„Nur von den Heiligen, nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution“: Heiligsprechung von Frei Antônio Galvão in Brasilien

Predigt von Papst Benedikt XVI. auf dem „Campo de Marte“ in São Paulo

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ROM, 14. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am 11. Mai bei der Heiligsprechung von Frei Antônio de Sant’Ana Galvão OFM gehalten hat.



Der Heilige Vater führte den Gläubigen das „schöne Beispiel der Nachfolge“ des ersten gebürtigen brasilianischen Heiligen vor Augen und betonte: „Wie aktuell klingen für uns, die wir in einer so stark vom Hedonismus geprägten Zeit leben, die Worte, die in der Formel seiner Weihe niedergeschrieben sind: ‚Nimm mir lieber das Leben, bevor ich meinen Herrn, deinen gebenedeiten Sohn, beleidige!‘ Das sind starke Worte einer leidenschaftlichen Seele, Worte, die zum normalen Leben jedes Christen gehören sollten, ob es geweiht oder nicht geweiht ist; sie wecken den Wunsch nach Treue zu Gott innerhalb und außerhalb der Ehe. Die Welt braucht reine Leben, klare Seelen, einfache Denker, die sich weigern, als Geschöpfe betrachtet zu werden, die Lustobjekte sind. Es ist notwendig, nein zu sagen zu jenen sozialen Kommunikationsmitteln, die die Heiligkeit der Ehe und die Jungfräulichkeit vor der Ehe lächerlich machen.“

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Meine Herren Kardinäle,
Herr Erzbischof von São Paulo
und verehrte Bischöfe von Brasilien und Lateinamerika,
geehrte Autoritäten,
Schwestern und Brüder in Christus!
»Ich will den Herrn allezeit preisen, immer sei sein Lob in meinem Mund« (Ps 34,2).

1. Freuen wir uns im Herrn an diesem Tag, an dem wir eine neue Wundertat Gottes betrachten, der uns durch seine wunderbare Vorsehung erlaubt, eine Spur seiner Gegenwart zu kosten in diesem Akt der Hingabe aus Liebe, die ja das heilige Opfer des Altars ist.

Ja, wir können nicht anders, als unseren Gott zu loben. Loben wir ihn alle, ihr Völker Brasiliens und Amerikas; preisen wir den Herrn für seine Wunder, denn er hat große Taten für uns vollbracht. Heute erlaubt uns die göttliche Weisheit, uns um seinen Altar zu versammeln in der Haltung des Lobes und Dankes dafür, daß er uns die Gnade der Heiligsprechung von Frei Antônio de Sant’Ana Galvão gewährt hat.

Ich möchte für die herzlichen Worte des Erzbischofs danken, der sich zum Wortführer von euch allen gemacht hat. Ich danke für die Anwesenheit eines jeden und einer jeden von euch, sowohl der Bewohner dieser großen Stadt als auch derer, die aus anderen Städten und Nationen gekommen sind. Ich freue mich, weil meine Worte und der Ausdruck meiner Zuneigung über die Medien jedes Haus und jedes Herz erreichen können. Seid versichert: Der Papst liebt euch, und er liebt euch, weil Jesus Christus euch liebt.

In dieser festlichen Eucharistiefeier wurde das Evangelium verkündet, in dem Jesus aus tiefstem Herzen ruft: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast« (Mt 11,25). Deshalb freue ich mich, daß die Erhebung von Frei Galvão zur Ehre der Altäre für immer in die Liturgie eingeschrieben bleiben wird, die uns die Kirche heute anbietet.

Herzlich grüße ich die ganze franziskanische Gemeinschaft und besonders die Schwestern von der Unbefleckten Empfängnis, die aus dem »Kloster des Lichtes«, aus der Hauptstadt São Paulo, die Spiritualität und das Charisma des ersten Brasilianers ausstrahlen, der zur Ehre der Altäre erhoben wird.

2. Wir sagen Gott Dank für die ständigen Wohltaten, die wir durch den starken Einfluß der Evangelisierung erhalten haben, den der Heilige Geist durch Frei Galvão in so viele Seelen eingeprägt hat. Das nach dem Evangelium gelebte franziskanische Charisma hat deutliche Früchte gebracht durch sein Zeugnis als glühender Anbeter der Eucharistie, als kluger und weiser Führer der Seelen, die ihn aufsuchten, und als großer Verehrer der Unbefleckten Empfängnis Mariens, als deren »Sohn und ständigen Sklaven« er sich betrachtete.

