Nordkorea: Ein Rosenkranz aus Bohnen im verschlossensten Land der Welt

Situation der Christen im kommunistischen Nordkorea

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 641 klicks


Seit Monaten provoziert der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un die USA und Südkorea mit Raketentests und Invasionsvideos. Die Gefahr eines atomaren Erstschlags seitens Pjöngjang stuften Beobachter als größer denn je ein. Inzwischen hat China den Druck auf Nordkorea erhöht, die ausgesetzten Atomverhandlungen wieder aufzunehmen. Für den katholischen Priester Lee Eun-hyung, Generalsekretär des katholischen „Komitees zur Versöhnung des koreanischen Volkes“ mit Sitz in Seoul, bedeutet der aktuelle Konflikt einen herben Rückschlag für die seit 1999 geleistete Versöhnungsarbeit der 15 südkoreanischen Diözesen. Im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ berichtet Pfarrer Lee von der Situation der Christen im kommunistischen Nordkorea und von seinem Einsatz für die notleidende Bevölkerung dort.

Das Interview führte Anselm Blumberg.

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Pfarrer Lee, drei Mal haben Sie Pjöngjang, die Hauptstadt Nordkoreas, besucht. Was haben Sie dort erlebt?

In den Jahren 2005, 2008 und 2011 bin ich über China nach Pjöngjang geflogen. Ich habe dort mit Vertretern des „Katholischen Vereins Joseon“ gesprochen, der von den nordkoreanischen Behörden offiziell anerkannt wird. Dank diesem Verein konnten wir humanitäre Hilfen für Nordkorea leisten und einen religiösen Austausch realisieren. Bei jedem Besuch zelebrierte ich in der nach dem gleichnamigen Stadtteil benannten katholischen Kirche „Jangchung“ eine heilige Messe. Daran haben nordkoreanische Gläubige teilgenommen. Allerdings hatten die nordkoreanischen Behörden mir und meinen Mitarbeitern streng verboten, in persönlichen Kontakt mit den Bürgern des Landes zu treten. Es war daher unmöglich, einen Einblick in ihr Leben oder ihre Denkweise zu bekommen. Ob es sich bei den Gottesdienstbesuchern wirklich um Katholiken gehandelt hat, ist sehr schwer zu entscheiden. Der katholischen Kirche „Jangchung“ steht ein Laie vor. Angeblich hält er sonntags mit der Gemeinde einen Wortgottesdienst. Katholische Priester leben meines Wissens zurzeit nicht in Nordkorea.

Wie viele Christen leben heute noch in Nordkorea?

Es ist sehr schwierig, die Gläubigen in Nordkorea zu beziffern. Denn Nordkorea ist das verschlossenste Land der Welt. Ich halte die Zahlen über die Religionsangehörigen in Nordkorea in den zahlreichen Statistiken nicht für exakt. Die nordkoreanischen Behörden haben uns gesagt, dass es 3 000 Katholiken im Land gebe. Wir wissen aber weder, ob die Zahl stimmt, noch wie sie zustande kommt. Aber in der Zeit vor der Teilung des Landes von 1945 gab es in Nordkorea sehr viele Christen. Evangelische Missionare hatten damals Pjöngjang das „Jerusalem des Ostens“ genannt. Von hier aus entfaltete sich eine sehr rege Missionsarbeit. Die Mutter des Diktators Kim Il-sung (1948-1994) zum Beispiel stammte nämlich aus einer sehr frommen evangelischen Familie. Es gibt alte Dokumente, wonach vor der Teilung des Landes etwa 50 000 Katholiken im Norden lebten. Wir vermuten, dass nach der langen Verfolgungszeit ungefähr noch 10 000 Menschen eine Erinnerung an ihren katholischen Glauben im Herzen bewahren konnten. Allerdings praktizieren diese vermuteten Katholiken in Nordkorea ihren Glauben heimlich. Dass es in Nordkorea eine organisierte Untergrundkirche gibt, kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Gerüchteweise soll es eine Untergrundkirche an der Grenze zu China geben.

Gibt es außer in der Hauptstadt Pjöngjang noch andere Kirchengebäude in Nordkorea?

Ich hatte bis jetzt keine Möglichkeit, das in Erfahrung zu bringen. Bislang ist die Kirche "Jangchung" die einzige, die die nordkoreanischen Behörden offiziell als katholische Kirche anerkannt haben. Vor der Teilung Koreas existierten zahlreiche katholische Gotteshäuser in Nordkorea. Wahrscheinlich wurden viele von ihnen während des Koreakrieges (1950-1953) zerstört. Wir vermuten, dass die nordkoreanischen Behörden die übrigen Kirchengebäude, die vom Krieg verschont wurden, anderen Zwecken zugeführt haben.

Welche Hilfsgüter benötigen die Nordkoreaner am dringendsten, und wie hat die katholische Kirche Südkoreas darauf reagiert?

Nordkorea hat neben seinem großen Ernährungsproblem einen riesigen Mangel an Heizmaterial. Viele Nordkoreaner roden daher die bewaldeten Berge und verheizen die Bäume. Dadurch werden die Berge Nordkoreas immer kahler. Dies wiederum zieht verschiedene Naturkatastrophen wie Hochwasser und Bergrutsche nach sich. Das wirkt sich verheerend für die Landwirtschaft aus und verstärkt noch das Ernährungsproblem.


