Ob "normal“ oder "krank" − Christus will der Arzt unseres Lebens sein (I)

Persönliche Erfahrungen eines der Redaktion bekannten Seelsorgers

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ROM, 27. Februar 2006 (ZENIT.org). "Ich weiß wirklich nicht, wer normaler ist – meine Patienten oder jene, die uns ständig verständnislos hinterher gaffen!" Dieser Ausspruch meines Bruders, damals Pflegehelfer in der Psychiatrie, kommt mir oft in den Sinn, wenn von der Einschätzung psychischer Krankheiten die Rede ist und wie man mit ihnen umgehen kann (vgl. ZENIT-Interview mit Frau Dr. Seiwald am 17. Februar). Mein Bruder schilderte mir seine Eindrücke, nachdem er mit einigen Bewohnern seiner Pflegestation einen Ausflug unternommen hatte.



Im Beichtstuhl einer Klosterkirche in einer deutschen Großstadt, Innenstadtlage in Bahnhofsnähe, unweit von den großen Kaufhäusern, werden wir Beichtpriester mit psychischer Erkrankung konfrontiert; das können wir uns nicht aussuchen. Das Problem beginnt spätestens da, wo wir die Schwere der Krankheit nicht einschätzen können. Das kommt nicht nur von unserer mangelnden psychologischen oder therapeutischen Ausbildung her, die wir ein wenig durch "Berufserfahrung" ausgleichen können, sondern es liegt auch daran, dass die Situation der Begegnung im Beichtstuhl eine andere ist. In der Regel vereinbaren wir keine Folgetermine, und es ist primär auch nicht unsere Aufgabe, den "Patienten" auszufragen. Und dennoch können wir spürbar helfen.

Beicht- und Gesprächszimmer

Immerhin, wir haben ein ansprechendes Beichtzimmer in unserer Kirche, nahe beim Ausgang. In diese Klosterkirche kann man regelrecht hineinstolpern. Keine Stufe, keine Türklinke, lediglich eine Wind abweisende Schwenktür, und schon steht man in einem hellen, freundlichen Raum, einem Nachkriegsbau. Die Beichtschelle ist gut sichtbar im hinteren Bereich der Sitzbänke angebracht und entsprechend ausgezeichnet. Dort steht, wer heute Beichtdienst hat. Die Klingel gibt über einen Piepser das Rufsignal direkt zum "Diensthabenden".

Wer zu uns kommt, kann zwischen der gewohnten Kniebank mit dem Gitter, das durch ein Tuch zusätzlich optisch verschlossen ist, und einem Stuhl wählen, an dem er, mit einem Tisch dazwischen, dem Beichtvater gegenübersitzt. Die Wahl zwischen Anonymität und "Angesicht zu Angesicht" liegt bei demjenigen, der beichten möchte. Und sogar, ob jemand beichten möchte oder ein offenes Gespräch sucht, kann der Betreffende selbst entscheiden. Diese Freiheit nehmen sich die Menschen, und das ist völlig in Ordnung so. Folglich erscheint bei uns ein breites Spektrum von Menschen: von der 20-jährigen Fixerin angefangen, die "irgendwie von der Kirche angezogen wurde und mal mit jemand sprechen musste", bis hin zum alten Menschen, der regelmäßig zur so genannten "Andachtsbeichte" kommt, um zum Beispiel von seinen "schlechten Gedanken" befreit zu werden. Von der Fixerin erfahre ich, dass sie von Heim zu Heim geschickt wurde und nie (!) einen Menschen kennen gelernt hat, der sie so angenommen hat, wie sie ist. Wenn so eine sich nach einem 15-minütigen Gespräch bedankt und sagt, es habe ihr gut getan, jemandem einfach von ihrem Leben erzählen zu können, dann ist das schöner Lohn für diesen Dienst, wenngleich es zur Beichte gar nicht gekommen ist. Ob sie noch einmal wiedergekommen ist, vielleicht bei einem anderen Mitbruder war, das weiß ich nicht, und es ist auch richtig, dass darüber kein Buch geführt wird.

Raum und Zeit, Gott zu begegnen

Ob solche Menschen – Kinder heutigen Großstadtlebens –, oder die Frommen, die regelmäßig zur Beichte kommen: Die Menschen suchen in der Kirche nicht nur einfach Ruhe (und natürlich suchen unsere Brüder und Schwestern von der Straße im Winter schlicht und ergreifend etwas Wärme), sie suchen die Begegnung mit Gott und mit einem Menschen, der für Gott steht oder ihnen etwas von Gott her sagen kann, ihnen den Willen Gottes für ihr eigenes, manchmal verkorkstes Leben aufschlüsseln kann. Wenn man das als Beichtpriester zu leisten bereit ist, dann braucht es zunächst keine großen Problemlösungen oder "geistliche Therapien", dann braucht es in aller Regel auch keine Ermahnung oder Zurechtweisung. Die Ansätze für Lösungen sind in Christenmenschen, die ihr Gewissen erforscht und vor Gottes Angesicht ihre Fehler und Schwächen offenbart haben, also ihr Bekenntnis abgelegt haben, meist schon vorhanden, wenn auch vorerst vielleicht verborgen. Wenn der Priester es versteht, diese Ansätze bewusst zu machen, also die Schätze zu heben, dann hat er viel erreicht und darf im Namen Gottes und der Kirche die Lossprechung erteilen. Wenn Beichtwillige dann vor der Lossprechung etwas nervös sind und, ohne es zu bemerken, vorschnell den Beichtraum verlassen wollen, dann muss ich sie quasi festhalten, denn "etwas Wichtiges fehlt doch noch – die Lossprechung"!

