft wie einmal für alte, hilflose und sterbende Familienangehörige. Die heutigen Familien sind atomisiert, herabgesetzt auf drei-vier Mitglieder: Vater und Mutter mit ein oder zwei Kindern. Die Eltern arbeiten außerhalb des Hauses, die Kinder sind in der Schule oder sich selbst überlassen. Die Großeltern sind nicht bei ihnen, weil die Wohnung zu klein ist, und weil es für sie keinen Platz gibt. Aber, die Jungen wollen auch allein sein, ohne „Aufsicht“, und deshalb bringen sie sie ins Altenheim oder ähnliche Institutionen für Ältere und Kranke. Niemand hat Zeit für einen anderen, und sagen wir genau, die Solidarität und die Liebe sind bei vielen abgekühlt.

Auf diese Weise, schwerer kranke Familienangehörige gehören auch im Sterben nicht mehr zur Familie. Gewiss ist ihr Leben auf diese Weise einer ganzen Reihe der Gefahren ausgesetzt: sie sind allein, hilflos, niemand besucht sie, niemand hilft ihnen, und in der Regel ist ihr Einkommen sehr niedrig, und sie können sich keine Annehmlichkeit leisten, sie leben ärmer als früher, und deshalb können sie auch keine Bedienung bezahlen. Alles in allem, alte Menschen wurden an den Rand der Gesellschaft gebracht, in ihrer Ohnmacht und ihrem Alter sind sie unhumanen Bedingungen ausgesetzt, von denen, denen sie das Leben geschenkt haben, und für die sie alles getan haben, um sie auf die Beine zu bringen. Diese bieten ihnen nun nicht das Nötigste. Sie warten auf ihren Tod, um sich dann ihre Hände, nach dem Beispiel vom Pilatus zu rein zu waschen. Aber das Gewissen solcher Nachkommen wird keine Ruhe finden. Das Gewissen wird getreten, und man will seine Mahnung nicht hören. In solchen Situationen mit alten Menschen, um sich von Sorgen und von Verantwortung zu befreien, wird sogar an die Euthanasie gedacht, nur auf eine Weise, dass es niemand erfahren soll. Die Wurzeln dieser traurigen und unhumanen Behandlung der Alten, Hilflosen und Kranken, sind, nach dem Papst Johannes Paul II., vielfältig. Sie befinden sich in der Ansprache Die Würde des Sterbenden, an die Generalversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben gerichtet (27. Februar 1999):

Es gibt eine gesellschaftlich-kulturelle Dimension, bekannt unter dem Namen „versteckter Tod“. Die Gesellschaften, die auf dem Kriterium des Kampfes für materiellen Wohlstand aufgebaut wurden, betrachten den Tod des Menschen als sinnlos. Um jede Frage über den Tod zu verhindern, bemühen sie sich ihn zu verhindern. Die so genannte „Kultur des Wohlstandes“ produziert oft die Unfähigkeit, den Sinn des Lebens in Umständen des Leides und der Ohnmacht anzunehmen, die in der Regel den Menschen begleiten, wenn der Tod bevorsteht.

Solche offenkundige Unfähigkeit kommt zum Ausdruck innerhalb des heutigen „geschlossenen Humanismus“, d.h. des Humanismus ohne Gott, und offenbart sich nicht selten als Verlust des Vertrauens zu den fundamentalen Werten des Menschen und des Lebens.

Es gibt eine philosophische und ideologische Dimension, auf Grund der sich die Menschen auf ihre „absolute Autonomie“ berufen. Der Mensch besitzt keine absolute Autonomie, sondern nur eine relative, begrenzte. Aber, er verhält sich als Autor und völliger Herr über eigenes Leben und Handeln, genau nach der Prophezeiung von Dostojevski, vor fast 150 Jahren: „Es wird Zeit kommen, wenn der Mensch sich zum Gott aufstellen wird, und für ihn wird es keine Gesetze mehr geben, keinerlei Einschränkungen. Er wird sich selber Gesetz sein.“ In dieser Hinsicht wird dann auch von dem Grundsatz der „Selbstbestimmung“ gesprochen. Dieser Grundsatz führt dann bis zur Erhebung der „Tapferkeit“, Selbstmord und Euthanasie zu begehen, denn, angeblich ist der Mensch durch nichts gebunden. In diesen paradoxalen Formen eigener Vernichtung findet der Mensch seine Selbstbestätigung, Unterstreichung seiner Macht und seines Ansehens.

