O admirabile commercium - Bildbetrachtung zu Mariä Lichtmess

Philippe de Champaigne (1602 1674) - Die Darstellung im Tempel

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Von Nicki Schaepen*

TÜBINGEN, 3. Februar 2012 (ZENIT.org). -

1648, Öl auf Leinwand 257 x 197 cm, Musées Royaux des Beaux Arts, Brüssel.

Das Bild findet sich hier.

Philippe de Champaigne hat in seinem für den Hochaltar der Pariser Kirche Saint Honoré bestimmten Gemälde in großer farblicher und kompositorischer Klarheit gleich vier Geschehnisse in einem Moment vereinigt, die sich gemäß der Überlieferung vierzig Tage nach der Geburt des Herrn im Jerusalemer Tempel zugetragen haben. Auf den vier Stufen, die zu einem antiken Tempelportikus hinaufführen, nähern sich zu beiden Seiten je vier Personen der zentral positionierten Bildfigur an, die wir als den neugeborenen Herrn in den Armen des greisen Simeon identifizieren können.

Vier korinthische Säulen im Mittelgrund des Bildes ergeben gleichsam einen, die ganze Komposition ordnenden Rahmen; ihnen sind vier Hauptfiguren zugewiesen: Links der hl. Joseph und die selige Jungfrau, rechts der greise Simeon und die gerade vom Pronaos her hinzutretende Prophetin Hanna, in deren Gefolge sich weitere drei Personen befinden. Im Hintergrund des Bildes vermag man die Cella zu erkennen, in der ein Priester Gott das Brandopfer just an jener Stelle darbringt, die bildkompositorisch in direkter Linie zum Haupt des Jesusknaben führt.

So wie die Zahl vier die Komposition des Bildes ganz durchwirkt, sind es auch vier Geschehnisse, derer die Liturgie des heutigen Festes der Darstellung des Herrn gedenkt: 1. die Loskaufung des Herrn (Ex 13,13; Num 3,47), 2. die Reinigung Mariens (Lev 12; Luk 2, 22‑24), 3. die Prophetie des greisen Simeon (Luk 2, 29‑32) und 4. das Bekenntnis der Prophetin Hanna (Luk 2,36‑38).

Das Gesetz des Herrn gebot den Müttern Israels, vierzig Tage nach der Geburt eines Knaben vom Tempel fernzubleiben. Nach Ablauf dieser Zeitspanne mussten sie levitisch rein werden, ein Lamm zum Brandopfer und eine Taube zum Sündopfer darbringen. Im Falle der Armut aber zwei Tauben (Lev 12; Luk 2, 22‑24), die der heilige Joseph auf unserem Bild in einem Korb mit sich führt. Handelte es sich um den Erstgeborenen, so gehörte er dem Herrn als Eigentum und musste um den Preis von fünf Schekel zurückgekauft werden (Ex 13,13; Num 3,47). Neben Maria ist auch noch eine andere Mutter im Bild mit ihrem Kind zum Tempel gekommen.

Der große jesuitische Lehrer Ludovico de Ponte (1554‑1624) schreibt hierzu: „Wer ist es, der das göttliche Kind verkauft? Der ewige Vater. Er wollte das Opferlamm, das ihm dargebracht wurde, nicht für sich zurückbehalten, sondern er gab es der Welt und den Menschen zu ihrem großen Segen wieder zurück, und zwar aus reiner Güte und Freigebigkeit. Es gereut ihn also seine erste Schenkung nicht; er wollte sie vielmehr auf diesen neuen Titel des Loskaufs hin erneuern und bestätigen, daß sie der Welt zu noch größerem Segen gereich“ [1].

Die Verbindung zum Opferlamm wird im Bilde Champaignes durch die erwähnte Kompositionslinie des Opferaltares in der Cella zum Haupt Jesu deutlich. Mit der Ankunft des Jesuskindes im Tempel erfüllt sich die Prophetie des Maleachi (3,1): „Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!, spricht der Herr der Heere“ und die Weissagung Haggais (2,6‑7): „Denn so spricht der Herr der Heere: Nur noch kurze Zeit, dann lasse ich den Himmel und die Erde, das Meer und das Festland erbeben  und ich lasse alle Völker erzittern. Dann strömen die Schätze aller Völker herbei und ich erfülle dieses Haus mit Herrlichkeit, spricht der Herr der Heere“.

Der Messias kommt in seinen Tempel. Gott, dem das Rauchopfer dargebracht wird, ist selbst in der Menschennatur erschienen und wird sich zum wahren und makellosen Sühnopfer hingeben. Seine verhüllte Gottheit erfüllt das Haus mit Herrlichkeit.

Simeon, von dem die hl. Schrift sagt, dass er ein gerechter und gottesfürchtiger Mann sei, er dem verheißen war, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Gesalbten des Herrn gesehen (Lk 2, 26), wurde vom Heiligen Geist erfüllt. Was anderen Augen verborgen war, wurde ihm im Herzen offenbar. Sein Lobpreis fasst zusammen, worum es in unserem Bilde wesentlich geht: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, dass du vor allen Völkern bereitet hast. Ein Licht, das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Nunc dimittis des Breviers nach Lk 29‑32). Jesus ist der Heiland aller Menschen, sein Evangelium, das uns in vier Büchern überbracht ist, wird in alle Welt, in alle vier Himmelsrichtungen verkündet werden und die Heiden erleuchten.

Daher wage ich es, mit großem Vertrauen zu sprechen: ‚Mein Geliebter ist mein und ich bin sein (Hl 2,16)‘. Ja, guter Jesus! So sei es! Ich will dich nie mehr verlassen! Dann wirst du auch mich nicht verlassen. So wie du es sagst: „Ich bin dein Heil, dein Frieden, dein Leben. Halte dich an mir, und du wirst Frieden finden. Gib alles Vergängliche daran und suche nur das Ewige. Alle zeitlichen Dinge sind doch nichts anderes als verführerisch! Und was nützen dir alle Geschöpfe, wenn dein Schöpfer sich von dir zurückzieht? So reiß dich denn los von allem, was vergänglich ist, und weihe dich deinem Schöpfer, sei ihm ergeben und treu, damit du die wahre Seligkeit erlangen kannst“ (Imitatio Christi, lib. 3, cap. 1). Amen.

[1] Des ehrwürdigen Ludwig de Ponte S.J. Betrachtungen über die vorzüglichsten Geheimnisse unseres Glaubens. Neue deutsche Ausgabe von P. Max Schmid S.J. II. Band: Betrachtungen über die Menschwerdung und Kindheit Christi und sein Leben bis zur Taufe im Jordan, sowie über das Leben seiner glorreichen Mutter Maria. Regensburg 1930, 298.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.