Einen Raum und etwas Zeit (das wirft in den Andrangzeiten vor den großen Feiertagen Weihnachten und Ostern oft ein Problem auf), ein Gegenüber, das rufbereit zur Stelle ist und möglichst ausgeglichen wirkt: Mehr braucht es zunächst nicht, um im Beichtzimmer unserer Klosterkirche segensreich wirken zu können. Es ist auch mehr als von Vorteil, dass wir Beichtväter sehr verschieden in unserer Art sind, und die Rat suchenden Menschen finden oft sehr rasch heraus, wer von uns für sie "passt". Zu Raum und Zeit gehört eben auch der richtige Mensch, der mich in meiner Situation am besten versteht. Mit der Suche nach dem geringsten Widerstand hat das meines Erachtens nichts zu tun. Natürlich sind wir Priester und bemühen uns, im Auftrag Gottes und der Kirche zu helfen, aber wir sind Gott sei Dank auch nur Menschen. Die Absolution erteilen aber alle mit derselben Vollmacht. Und das alles gibt es – ich meine das ganz ernst – für den Ratsuchenden, abgesehen von der Kirchensteuer, die er möglicherweise bezahlt, auch noch gebührenfrei!

Ein Netzwerk für Problemfälle

Es kommt vor, dass wir Beichtväter schnell den Eindruck gewinnen müssen, dass Zuhören und Absolvieren alleine nicht reicht. In solchen Fällen ist Beratung über das Beichtgespräch hinaus angesagt, vielleicht sogar eine Therapie vonnöten. In unserem Fall liegt eine Beratungsstelle in unmittelbarer Nähe, eine mit verschiedenen Fachleuten ausgestattete Einrichtung des katholischen Gemeindeverbands unserer Stadt. Es kostet nichts, wenn man den Rat der Mitarbeiter in Anspruch nimmt, und man muss kein Katholik, ja nicht einmal Christ sein, um hier vorsprechen zu dürfen. Visitenkarten dieser Beratungsstelle mit Adresse, Telefonnummer und Öffnungszeiten liegen griffbereit. Es gibt einmal im Jahr zwischen den Mitarbeitern dieser Einrichtung und uns Priestern ein Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen und gegebenenfalls Abstimmen.

Vor der Absolution verweise ich bisweilen nachdrücklich auf diese Beratungsstelle und ermutige dazu, dort vorzusprechen. Ein relativ rasches Sondierungsgespräch ist zugesichert, so dass keine wochenlangen Wartezeiten entstehen. Es ist hilfreich, dass trotz der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Beratungsstelle der "Patient" selbst den Weg zu dieser Einrichtung finden muss; dies ist der erste wichtige Schritt, sein Problem anzupacken und sich wirklich helfen zu lassen, sei es ein verfahrener Partnerkonflikt, sei es Ratlosigkeit in der Erziehung der Kinder, eine Kommunikationsstörung oder irgendeines der zahllosen Probleme, die im Leben von Menschen vorkommen.

Hilfsbedürftigkeit muss sich erst einmal mitteilen können, dann kann etwas geschehen. Manche "Patienten" gehen diesen Weg, andere scheuen ihn hartnäckig. Entweder gibt es zu große Vorbehalte gegenüber solchem "Psychokram", oder schlechte Erfahrungen wirken nach. Auch wenn der Ehepartner das Hauptproblem in der Beziehung zu sein scheint: Man darf durchaus alleine in die Beratung gehen. Im Bezug auf die Überwindung von Vorurteilen gegenüber den anderen Fachleuten kann der Beichtpriester ausgleichend und ermutigend wirken. Garantien für Lösungen gibt es nicht, aber wehe, wenn ich es nicht wenigstens versucht habe!

Eine Frau war einem Mitbruder einmal regelrecht lästig geworden. Kaum sah sie ihn, musste sie wieder mit ihm sprechen, ließ ihn rufen, stellte ihm nach und war voller Unruhe. Aus der Belästigung wurde bisweilen Beschimpfung. Sie schien für keinen Rat empfänglich und "wusste" alles immer besser. Trotzdem oder gerade deswegen kam sie nicht zur Ruhe und gab keine Ruhe. Nachdem sie eines Tages in ihrer Not doch den Weg zur Beratungsstelle in unserer Nachbarschaft gefunden hatte, ward sie noch einmal gesehen, nämlich, um sich für ihr krankhaftes Verhalten zu entschuldigen und sich für die Geduld ihres Beichtvaters persönlich zu bedanken.

Ich erinnere mich noch an eine andere Frau, die ständig anrief und – völlig aufgelöst – von bösen Erscheinungen sprach, sich verfolgt wähnte und von mir einen Rat brauchte, den ich zunächst gar nicht geben konnte. So hörte ich ihr an machen Tagen circa eine halbe Stunde lang zu und sprach ihr, als ich den Eindruck gewonnen hatte, sie sei mit ihren Erzählungen zu einem gewissen Abschluss gekommen, am Telefon den Segen Gottes zu. Ich weiß noch gut, wie sie sich jedes Mal, sichtlich erleichtert, bei mir bedankte und mit einem lockeren "Tschüß!" verabschiedete – bis sie wieder anrief. Im Augenblick aber war die Bedrohung fort, und das konnte ein paar Tage vorhalten.