Um die Menschen nicht in der Kälte sitzen zu lassen, haben wir 2007 Winteraktionen gestartet, in denen wir bislang 300 000 Kohlebriketts mit LKWs in die Nähe von Kaesong brachten, also wenige Kilometer hinter die Waffenstillstandslinie. Zehn Mal habe ich bereits solche Transporte begleitet. Die Hilfslieferungen geschahen in Zusammenarbeit mit dem Verein „Aktion warme koreanische Halbinsel – Zentrale für Kohleverteilung aus Liebe“.

Kamen Sie bei den Kohlelieferungen auch in Kontakt mit der nordkoreanischen Bevölkerung?

Prinzipiell war der persönliche Kontakt mit den Bewohnern Nordkoreas streng verboten. Aber nachdem wir die Briketts am Stadtrand von Kaesong abgeladen hatten, kamen Einheimische zu uns, um mit uns zusammen zu arbeiten. Auf diese Weise kam doch immer wieder eine Begegnung mit der Bevölkerung zustande. Unsere ehrenamtlichen Helfer und die Nordkoreaner waren sich bei den ersten Gesprächen noch sehr fremd. Doch nach einer Weile haben sie einen Draht zueinander gefunden. Dann haben sie meistens über ihre Kinder gesprochen. Die Begegnungen wurden immer intensiver, angenehmer und natürlicher.

Was empfanden Sie als Südkoreaner, als Sie zum ersten Mal in den hermetisch abgeriegelten Norden fuhren?

Als ich die Waffenstillstandslinie mit dem LKW passierte, war es für mich, als machte ich mit der Zeitmaschine eine Zeitreise. Ich fühlte mich 40 oder 50 Jahre zurückversetzt. Die Dörfer vor Kaesong, die Leute, die dort wohnen: Alles sieht aus wie in früheren Zeiten.

Ihr Versöhnungskomitee nimmt sich der Flüchtlinge aus Nordkorea besonders an und hilft ihnen, in der südkoreanischen Gesellschaft heimisch zu werden. Was berichten die Christen unter den Flüchtlingen über ihre Möglichkeit, ihren Glauben in dem kommunistischen Land zu leben?

Es passiert zwar sehr selten, dass man unter den Flüchtlingen aus Nordkorea Christen antrifft, doch ich habe es erlebt. Sie wurden noch vor der Landesteilung getauft. Sie konnten sich noch an ihre Taufe erinnern, obwohl sie schon 60 Jahre zurücklag. Einige konnten sich auch noch an die Katechumenatszeit und an Gebete zur Vorbereitung auf die Taufe erinnern. Sie praktizierten heimlich ihren Glauben. Einige Flüchtlinge haben von alten Frauen berichtet, die sich zusammen setzten, Bohne für Bohne zählten und dabei leise etwas murmelten. Im Rückblick kam ihnen der Gedanke, dass sie vielleicht miteinander Rosenkranz beteten.

Welche religiösen Hilfen leistet Ihr Komitee Flüchtlingen aus Nordkorea?

Wir bemühen uns darum, jene religiös zu bilden, die Eifer und Interesse an der Religion zeigen. Das „Komitee zur Versöhnung des koreanischen Volkes“ sieht Flüchtlinge aus Nordkorea als kostbares Pfund für die zukünftige Einheit. Wir denken noch einen Schritt weiter, dass sie nämlich eines Tages als Gottesgeschenk für die Evangelisierung in Nordkorea wirken können.

Nach dem Ende der pazifistischen südkoreanischen „Sonnenscheinpolitik“ der früheren Präsidenten Kim Dae-jung (1998-2003) und Roh Moo-hyun (2003-2008) hat die Regierung in Seoul im Mai 2010 ihre Nordkoreahilfe eingestellt. Welche Möglichkeiten bleiben Ihnen jetzt noch, sich für Ihre Glaubensgeschwister im Norden einzusetzen?

Derzeit müssen unsere Hilfsaktionen für Nordkorea ruhen. Sobald die gegenwärtige Krise vorbei sein wird, werden wir darauf warten, dass die Politik in Südkorea andere Wege als die Regierung von Präsident Lee Myung-bak (2008 bis Februar 2013) in Bezug auf den Norden einschlägt. Tatsache ist, dass die nordkoreanische Seite durch den „Katholischen Verein Joseon“ um humanitäre Hilfe bittet. Gleichzeitig sind Renovierungsarbeiten an der katholischen Kirche „Jangchung“ in Pjöngjang sehr dringlich geworden. Wir wissen sehr genau um die dortige Not. Wir möchten durch unsere Unterstützung auch gleichzeitig ein festes Fundament für einen religiösen Austausch bauen. Aufgrund unserer Erfahrungen mit der letzten Regierung sind wir der Meinung, dass politische Spannungen nicht den Austausch zwischen Völkern und Religionen stoppen dürfen.

Hier in Europa haben wir das Gefühl, der Süden sei recht entspannt, während der Norden auf Konfrontationskurs ist. Haben die Menschen in Südkorea Angst vor einem Krieg?

Tatsächlich sind wir sehr besorgt um die Kriegsgefahr. Wir wissen genau, dass Kriegsdrohungen die Lebensentfaltung auf beiden Seiten sehr beeinträchtigen können. Wir wissen auch, dass Süd- und Nordkorea im Kriegsfall große Verletzungen davontragen würden, die nur sehr langwierig geheilt werden können. Daher gehe ich eher davon aus, dass der Kriegsfall nicht eintreten wird. In dieser angespannten Lage wird die Hungersnot der nordkoreanischen Bevölkerung größer; in Südkorea erleidet die Wirtschaft Nachteile. Ein Ausweg aus der beklemmenden Situation für Süd- und Nordkorea besteht in Dialog und Übereinkünften, in Zusammenarbeit und Austausch.