Nuntius befürchtet Destabilisierung auf dem Balkan

Situation ähnlich explosiv wie im Nahen Osten

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BELGRAD, 13. Februar 2008 (ZENIT.org).- Während Serbien sich auf die Unabhängigkeitserklärung der albanisch dominierten Provinz Kosovo vorbereitet, äußert der Apostolische Nuntius auf dem Balkan die Hoffnung, dass die Situation nicht eskaliere.



Der serbische Präsident Boris Tadić drängte diese Woche auf internationale Gespräche zum Status des Kosovos und bekräftigte, die albanischen Führer würden am 17. Februar „illegal“ ihre Unabhängigkeit erklären.

Noch fehlt eine Bestätigung des kosovarischen Premiers Hashim Thaci, doch am Freitag hatte er betont, die Trennung des Kosovo von Serbien sei eine „beschlossene Sache“, zu der bereits an die 100 Nationen ihre Zustimmung gegeben hätten.

Der Apostolische Nuntius in Serbien, Erzbischof Eugenio Sbarbaro, zeigte sich gegenüber ZENIT besorgt. Die Situation sei äußerst gefährlich, und es bestehe die Gefahr eines zweiten Nahen Ostens.

Serbien legt sich in der Frage der Abtrennung der Provinz, in der es die Wiege seiner historischen Staatlichkeit und Religion sieht, weiter quer. Nach der Volkszählung von 2002 sind 85 Prozent der Einwohner Serbiens – ohne Kosovo – serbisch-orthodox, 5,5 Prozent katholisch und 3,2 Prozent muslimisch. Im Kosovo hingegen sind 90 Prozent der Gesamtbevölkerung muslimisch, 6 Prozent serbisch-orthodox und 4 Prozent Katholiken. Die serbisch-orthodoxe Minderheit unterhält gute Kontakte zu den historisch wie kulturell wertvollen orthodoxen Klöstern der Gegend.

Serbischer Widerstand
Rund 200 serbische Repräsentanten trafen sich diese Woche anlässlich der bevorstehenden Unabhängigkeitserklärung. Sie gelobten feierlich die Ablehnung einer solchen Deklaration, den Boykott eines kosovarischen Parlaments und die Errichtung eigener Institutionen im nördlichen Teil der „abtrünnigen“ Provinz. Eine eigene Vertretung solle sich überdies dem Leben der Serben im Kosovo widmen.

Diese Erklärung erinnert an die frühen 1990er Jahre, als Angehörige der albanischen Ethnie den Anspruch Serbiens auf die Autonomie der Provinz ignoriert und eigene Institutionen eingesetzt hatten, was schließlich in einem albanischen Aufstand mündete, der von serbischen Truppen niedergeschlagen wurde und in der Folge die NATO zu Bombardierungen und der Einrichtung einer UN-Administration zwang.

Während sich der Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung nähert, wächst die politische und religiöse Spannung in der ohnehin explosiven Region.

Unter Bezugnahme auf die Komplexität der Lage erklärte Erzbischof Sbarbaro gegenüber ZENIT, Grund für die gespannte Situation sei die innige Verflechtung von Religion und Politik, die das Herzstück der historischen Tradition jener Region ausmache.

Die serbisch-orthodoxe Kirche verdeutlichte dies im Mai des vergangenen Jahres bei der Bischofssynode in Belgrad: Eine Unabhängigkeitserklärung des Kosovo werde „ein Zertreten von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit bedeuten, ein Außerkraftsetzen eines uralten, international anerkannten und bestätigten Rechts einer christlichen Nation Europas. Dies würde einen Präzedenzfall schaffen mit ungerechten Konsequenzen nicht nur für den Balkan und Europa, sondern für die ganze Welt“, hieß es damals.

Erzbischof Sbarbaro verwies außerdem auf die ökumenisch äußerst heiklen Umstände. In den Augen der serbisch-orthodoxen Kirche würde der Verlust des Kosovo emotional ungefähr dasselbe bedeuten wie die Aufgabe des Vatikans für Katholiken. Außerdem fühlten sich die Serben von Westeuropa im Stich gelassen, eben weil sie orthodox seien. Sie vermuteten sogar Katholiken als Drahtzieher. Insofern müsse diese Frage in ökumenischer Hinsicht mit größter Sorgfalt behandelt werden.

Empfang für den Präsidenten des Kosovos im Vatikan
Benedikt XVI. empfing am 2. Februar den Präsidenten des Kosovo, Fatmir Sejdiu. Im daraufhin verlautbarten Kommuniqué des Heiligen Stuhls wurde betont, dass der Heilige Vater seine Verbundenheit mit dem Land bekundet habe, „in dem es seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung Christen gibt“. Besonders habe er den Beitrag des kleinen katholischen Bevölkerungsanteils von rund 65.000 Menschen auf dem Gebiet des Gesundheitswesens und der Erziehung gelobt, der allen Kosovaren unabhängig von ihrem ethnischen oder religiösen Hintergrund zu Gute komme.

Was eine mögliche Unabhängigkeitserklärung des Kosovo betrifft, so das Kommuniqué weiter, werde der Heilige Stuhl „vor Ort mit größter Aufmerksamkeit die Ereignisse verfolgen und je nach Einschätzung die Position der Internationalen Gemeinschaft berücksichtigen“.

Von Will Taylor