Gott geht uns entgegen, »bis hin zum Letzten Abendmahl, bis hin zu dem am Kreuz durchbohrten Herzen, bis hin zu den Erscheinungen des Auferstandenen und seinen Großtaten, mit denen er durch das Wirken der Apostel die entstehende Kirche auf ihrem Weg geführt hat« (Enzyklika Deus caritas est, 17). Er offenbart sich durch sein Wort, in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie. Deshalb ist das Leben der Kirche wesentlich eucharistisch. Der Herr hat uns in seiner wunderbaren Vorsehung ein sichtbares Zeichen seiner Gegenwart hinterlassen.

Wenn wir in der heiligen Messe den vom Priester erhobenen Herrn nach der Konsekration des Brotes und des Weines betrachten, oder wenn wir ihn voll Ehrfurcht in der ausgestellten Monstranz anbeten, erneuern wir in tiefer Demut unsern Glauben, wie es Frei Galvão in »laus perennis«, in einer ständigen inneren Haltung der Anbetung, getan hat. In der heiligen Eucharistie ist das ganze geistliche Gut der Kirche enthalten, das heißt, Christus selbst, unser Ostern, das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist, vom Heiligen Geist lebendig gemacht, und das Leben spendet, weil es den Menschen das Leben schenkt. Dieses geheimnisvolle und unaussprechliche Offenbarwerden der Liebe Gottes zu den Menschen hat einen bevorzugten Platz im Herzen der Christen. Sie müssen die Möglichkeit haben, den Glauben der Kirche kennenzulernen durch ihre geweihten Diener, durch die Vorbildlichkeit, mit der sie die vorgeschriebenen Riten vollziehen, die immer auf die eucharistische Liturgie als den Mittelpunkt des ganzen Evangelisierungswerkes hinweisen. Die Gläubigen sollen ihrerseits versuchen, das Allerheiligste Sakrament mit Andacht und Frömmigkeit zu empfangen und zu verehren, indem sie den Herrn Jesus gläubig aufnehmen und jedesmal, wenn notwendig, auf das Sakrament der Versöhnung zurückgreifen, um die Seele von jeder schweren Sünde zu reinigen.

3. Beispielhaft ist das Vorbild von Frei Galvão durch seine Bereitschaft zum Dienst am Volk, immer wenn er darum gebeten wurde. Er war ein bekannter Ratgeber, ein Friedensstifter der Seelen und der Familien, und er ließ besonders den Armen und Kranken seine Nächstenliebe zuteil werden. Er war ein gesuchter Beichtvater, weil er eifrig, weise und klug war. Ein Wesenszug dessen, der wirklich liebt, ist es, daß er nicht will, daß der Geliebte Schaden leidet; die Bekehrung der Sünder war deshalb die große Leidenschaft unseres Heiligen. Schwester Helena Maria, die erste »Ordensfrau«, die bestimmt war, den Anfang für das »Recolhimento de Nossa Senhora da Conçeicão« zu setzen, hat bezeugt, was Frei Galvão gesagt hatte: »Bittet Gott, unsern Herrn, daß er die Sünder mit seinem mächtigen Arm aus dem furchtbaren Abgrund der Sünden hebt, in dem sie sich befinden.« Möge uns diese liebevolle Mahnung als Anregung dienen, damit wir in der Göttlichen Barmherzigkeit den Weg zur Versöhnung mit Gott und mit dem Nächsten und zum Frieden unserer Gewissen erkennen.

4. Vereint mit dem Herrn in der innigen Gemeinschaft der Eucharistie und versöhnt mit ihm und mit unserem Nächsten, werden wir zu Trägern des Friedens, den die Welt nicht geben kann. Können die Menschen in dieser Welt den Frieden finden, wenn sie sich nicht der Notwendigkeit bewußt sind, daß sie sich mit Gott, mit dem Nächsten und mit sich selbst versöhnen müssen? In dieser Hinsicht war das, was die Senatsversammlung von São Paulo an den Provinzialminister der Franziskaner am Ende des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, von großer Bedeutung, denn sie nannte Frei Galvão einen »Mann des Friedens und der Nächstenliebe«. Worum bittet uns der Herr? »Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!« Aber sogleich fügt er hinzu: »Bringt Frucht, daß eure Frucht bleibt« (vgl. Joh 15,12.16). Und welche Frucht verlangt er von uns, wenn nicht die, daß wir einander lieben und uns am Beispiel des Heiligen von Guaratinguetá inspirieren?

Der Ruf seiner tiefen Nächstenliebe kannte keine Grenzen. Personen des ganzen nationalen Spektrums kamen zu Frei Galvão, der alle väterlich aufnahm. Es waren Arme, Kranke an Seele und Leib, die ihn um Hilfe baten.

