Notwendigkeit einer katholischen Reform der Ausbildung von Priestern

Lebenslange Fortbildung gefordert

Rom, (ZENIT.org) | 546 klicks

Die Kongregation für den Klerus veröffentlichte ein kurzes Dokument über eine notwendige Erneuerung der Ausbildung von Priestern in der katholischen Kirche.

[Wir veröffentlichen das Dokument im Wortlaut:]

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Im Rahmen der jüngst abgehaltenen XIII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode (7.-28. Oktober 2012), deren Thema die Neuevangelisierung war, wurde vom Papst und den Synodalvätern maßgeblich und definitiv erklärt, dass alle Problematiken, die von Vatikanum II unter dem Vorzeichen „de disciplina cleri et populi cristiani“ untersucht worden waren, auf ein grundlegendes Problem zurückzuführen sind, nämlich auf das Problem des Glaubens; eines starken und unerschütterlichen Glaubens in das, was die Kirche als göttliche Offenbarung zur Erlösung aller Menschen definiert hat. Ein starker und unerschütterlicher Glaube ist Bedingung für ein im wahren Sinne christliches Leben, das die Aufforderung zur Fülle der Liebe (die von Vatikanum II angesprochene, „universelle Berufung zur Heiligkeit“), die der Herr an uns alle richtet, zu erfüllen weiß; die Allen die übernatürlichen, zur Erlangung des Zieles erforderlichen Mittel verleiht, jedem gemäß der eigenen Lebensumstände und der institutionellen Stellung innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft. Denn nur dank des starken und unerschütterlichen Glaubens gelingt es dem zeitgenössischen Christen sich nicht von einem relativistischen Abdriften mitreißen zu lassen, bedingt durch eine soziale Realität (politische Kultur und Strukturen, entstanden aus dem Säkularisierungsprozess), die heute in vielerlei Formen eine christliche Lebensführung behindert und auch dazu neigt, das Bewusstsein all jener, die der Kirche treu sein möchten, zu verwirren. Ein angemessen grundlegendes Verständnis der Mysterien des Heils ist gerade jenes lumen fidei das es dem Christen ermöglicht, unter den vielen, aus allen Bereichen auf ihn eindringenden Botschaften jene zu erkennen, die dem übernatürlichen Schatz der offenbarten Wahrheit angehören (Wahrheit, die die katholische Kirche auf Geheiß ihres göttlichen Schöpfers, unfehlbar hütet und interpretiert) sowie jene, die dagegen jeglicher Form menschlicher Weisheit entstammen (religiös, philosophisch, wissenschaftlich), deren Gültigkeit in sich relativ ist und auf jeden Fall kritisch mit der offenbarten Wahrheit verglichen werden muss; offenbarte Wahrheit, die - wie Johannes Paul II in  Fides et ratio sagt - im eigentlichen Sinne die „letzte Wahrheit“ ist. Mit anderen Worten, ein starker und unerschütterlicher Glaube ermöglicht es dem Christen, in jeder konkreten historischen und sozialen Situation, die Stimme des Guten Hirten zu erkennen, sie in angemessener Weise von der vielleicht verführerischen Stimme schlechter Lehrer und falscher Propheten zu unterscheiden, dadurch vermeidend, von dem Weg des Heils und der Heiligkeit abgebracht zu werden. In der heutigen Gesellschaft gestaltet sich das, was allgemein „Unterscheidung der Geister“ genannt wird, zur Fähigkeit, in angemessener Weise die Glaubenslehre bewerten zu können (als letztes Kriterium des Glaubens), so wie sie maßgeblich vom Lehramt der Kirche, von humanistischen Lehren, wenn auch theologischer Natur, dargestellt wird.   Letztere können nur Interpretationshypothesen und Versuche einer Umsetzung erwirken, jedoch niemals die in rebus fidei et morum definierten Wahrheiten ersetzen oder sich ihnen überlagern. Anders ausgedrückt, in einer Zeit, in der die  „Diktatur des Relativismus„ alles verflachen und vereinheitlichen will, muss der Christ von Fall zu Fall unterscheiden können zwischen dem was als „dogmatisch“ zu erachten ist und dem was höchstens als „zulässige Hypothese“ gesehen werden kann (vorausgesetzt, Letztere enthält keinerlei Heterodoxie, was heute eher selten der Fall ist).

Angesichts der kulturellen Situation, entstanden durch eine immer größere Ausweitung der Globalisierung, ist all dies heute außerordentlich notwendig und dringend für die katechetische und theologische Bildung aller katholischen Gläubigen der ganzen Welt und eines jeden sozialen Zusammenhangs. Doch aus dieser Perspektive betrachtet ist es auch besonders notwendig und dringend, dass die Kirche in primis für die Ausbildung der Priester sorgen kann, sei es was die Ausbildung vor der Priesterweihe anbelangt, wie auch hinsichtlich der lebenslangen Fortbildung in ihren verschiedenen Formen. Denn es ist ja gerade Aufgabe der Priester (seien sie Pfarrer, Vikarpfarrer, Militär-, Gefängnis-, Betriebs- oder Krankenhauskaplane oder Missionare) den ordentlichen Ablauf des „ministerium verbi“ zu gewährleisten, sei es in der Homiletik, der Jugend- und Erwachsenenkatechese, wie im Religionsunterricht in den katholischen Schulen, in der kollektiven und persönlichen geistlichen Führung, als kirchlicher Berater katholischer Verbände, usw.

