O magnum mysterium: ein Meister religiöser Innigkeit

400. Todesjahr von Tomás Luis de Victoria (1548-1611)

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22. Dezember 2011 (ZENIT.org). - In seiner letzten Mittwochskatechese vor Weihnachten zitierte Papst Benedikt XVI. Gregor den Großen mit Worten aus einer berühmten Weihnachtspredigt. Vor 400 Jahren inspirierte dieser große Papst einen Meister religiöser Tonkunst zu einer seiner berühmtesten Motetten zur Weihnachtszeit, „O magnum mysterium“, ein inniger Blick auf das zarte Jesuskind in der Krippe: Klänge aus göttlicher Sphäre.

Von Daniel Kretschmar*

Hinein in ein „goldenes Zeitalter“, in dem extreme Gegensätze aufeinanderprallten, wo sich kulturelle Höchstleistungen mit Krieg, tiefe katholische Frömmigkeit mit reformatorischen Bestrebungen durchdrangen, in ein auf dem Höhepunkt seiner Macht befindliches Spanien wird um das Jahr 1548 in Sanchidrián in der Provinz Ávila ein Kind geboren, das mit seiner Musik Maßstäbe setzen wird.

Tomás Luis de Victoria wird nach dem Tod seines Vaters mit zehn Jahren Sängerknabe an der Kathedrale von Ávila, in der Stadt, in der die beiden größten Erneuerer der katholischen Frömmigkeit und Mystik Spaniens wirkten. Zu dieser Zeit war Teresa von Ávila bereits über zwanzig Jahre im dortigen Karmel von der Menschwerdung. Im Jahre 1572, sieben Jahre nach Tomás' Fortgang, wurde Johannes vom Kreuz Beichtvater des Konvents. Beide, Teresa und Johannes, waren durchdrungen von einer Reform ihres karmelitischen Ordens und einer tiefen Beziehung zu Gott im kontemplativen Gebet, welches die spanische Spiritualität zutiefst beeinflusst hat. 1565 verlässt Tomás seine Heimatstadt, um, gefördert durch ein Stipendium König Philipps II. (1556-1598), am Collegium Germanium in Rom zu studieren und sich auf die Priesterweihe vorzubereiten. Dieses einige Jahre zuvor im Jahre 1552 von den Jesuiten um Ignatius von Loyola gegründete Institut, welches eine fundierte theologische Ausbildung bieten und romtreue Priester hervorbringen sollte, wurde zum Zentrum gegenreformatorischer Priesterausbildung. Hier wurden die Bestimmungen des Trienter Konzils (1545-1563) umgesetzt und die Zöglinge danach in ihre Heimat zurückgesandt.

1569 verlässt Tomás das Collegium, um als Organist und Sänger an der Kirche Santa Maria de Monserrat zu wirken, setzt aber seine Studien weiter fort. 1571 kehrt er zurück und erhält die Stelle des moderator musicae, wodurch ihm die Leitung der Kapelle des Germanium obliegt. In dieser Funktion ist er Nachfolger Giovanni Pierluigi da Palestrinas, der ihn musikalisch geprägt hat. Am 28. August 1575 empfängt er die Priesterweihe in der Kirche Santo Tomas de los Ingleses. Schon früh fühlt sich Tomás Luis de Victoria der Trienter Reform verpflichtet, die gerade im Blick auf die Kirchenmusik eine Betonung der Textverständlichkeit gegenüber der Virtuosität der Komposition verlangte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er niemals weltliche Musik zu Papier brachte und sich als tiefreligiöser Priester stets dem Gottesdienst der Kirche verpflichtet fühlte. Er veröffentlichte mehrere Sammlungen mit Kompositionen, darunter das berühmte „Officium Sanctae Hebdomadae“ von 1585, einer Vertonung der Responsorien und anderer Texte für die liturgischen Funktionen der Karwoche. Im gleichen Jahr der Veröffentlichung verlässt er Rom und kehrt in seine spanische Heimat zurück. Dort wird er persönlicher Kaplan der verwitweten Kaiserin Maria und Leiter der Kapelle des „Real Convento de las Clarisas descalzas“, des kaiserlichen Klosters der unbeschuhten Klarissen in Madrid. Diesem Kloster waren die bedeutenden Neuerungen Teresa von Ávilas und Johannes von Kreuz sicher nicht unbekannt geblieben, hatte doch gerade das barfüßige Gehen, welches Teresa 1560 ihrem Konvent auferlegte, große Verbreitung gefunden, denn relativ schnell übernahmen die verschiedensten Orden diese Weise als Zeichen der Armut und Erneuerung. Man kann vermuten, dass Tomás de Victoria beide zumindest vom Hören kannte und mit ihrer Spiritualität vertraut war, spiegelt seine Musik doch genau das wieder. In dieser seiner Stellung als Kapellmeister am Kloster verbleibt er bis zu seinem Tod. Noch zweimal verlässt er Spanien, um nach Rom zu reisen. Erstmals 1592 zum Publikation seiner „Missae liber secundus“ und ein weiteres Mal 1594, um an den Bestattungszeremonien für Palestrina teilzunehmen. 1595 kehrt er endgültig nach Spanien zurück.

Was zeichnet nun seine Musik aus und unterscheidet sie von seinen berühmten Zeitgenossen wie Francisco Guerrero und Cristobál de Morales?

