"Niemand kommt uns zur Hilfe. Bis zu welchem Punkt kann man leiden?"

Erneut Überfälle auf katholische Missionen im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik

Wien, (KIN Ös) | 326 klicks

Während sich die Situation in der Hauptstadt Bangui leicht stabilisiert, wird die Lage in anderen Teilen der Zentralafrikanischen Republik immer schlimmer.  Im Nordwesten des Landes kam es in den vergangenen Tagen wieder zu schweren Gewaltausbrüchen und zu Überfällen auf katholische Missionen.

Jubel brach aus, die Menschen tanzten auf den Straßen, als sich am 10. Januar die Nachricht vom Rücktritt des Übergangspräsidenten Djotodia verbreitete. Nur knapp zwei Wochen später zogen die Ex-Rebellen der Séléka aus Bouar ab. „Sie waren bis an die Zähne bewaffnet und machten sich in einem Konvoi in Richtung Tschad auf den Weg“, berichtet Pater Beniamino Gusmeroli nach Tagen der Angst und der schweren Unruhen. Die erste Freude hält nicht lange an: Noch am selben Tag fielen die abziehenden Rebellen mit 31 Fahrzeugen in Bocaranga  ein. Dort griffen sie die Missionsstation der Kapuziner an, wo sich zu dem Zeitpunkt ca. 2500 Flüchtlinge aufhielten.

„Es war ein apokalyptischer Tag“, beschreibt der polnische Kapuzinerpater Robert Wnuk die Ereignisse. „Überall waren Schüsse und Detonationen zu hören. Es waren mehrere Gruppen von jeweils 10-15 Rebellen. Sie drangen in alle Räume ein. Dort saßen die Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern auf dem Boden.  Die Rebellen bedrohten die Patres und beschossen auch die Kirche“, berichtet Pater Robert. „Sie schossen und schossen und schossen wie die Verrückten.“  In den Wänden und Fußböden sind große Löcher von den Schüssen zurückgeblieben. Im Haus fanden sich später 120 leere Patronenhülsen. Eine Frau und ein Mann starben, ein Ordensbruder wurde verletzt. Ein Arzt wurde geohrfeigt. Ein Schuss verfehlte nur knapp seinen Kopf.  Die Rebellen raubten alle Autos und nahmen Geld, Computer, Telefone und Fotoapparate mit.  Anschließend zogen sie weiter zum Schwesternkloster. Hier wiederholte sich das gleiche Szenario.  Am selben Tag überfielen Rebellen auch die Mission in Ngaoundaye, wo sie einen einheimischen Ordensbruder als Geisel nahmen, ihn aber später freiließen. Am nächsten Tag plünderten sie die Missionsstation der Kapuziner in Ndim. 

Pater Robert kann es nicht fassen, was in seiner Missionsstation inmitten der zahlreichen hilflosen Flüchtlinge geschehen ist: „Das sind Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Verbrechen gegen wehrlose Frauen und Kinder! Die Übeltäter befinden sich jetzt im Tschad, der zwar seine Grenzen geschlossen hat, aber offenbar bewaffnete Kriminelle ins Land lässt, die mit geraubten Autos der Missionen und Hilfsorganisationen unterwegs sind.“ Und verzweifelt und enttäuscht fragt er sich: „Seit einigen Monaten sind Schutztruppen im Land. Aber in Wirklichkeit sind sie nur in Bangui. Eigentlich sind sie gekommen, um die Bevölkerung zu schützen. Seit mehreren Tagen haben wir die militärischen Verantwortlichen in Bangui und Bouar um Hilfe gebeten, aber immer dieselbe Antwort: ‚Mal schauen, man wird sehen, wir haben es zur Kenntnis genommen…‘ Während einer Militärintervention geben sie solche Antworten? Sie bitten uns am Telefon um Informationen über die Lage vor Ort, und dann reagiert keiner. Niemand! Bis zu welchem Punkt kann man leiden?“ 

Auch aus Bozoum ist die Séléka inzwischen abgezogen. Kurz vorher  hatten die Rebellen in der näheren Umgebung noch 1300 Häuser niedergebrannt. 6000 Menschen wurden dadurch obdachlos. Im nun leeren Séléka-Quartier finden sich an der Wand Inschriften wie: „Dies ist das Gesetz der Hölle“, unterschrieben von jemandem, der sich als „leibhaftiger Teufel“ bezeichnet. 

