Noah

Ein trotz übermäßiger Länge sehenswerter Film - wenn man sich nicht von den dramaturgischen Freiheiten des Regisseurs Darren Aronofsky abschrecken lässt...

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 314 klicks

Die biblische Erzählung vom Bau der Arche wurde zwar bereits mehrfach verfilmt. Die letzte Großproduktion liegt jedoch fast ein halbes Jahrhundert zurück: In John Hustons „Die Bibel“ (1966) spielte der Regisseur selbst Noah. Dieser Film bleibt allerdings eher durch einen ausgefallenen filmischen Kunstgriff in Erinnerung: Huston ließ die „drei Männer“, die Abraham bei Mamre erscheinen und ihm die Geburt eines Sohnes seiner Frau Sara ankündigen, durch einen einzigen Schauspieler, den kürzlich verstorbenen Peter O’Toole, verkörpern, um diese Theophanie visuell umzusetzen. Insgesamt inszenierte John Huston sein dreistündiges Epos treu der biblischen Vorlage jedoch sehr konventionell.

Den nun im Kino startenden „Noah“ inszeniert Regisseur und Mit-Produzent Darren Aronofsky eher als einen Science-Fiction-Film. In der Handlung nimmt er sich darüber hinaus einige künstlerische Freiheiten. Wohl deshalb nennt die Produktionsfirma „Noah“ ein „in Anlehnung an die biblische Geschichte der Rettung der Menschheit durch die Arche Noah entstandenes Action-Epos.“ Der Regisseur stellt außerdem klar, dass er eine eigene Interpretation der biblischen Erzählung bietet: „Der Zuschauer kann sicher sein, dass die großen Momente der Geschichte von Noah alle vorkommen: die Arche, die Tiere, die Riesen, der erste Regenbogen, die Taube. Aber auf eine Art und Weise, wie man sie vorher noch nie gesehen hat. Wir wollten nicht einfach das wiederholen, was es schon gab. So haben wir uns den Bibeltext noch einmal ganz genau angeschaut und eine Welt geschaffen, in der all diese Wunder tatsächlich geschehen könnten.“

Aronofskys eigene Interpretation beginnt nach einer teilweise sehr bunten, teilweise scherenschnittartigen Traumsequenz mit der Versuchung durch die Schlange und der Ermordung Abels durch Kain, die sich im Laufe des knapp dreistündigen Filmes mehrmals wiederholen wird, mit einer Art „Urerlebnis“ Noahs: Als Kind musste er mitansehen, wie sein Vater von den Nachfahren Kains erschlagen wurde. Diese Auseinandersetzung steht exemplarisch für einen seit Generationen tobenden Existenzkampf zwischen den Nachkommen Kains und des dritten Sohnes von Adam und Eva, Seth. In der Dramaturgie Aronofskys veranschaulicht dieses mörderische Treiben die Schlechtigkeit der Menschen, die den Anlass für die Sintflut gibt. Setzen sich Kains Abkömmlinge aus einer unzähligen Horde zusammen, aus der Noahs Gegenspieler Tubal-Kain (Ray Winstone) als Einziger ein Gesicht erhält, so bestehen die Nachkommen Seths aus einer einzigen Familie: aus Noah (Russell Crowe), seiner Frau Naameh (Jennifer Connelly) und seinen drei Söhnen Ham (Logan Lerman) Sem (Douglas Booth) und Jafet (zunächst als Baby, später von Leo Carroll dargestellt). Zu Noahs Familie gehört weiterhin Ila (Emma Watson), die von Noah aus einem zerstörten Flüchtlingslager als Kind mehr tot als lebendig gerettet wurde. 

In einer grundsätzlichen Hinsicht unterscheiden sich Tubal-Kain und Noah: Stellt der Nachfahre Kains die Überheblichkeit der Menschen dar, die keinen Schöpfer über sich akzeptieren wollen, so wird Noah als gottesfürchtiger Mann geschildert, der auf den Ruf Gottes antwortet, als ihm aufgetragen wird, eine Arche zu bauen. Entgegen dem biblischen Bericht ziehen in die Arche nicht Noah, seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne, weil er von einer Welt ohne Menschen träumt. Seine Söhne sollen keine Nachkommenschaft haben. Ila hat er nur deswegen gewählt, weil sie unfruchtbar ist. Regisseur Aronofsky deutet Noahs Liebe zur Schöpfung in Richtung eines rigorosen Ökologismus. Dazu passt es, dass der Urvater Vegetarier ist und Kleidung trägt, die aus der Werkstatt eines heutigen Öko-Modedesigners stammen könnte.

Obwohl in Aronofskys Film der Kern der biblischen Erzählung wiedergegeben wird, könnten die dramaturgischen Freiheiten, die Charakterzeichnung Noahs als herrischer, rechthaberischer Mann ohne jeglichen Humor sowie die Welt, in der „Noah“ angesiedelt ist, die eher an einen postapokalyptischen Film wie „The Book of Eli“ (Albert und Allen Hughes, 2010) oder an das in einer weiten Zukunft spielenden Segment aus dem Film „The Cloud Atlas“ (Lana Wachowski, Andy Wachowski, Tom Tykwer, 2011) erinnert, auf Christen teilweise irritierend wirken. In einigen arabischen Ländern ist er jedenfalls verboten worden. In Ägypten etwa erklärte die Al Azhar-Universität, dass solche Filme „dem Glauben und Fundament des islamischen Gesetzes widersprechen und die Gefühle der Gläubigen verletzen.” Laut der Scharia sei es verboten, einen Propheten in irgendeiner Art und Weise bildlich darzustellen.

In formaler Hinsicht besticht Darren Aronofskys Film jedoch durch seine in 3D besonders zum Ausdruck kommende bildgewaltige Filmsprache, die etwa im Einzug der Tiere in die Arche oder auch im Hin- und Herwogen der Holzkonstruktion auf den Wellen ihre Höhepunkte hat. Eine weitere Attraktion sind die „Wächter“, Aronofskys Interpretation der im biblischen Text vorkommenden Riesen, die als gefallene Engel gedeutet werden, die Noah beim Bau der Arche helfen und ihn gegen die Angriffe der Kain-Nachkommen schützen. Ein trotz übermäßiger Länge sehenswerter Film – wenn man sich nicht von den dramaturgischen Freiheiten des Regisseurs abschrecken lässt.

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Filmische Qualität: Drei Sterne                    
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson, Anthony Hopkins, Logan Lerman, Douglas Booth, Leo Carroll, Ray Winstone
Land, Jahr: USA 2014
Laufzeit: 172 Minuten
Genre: Historische Filme
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G +

im Kino: 4/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.