Es geht also darum, die Dringlichkeit einer wahren „katholischen Reform“ zu erkennen, die heute eine effiziente und angemessene Ausbildung der Priester ermöglicht und sie in all ihren Schwierigkeiten im spirituellen Leben und in ihrem Dienst, unterstützt: eine ausbildungsbezogene und strukturelle Reform, die den kirchlichen Seminarien ebenso wie den höheren Schulen für Philosophie und Sakraltheologie gilt. Diese Reform wird auch Fehler und Abweichungen von der Lehre berücksichtigen müssen, die die katholische Kirche in der heutigen Zeit belasten; dies wurde mit großer pastoraler Beflissenheit von den heiligen Vätern Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. betont,  auch in Bezug auf die verzerrten Interpretationen der Lehren von Vatikanum II. Gerade aufgrund dieser Verzerrungen der Lehre, deren unschuldige Opfer aber manchmal auch negative Protagonisten, bedingt durch ihre Bewusstseinsdeformation, die Angehörigen der Kirche sind, besteht in jeder Diözese der Welt die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Veränderung der Vorgangsweise bei der Auswahl, der Vorbereitung und der Aus- und Fortbildung des katholischen Klerus.

Die lehrbezogenen und pädagogischen Kriterien dieses Unterfangens werden vom kirchlichen Lehramt in vielen Dokumenten jüngeren Datums angesprochen. Besonders konkret geht die Enzyklika Johannes Paul II Fides et ratio (14. September 1998) auf die Ausbildung des Klerus in der heutigen Zeit ein; sie warnt vor den Gefahren des Fideismus einerseits und vor denen des Rationalismus andererseits, legt Theologen und Verantwortlichen für die theologische Priesterausbildung die Bedeutung der „recta ratio“ nahe, (die in den Prinzipien und den grundlegenden Gewissheiten des Allgemeinsinns, bzw. der „Philosophie des Impliziten“ bereits besteht), und fordert somit zum angemessenen Einsatz der Metaphysik auf, sei es bei der Interpretation des Dogma wie bei der genauen Definition der rationalen Prämissen des Glaubens. Diese grundlegende lehramtliche und pädagogische Anweisung ist leider Gottes noch nicht ausreichend in die pastorale Praxis übernommen und umgesetzt worden. Aus diesem Grund hat die Bischofssynode es als angemessen erachtet, folgende Empfehlung zu formulieren: «Im zeitgenössischen Rahmen einer globalisierten Kultur lassen Zweifel und Fragen über die Wahrheit eine weitverbreitete Skepsis entstehen und führen zu neuen Gedanken- und Lebensparadigmen. Für die Neuevangelisierung ist es von grundlegender Bedeutung die Funktion der „Voraussetzung des Glaubens“ erneut zu betonen. Es ist daher notwendig, nicht nur aufzuzeigen, dass der Glaube sich nicht dem Verstand widersetzt, sondern auch eine Reihe von Wahrheiten und Realitäten hervorzuheben, die Grundlage einer korrekten, aufgeklärten Anthropologie des natürlichen Verstandes zu sein vermögen. Zu diesen Wahrheiten gehören auch der Wert des Naturgesetzes  und die daraus sich für die gesamte Menschheit ergebenden Folgen. Die Auffassungen von „Naturgesetz“ und von „menschlicher Natur“ mögen der rationalen Beweisführung unterliegen, sei es auf akademischer Ebene, wie auch auf Ebene der Allgemeinbildung. Diese Entwicklung und dieser intellektuelle Aufbau werden den Dialog zwischen christlichen Gläubigen und den Menschen eines guten Willens fördern, den Weg ebnen für die Anerkennung des Bestehens eines Schöpfergottes und der Botschaft Jesu Christi, dem Erlöser. Die Väter der Synode erwarten von den Theologen eine neue Apologetik des christlichen Gedankens, also eine Theologie der Glaubwürdigkeit, die der Neuevangelisierung gemäß ist. Die Synode fordert die Theologen auf, die intellektuellen Herausforderungen der Neuevangelisierung aufzunehmen und zu bewältigen, somit am Sendungsauftrag der Kirche teilnehmend, durch den das Evangelium Christi allen verkündet werden soll.“ (Proposition 17, formuliert am Ende der Arbeiten; nicht offizielle Übersetzung aus dem Italienischen, das anhand des englischen Originals, vom Pressebüro des Vatikans zur Verfügung gestellt, übersetzt wurde.)