Es gibt weiter eine eigenartige Dimension der ärztlichen Hilfe, die sich dadurch offenbart, die Sorge für die Schwerkranken auf das Minimum herabzusetzen. Viele vom medizinischen Personal sind heute (Ärzte, Krankenschwestern, Laboranten) nicht immer ausreichend qualifiziert und sind nicht in der Lage, Hilfe auf einer soliden, rücksichtsvollen persönlichen und menschlichen Ebene, zu bieten und zu garantieren. Der Kranke wird zu einer anonymen Nummer, den birokratisch-administrativen Verfahren ausgesetzt. Und das Pflegepersonal arbeitet nach der Uhr und für Bezahlung (was nicht ausgeschlossen wird, im Gegenteil), aber, die menschliche, vor allem religiös-sittliche Dimension kann nicht nur auf die Uhr und auf die Bezahlung beschränkt werden, weil der Kranke eine dauerhafte Pflege und  dauerhafte Fürsorge benötigt. Hier liegt einer der Gründe, warum der Kranke oftmals in der Endkrankheit vernachlässigt wird. Außerdem, befindet sich der Kranke in vielen Fällen außerhalb des Kontaktes mit seiner Familie, wie enterbt, verlassen, und dem technologischen Einbruch ausgesetzt, wir würden fast sagen, der „Aggression“, was in Wirklichkeit seine Würde verletzt.

Schließlich existiert geheimer Druck der so genannten utilitaristischen Ethik, nach der sich vielefortschrittliche Gesellschaften richten. Für sie sind die Hauptkriterien Produktivität und wirksame Macht. Unter dieser Sicht des Verhältnisses „Geld-Verdienst“, schwer- und sterbenskranke Menschen, vor allem wenn sie längere und besondere Behandlung des Arztes benötigen, werden als passive Last der Gesellschaft angesehen, die man so schnell wie möglich beseitigen muss. Gewiss führt eine solche Mentalität zur Verringerung der Unterstützung für den Menschen in der empfindlichsten Phase seines Lebens, das heißt, wenn sein Leben dem Ende entgegengeht, wenn er menschliche Wärme und Hilfe am dringendsten braucht.

Alle vier erwähnten Aspekte schaffen den ideologischen Kontext für die Kampagne vom assistierten Selbstmord und von der Euthanasie. Das begünstigen oberste Gerichte einiger Länder wie auch ihre Parlamente. Es ist die Rede von einer fortschrittlichen „Kultur des Todes“, von der so wortreich der gleiche Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika Evangelium vitae  spricht. Entgegen der Kultur des Todes predigt die Kirche unermüdlich die „Kultur des Lebens“ und die „Kultur der Liebe“. Sie achtet die Berufstätigkeit der Kinder der bedürftigen Eltern, die Wichtigkeit der Formation der Söhne, der Töchter und der Enkel, die lange Zeit der Vorbereitung in Anspruch nimmt usw., aber sie hört nicht auf zu predigen: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt“ (Ex 20, 12).

Den Vater und die Mutter könnt ihr nicht verlassen im Alter, wo sie Hilfe am nötigsten brauchen, auch nicht unter dem Risiko eines kleineren Erfolges im Leben, eines kleineren Verdienstes, eines

kleineren Komforts, weniger Wohlstandes, weniger Möglichkeit, sich dieses oder jenes zu kaufen, wenn das die Solidarität und die Liebe den alten Eltern gegenüber erfordert. Gewiss, wird in der Endkrankheit von euch gefordert, viel Geld auszugeben, aber vergisst nicht, dass sie euch auf die Beine gebracht haben, dass ihr vielleicht von ihrem Erbe lebt, was sie durch „blutige“ Arbeit und Mühe erworben und euch überlassen haben. In diesem Sinne sagt der Katechismus (Nr. 2215): „Die Achtung der Kinder vor den Eltern (Kindesliebe, pietas filialis) entspringt der Dankbarkeit gegenüber denen, die ihnen das Leben geschenkt und durch ihre Liebe und Arbeit ihnen ermöglicht haben, an Größe, Weisheit und Gnade zu wachsen.“

Die Liebe, also, und die Dankbarkeit verlangen von euch, der unheilbarkranken Mutter/ Großmutter viel Zeit und viel Kraft zu widmen, auch unter dem Preis, euch diese oder jene Annehmlichkeit oder Vergnügen nicht leisten zu können, weil ihr in ihrer Ohnmacht in einer Weise an sie genagelt seid. Überlegt euch gut, was euch Gott selbst über die Bibel sagt: „Wer den Vater ehrt, erlangt Verzeihung der Sünden, und wer seine Mutter achtet, gleicht einem Menschen, der Schätze sammelt... Wer den Vater achtet, wird lange leben, und wer seiner Mutter Ehre erweist, der erweist sie dem Herrn... Mein Sohn, ehre deinen Vater in Wort und Tat, damit aller Segen über dich kommt. Der Segen des Vaters festigt die Wurzel, doch der Fluch der Mutter reißt die junge Pflanze aus... Wer seine Mutter verachtet, sündigt schwer...  Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an, und betrübe ihn nicht, solange er lebt.

Wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm nach, und beschäme ihn nicht in deiner Vollkraft! Denn die Liebe zum Vater wird nicht vergessen, sie wird als Sühne für deine Sünden eingetragen. Zur Zeit der Bedrängnis wird sie dir vergolten werden, sie lässt deine Sünden schmelzen wie Wärme den Reif. Wie ein Gotteslästerer handelt, wer seinen Vater im Stich lässt, und von Gott ist verflucht, wer seine Mutter kränkt“ (Sir 3, 3-16).     

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 318-321)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.