Victorias Musik ist von einer enormen religiösen Tiefe geprägt, gepaart mit einer Innigkeit, die ihresgleichen sucht. An dieser Stelle kann man unbedenklich die Beeinflussung durch die karmelitische Mystik annehmen, denn die Gedanken und die Spiritualität der schon zu Lebzeiten hochberühmten Personen Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz hatten sicher ihre Auswirkung auf sein Schaffen. Zu dieser konstatierten Innigkeit der Musik aber gesellen sich zwei weitere Aspekte, nämlich die Schlichtheit oder Einfachheit, die er aus der römischen Schule in Folge der Kirchenmusikreform des Trienter Konzils übernommen hatte und die darin enthaltene große Expressivität, die sich selbst dem ungeübten Ohr erschließen kann. Seine Musik ist wirkliche Kirchenmusik, die den kirchlichen Zeremonien den nötigen Glanz verleihen und die Herzen der Menschen zu Gott emporheben soll. Sie ist nicht auf Effekthascherei angelegt, sondern atmet etwas von der Ewigkeit und Schönheit Gottes, von der Ordnung des Kosmos und der Zielgerichtetheit menschlichen Daseins. Sie will über sich hinaus verweisen auf den Schöpfer aller Dinge, der mit seiner Gnade alles durchdringt und an sich ziehen will. Sie führt automatisch zur Kontemplation und Ausrichtung auf Gott.

Ein Beispiel hierfür ist die berühmt gewordene Motette „O magnum mysterium“, auf den Text des ersten Responsoriums der zweiten Nokturn zum Hochfest der Geburt des Herrn, die sich in der Motettensammlung von 1572 findet. Auf einen Abschnitt der Weihnachtspredigt Papst Gregors des Großen folgt der Gesang. In eindringlicher Weise wird der Blick auf das neugeborene Kind in der Krippe gelenkt. O großes Mysterium und wunderbares Sakrament, das alle Kreatur den in neugeborenen Herrn sieht, der in der Krippe liegt. Der Fokus ist ganz auf dieses Kind gerichtet, alles wird darin gebündelt. Der Erlöser der Welt, hilflos und zart, auf dem rauen Stroh. Die Mutter des Herrn und Joseph betrachten es und wärmen es mit ihrer Liebe. Und genau dies bringt uns die ergreifende Musik de Victorias zu diesem Text nahe. Verhalten, als wolle man das Kind nicht stören, beginnt der Diskant; die anderen Stimmen setzen nacheinander imitatorisch ein. Aber vom Kind her kommt ein Glanz, der alles erleuchtet, als würden unterschwellig die Worte der Weihnachtspräfation das Schaffen der Komposition begleiten: „Denn die geheimnisvolle Menschwerdung des Wortes zeigt dem Auge unseres Geistes das neue Licht Deiner Herrlichkeit; indem wir Gott so mit lieblichem Auge schauen, entflammt Er in uns die Liebe zu den unsichtbaren Gütern.“ Und so erleuchtet auch die Musik das Herz und den Geist der Hörer, als komme sie aus einer anderen Welt, aus der Sphäre Gottes zu uns, um uns von dem freudigen Geheimnis zu künden. Das Stück schließt mit dem Jubel des Alleluia. Denn der Weihnachtsjubel erstreckt sich bis hin zu Ostern. Gott ist Mensch geworden, um die Menschheit von der Sünde zu erlösen und dieses Kind wird am Kreuz enden. Doch noch freut sich die Schöpfung über die Ankunft des Erlösers.

Mit klar fließenden Linien und ruhiger Bewegung baut sich die Komposition auf. Gezielt dosiert de Victoria die Vorhalte und Dissonanzen, um an den entscheidenden Stellen einen Akzent zu setzen. Beispielsweise könnten die Dissonanzen bei „Dominum natum“ von dem Neueinsatz „jacentem“ darauf deuten, dass der Herr in keinem Königspalast, sondern in einem armen Stall zur Welt kommt. Victoria hat diese Motette einige Jahre später verwendet, um eine Messe gleichen Titels zu vertonen. Er greift das Material im Stil der Zeit auf und formt etwas Neues, das die Tiefe der Musik nur noch verdeutlicht.

Bis zu seinem Tod verbleibt er als Kapellmeister im Kloster der unbeschuhten Klarissen in Madrid. Am 27. August 1611, einen Tag vor dem Jahrestag seiner Priesterweihe, stirbt er in Madrid und wird im Kloster begraben. Eines seiner bekanntesten Werke ist das 1605 geschriebene Requiem, das ebenso wie er unvergesslich ist und von der Hoffnung auf die Auferstehung kündet, in deren Glauben er gestorben ist. Teresa von Ávila sagte einmal: „Wenn Gott jemandem viele Gnaden verliehen hat, so erwartet er große Dinge“. Tomás Luis de Victoria hat von Gott viele Gnaden erhalten, sein Talent, seine tiefe Frömmigkeit und sicher vieles mehr. Er hat sie genutzt und ein Werk geschaffen, das als Inbegriff liturgischer Musik gelten kann. Wenn sich dieses Jahr sein vierhundertster Todestag gejährt hat, so bleibt einem nichts anderes übrig als festzustellen, dass seine Musik nichts an Frische, Tiefe und Frömmigkeit eingebüßt hat. Victoria zählt wahrhaft neben El Greco, Miguel de Cervantes, Calderón de la Barca, Ignatius von Loyola und vielen mehr zu den Größten Spaniens seiner Zeit, die auf nahezu allen Gebieten Großes geleistet haben.

*Daniel Kretschmar, 1980 in Offenbach am Main geboren, studierte Katholische Kirchenmusik A an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, im Rahmen dessen er eine rege Konzerttätigkeit als Organist entfaltete. Mit dem Eintritt ins Priesterseminar nahm er das Studium der Katholischen Theologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz auf, welches einen längeren Studienaufenthalt in Rom beinhaltete und das er 2010 mit dem Diplom und einer Arbeit über die Trinitätslehre Thomas von Aquins abschloss.  Im Juni 2011 empfing er in Rom die Priesterweihe und wirkt derzeit in Salzburg.

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