„Die Entscheidung der UNO für eine militärische Intervention ist zu spät gekommen“, kritisiert Pater Aurelio Gazzera, der seit zwanzig Jahren in der Zentralafrikanischen Republik tätig ist. „Acht Monate der Terrorherrschaft der Séléka haben ein Klima des Hasses und der Rache hervorgebracht, das in einer irrsinnigen und dämonischen Wut explodiert, die sich gegen alle richtet: Gegen die Moslems, von denen viele von der Séléka profitiert haben und sich von den Rebellen beschützen und rächen ließen, und der Rest der Bevölkerung, der von den Muslimen oft als Komplizen der Anti-Balaka gesehen wird.“

Der italienische Karmelitenpater erklärt, dass es ein Fehler sei,  dass die Anti-Balaka oft als „christliche Milizen“ dargestellt werden. „Sie haben ganz wenig Christliches an sich“, erklärt er. „Sie tragen Fetische und Amulette, um sich zu schützen, und sind nach den langen Monaten der Übergriffe und der Gewalt, die sie zu erleiden hatten,  voller Wut. Darüber hinaus findet eine Explosion des Wahnsinns statt. Es wird willkürlich getötet, behinderte Menschen werden zurückgelassen und so weiter. Wir brauchen eine starke Militärpräsenz in der gesamten Gegend, um den Irrsinn des Mordens zu stoppen!“ Der Missionar, der in Bozoum mit allen Bevölkerungsgruppen Friedensverhandlungen führt, berichtet, dass die Gespräche dadurch erschwert werden, dass ein großer Teil der Anhänger der Anti-Balaka viel Alkohol konsumiert und somit unberechenbar sei. Die Kirche schützt vielerorts nun auch die Muslime, die in Angst vor Racheakten leben. So versorgt Pater Aurelio beispielsweise auf eigene Kosten die muslimischen Flüchtlinge mit Trinkwasser und Reis und versucht, die Anti-Balaka davon abzubringen, Massaker an Muslimen zu begehen, und zumindest Frauen und Kinder zu verschonen.

Beim Abzug der Séléka wäre Pater Aurelio Gazzera selbst fast getötet worden, als einige aufgebrachte Muslime mit Steinen und Waffen auf ihn losgingen. Dabei stellten ein Séléka-Rebell und ein anderer Moslem sich vor ihn und retten ihm das Leben. In der Stadt Bozoum verbreitet sich derweil das Gerücht, der Priester sei tot. Als er abends mit demoliertem Auto seine Mission erreicht, schreien die Menschen vor Freude. „Sie breiteten ihre Kleider vor meinem Auto aus und begrüßten mich fast, als wäre ich der Messias. Es war unglaublich. Wir haben dann zum Dank ein Avemaria gebetet – auch für diejenigen, die Böses tun“. 

Es werden noch viele Gebete für diejenigen nötig sein, die Böses tun. In Bossemptélé, wo es in dieser Woche 80 Tote gab und die Séléka sogar das Krankenhaus der Kamillianerpatres geplündert hat, hat die Anti-Balaka inzwischen Lösegeld von den Karmelitinnen gefordert. Zahlen die Schwestern es nicht innerhalb von zwei Tagen, sollen sie die muslimischen Zivilisten herausgeben, die sich in die Mission geflüchtet haben. Andernfalls wollen die Angehörigen der Anti-Balaka selbst in das Gelände des Klosters eindringen und die Muslime töten.

Die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller. Dazu kommt eine humanitäre Katastrophe, denn die Lage im Land führt dazu, dass immer mehr Kinder unterernährt sind. Dennoch gibt es Momente der Hoffnung: „In Bozoum können die Kinder jetzt wieder zur Schule gehen“, freut sich Pater Aurelio. Und es gibt auch kleine Wunder: Ein Katechet hatte an seinem Türschloss einen Rosenkranz angebracht. Die Rebellen wagten es nicht, auf ihrem Plünderungszug seine Tür aufzubrechen. Das größte Wunder ist jedoch der Mut, mit dem katholische Priester und Ordensleute Tag für Tag ihr eigenes Leben dem Strudel der Gewalt entgegenstellen. Sie versuchen zu retten, was noch zu retten ist. „Ciao, ich muss jetzt los zu den Flüchtlingen“, sagt Pater Beniamino Gusmeroli. Für die Missionare ist ihr tapferer Dienst das Normalste der Welt.