Jesus öffnet sein Herz und offenbart uns den Kern seiner ganzen Heilsbotschaft: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15,13). Er selbst liebte so sehr, daß er sein Leben für uns am Kreuz hingegeben hat. Auch das Handeln der Kirche und der Christen in der Gesellschaft muß diese Inspiration haben. Die Initiativen der sozialen Pastoral haben, wenn sie auf das Wohl der Armen und der Kranken abzielen, dieses göttliche Prägemal in sich. Der Herr zählt auf uns, und er nennt uns Freunde, weil wir nur denen, die wir auf diese Weise lieben, das Leben geben können, das von Jesus durch seine Gnade angeboten wird.

Wie wir wissen, lautet das Grundthema der V. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe: »Jünger und Missionare Jesu Christi sein, damit unsere Völker in ihm das Leben haben.« Sieht man da nicht, daß es notwendig ist, den Ruf mit neuem Eifer zu hören, um großmütig auf die Herausforderungen antworten zu können, die die Kirche in Brasilien und in Lateinamerika zu bewältigen berufen ist?

5. »Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen«, sagt der Herr im Evangelium (Mt 11,28). Das ist der letzte Ratschlag, den er hier an uns richtet. Ist darin nicht die väterliche und zugleich mütterliche Liebe Gottes zu allen seinen Kindern zu sehen? Maria, die Mutter Gottes und unsere Mutter, ist in diesem Augenblick besonders mit uns verbunden. Frei Galvão bekräftigte mit prophetischer Stimme die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis. Sie, die »Tota pulchra«, die reinste Jungfrau, die in ihrem Leib den Erlöser der Menschen empfangen hat und vor der Ursünde bewahrt wurde, will das endgültige Siegel unserer Begegnung mit Gott, unserem Erlöser, sein. Es gibt in der Heilsgeschichte keine Frucht der Gnade, die nicht als notwendiges Werkzeug die Vermittlung Unserer Lieben Frau hätte.

In der Tat, unser Heiliger hat sich von Jugend an unwiderruflich der Mutter Jesu geweiht; er wollte ihr für immer gehören und hat die Jungfrau Maria als Mutter und Schutzherrin seiner geistlichen Töchter gewählt.

Liebe Freunde und Freundinnen, welch schönes Beispiel der Nachfolge hat uns Frei Galvão hinterlassen! Wie aktuell klingen für uns, die wir in einer so stark vom Hedonismus geprägten Zeit leben, die Worte, die in der Formel seiner Weihe niedergeschrieben sind: »Nimm mir lieber das Leben, bevor ich meinen Herrn, deinen gebenedeiten Sohn, beleidige!« Das sind starke Worte einer leidenschaftlichen Seele, Worte, die zum normalen Leben jedes Christen gehören sollten, ob es geweiht oder nicht geweiht ist; sie wecken den Wunsch nach Treue zu Gott innerhalb und außerhalb der Ehe. Die Welt braucht reine Leben, klare Seelen, einfache Denker, die sich weigern, als Geschöpfe betrachtet zu werden, die Lustobjekte sind. Es ist notwendig, nein zu sagen zu jenen sozialen Kommunikationsmitteln, die die Heiligkeit der Ehe und die Jungfräulichkeit vor der Ehe lächerlich machen.

Jetzt ist uns in der Gottesmutter der beste Schutz gegen die Übel gegeben, die das moderne Leben bedrohen; die Marienverehrung ist die sichere Gewähr für den mütterlichen Schutz und die Verteidigung in der Stunde der Versuchung. Und welche geheimnisvolle Gegenwart der reinsten Jungfrau wird es sein, wenn wir den Schutz und die Hilfe der »Senhora Aparecida« erbitten? Legen wir in ihre heiligsten Hände das Leben der Priester und der geweihten Laien, der Seminaristen und all derer, die zum Ordensleben berufen sind.

6. Liebe Freunde, erlaubt mir, zum Schluß an die Gebetsvigil auf dem Marienfeld in Deutschland zu erinnern: Vor einer großen Schar von Jugendlichen wollte ich die Heiligen unserer Zeit als wahre Reformer vorstellen und sagte: »Nur von den Heiligen, nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution, die grundlegende Änderung der Welt« ((Predigt, 20.8.2005; O.R. dt. Nr. 34, 26.8.2005, S.14). Das ist die Einladung, die ich heute an euch alle, vom ersten bis zum letzten, in dieser Eucharistie ohne Grenzen richte. Gott hat gesagt: »Seid heilig, weil ich heilig bin« (Lev 11,44). Danken wir Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist, von denen uns auf die Fürsprache der Jungfrau Maria aller Segen des Himmels kommt; von denen uns dieses Geschenk kommt, das zusammen mit dem Glauben die größte Gnade ist, die einem Menschen gewährt werden kann: der feste Wunsch, die Fülle der Liebe zu erlangen in der Überzeugung, daß die Heiligkeit für jeden im eigenen Lebensstand nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist, um der Welt das wahre Antlitz Christi, unseres Freundes, zu zeigen. Amen.

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