Ob "normal“ oder "krank" − Christus will der Arzt unseres Lebens sein (II)

Persönliche Erfahrungen eines der Redaktion bekannten Seelsorgers

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ROM, 28. Februar 2006 (ZENIT.org). "Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt": Dieser Anfang eines modernen geistlichen Lieds kommt mir in den Sinn, wenn ich über die Beichtseelsorge in unserem Großstadtkloster nachdenke.



Die Mitarbeiter der kirchlichen Beratungsstelle berichteten öfters davon, dass sie ihre Klienten auch zu uns schicken, wenn sie erfahren oder spüren, dass eine Offenheit für Gott da ist. Menschen lassen sich dafür aufschließen, dass die Zusage des Geistes Gottes ihnen gut tun wird, ja Heilung bewirkt: Der liebe Gott hat dich nicht vergessen. Es lohnt sich, auf seine Stimme in deinem Leben zu hören. Da, wo persönliches Schuldempfinden in Konfliktsituationen aufkommt – wenn ich spüre, dass auch ich mich ändern muss –, da keimt die Sehnsucht nach Vergebung auf. Einfach so weiterzumachen, als wäre nichts gewesen, ist nicht mehr möglich; mit einem billigen "Schwamm drüber!" ist es nicht getan. Vergebung meiner Sünden erfahre ich dann als Geschenk eines neuen Anfangs, und zwar von Gott, dem Allmächtigen, her.

Betroffene können versuchen, ihre Konflikte zu lösen, sich aussprechen, einander verzeihen – und das sollte auch immer dazugehören. Aber letztlich ist die Erfahrung der alles überbietenden Barmherzigkeit Gottes das Wichtigste. Überhaupt: Einen Gott bekanntzumachen oder in Erinnerung zu rufen, der nicht nur im Gewissen anklagt, sondern dem einzelnen ganz persönlich in der Not hilft, das zählt zu den schönsten Aufgaben des Priesters.

Der nachkonziliare Rückgang des Bußsakraments hat neben anderen Aspekten eben auch die traurige Seite, dass er vielen Priestern nicht mehr regelmäßig die dankbare Aufgabe zuführt, derart konkret vom lieben Gott reden zu können und seine Vergebung zusagen zu dürfen. Priesterliche Lossprechung und psychologische Beratung beziehungsweise therapeutische Hilfe gehören oft zusammen. Um der Ratsuchenden und ihrer Würde willen, seien sie nun "normal" oder "krank", ist es erforderlich, dass diejenigen, deren Beruf mit dem Menschen selbst zu tun hat, sich gegenseitig helfen und ergänzen.

Offenheit für das Wehen des Heiligen Geistes

Wenn wir Priester das – vielleicht neu – erkannt haben, dann werden wir uns umso besser unserer ureigensten Aufgabe widmen können, nämlich vom lebendigen Gott zu sprechen, ihn zu bezeugen und selbst (wieder mehr?) auf die Kraft des Gebetes vertrauen. Priester sind und bleiben ja selbst Sünder (mit dieser unleugbaren Wahrheit gelingt es auch heute noch, erwachsene Menschen in Erstaunen zu versetzen), und die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit hilft sehr, auch die Menschen zu verstehen, die mit ihren Problemen und Sünden zu uns kommen. Und Verstehen ist die erste wichtige Voraussetzung dafür, helfen zu können.

Oft wissen diejenigen, die zu uns in das Beichtzimmer kommen, zunächst nicht, wie sie anfangen sollen. Als Kinder war ihnen ein Formulierungsgerüst vorgegeben worden, das sie aber vergessen haben. Erläuterungen zu Aufbau und Verlauf des Bußsakraments stehen in unserem Gebetbuch, dem Gotteslob, und was dort steht, bleibt nach Jahren lesens- und beherzigenswert. Trotz reiflicher Vorbereitung herrscht aber manchmal Sprachlosigkeit: "Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, was ich sagen möchte. Mich plagt die Angst, etwas zu vergessen. Was muss ich sagen? Was will/muss der Priester wissen?"

Eines ist sicher: Der erwartungsfrohe Blick auf die Gabe der Verzeihung durch Gott wird mir Mut machen, mein Leben ehrlich zu betrachten und offen darüber zu sprechen, was verkehrt und falsch in meinem Leben ist, was ich mit Gottes Hilfe ändern möchte, wofür ich einen neuen Anfang suche. "Kranke" finden meines Erachtens in ihrer Not den Weg zu dieser befreienden Offenheit schneller als "Normale", die der Gefahr des eigenen Hangs zum Kalkül erliegen. "Kranke" wollen keine "Geschäfte" mit dem lieben Gott machen, sondern hungern nach Hilfe. "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken" (Mt 9,12), sagt Jesus selbst, und "krank" meint über jede medizinische Definition hinaus die Heilsbedürftigkeit aller Menschen vor Gottes Angesicht.

Wenn das im Grundsatz klar ist, dann kommt es auf Formulare und Formulierungen nicht an. Als Beichtvater ermuntere ich, wenn ich den Eindruck gewonnen habe, der Beichtende hat sich ehrlich um eine gute Gewissenserforschung und ein echtes Bekenntnis bemüht, den unaussprechlichen Rest dem Heiligen Geist zu überlassen. Ich nehme ja auch für mich nicht in Anspruch, jedes Gegenüber gleich gut verstanden zu haben oder immer den richtigen Zuspruch geben zu können. So gilt tröstlich für beide Beteiligten eines Beichtgesprächs: "So nimmt sich (…) der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten soll; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können" (Röm 8,26).

"Wunder"bare Heilungen geschehen auch heute noch

Auch für mich ist es schön, dass hin und wieder auch im Beichtstuhl gelacht wird. Als eines Tages in aller Frühe ein Mann zur Beichte kam und sich gleich zu Beginn entschuldigte mit dem Hinweis: "Sie müssen entschuldigen, dass ich mich heute morgen nicht so richtig ausdrücken kann, denn mein 'Esszimmer'[er meinte seine Zahnprothese] ist zurzeit in Reparatur", da war der Bann gebrochen und es ging bei aller Geist-Erfülltheit sehr menschlich zu.

Fernab jeder Wundergläubigkeit und Sensationslust wird in der Beichte jedenfalls spürbar, was wirklich dran ist an der besonderen Christus-Gegenwart im Sakrament. Und diejenigen, die als Priester absolvieren dürfen, werden genauso wie jene, die im Dunkel ihrer Schuld das Licht der verzeihenden Liebe Gottes begehren, bezeugen können, dass die Zusage des auferstandenen Herrn aktueller ist denn je: "In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, sie werden in neuen Sprachen reden [und sich immer noch verstehen!]...; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden" (Mk 16,18). Und das gibt es im wahrsten Sinn des Wortes "gratis" , denn das bedeutet: "aus Gnade".

Teil 1 dieser persönlichen Erfahrungen rund um das Sakrament der Beichte erschien in der ZENIT-Ausgabe vom 27. Februar.