Obama-Franziskus: Ein Imagevorteil für den Präsidenten?

Agostino Giovagnoli, Professor an der "Università Cattolica del Sacro Cuore" in Mailand, erklärt warum Obama heikle Fragen vermeiden sollte

Rom, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 394 klicks

„Der Präsident kann die Begegnung mit dem Papst kaum abwarten.“ Diese Stellungnahme Caitlin Haydens, der Sprecherin des „National Security Council“ (NSC; Nationaler Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten) des Weißen Hauses, hat dem Interesse an der von Politikwissenschaftlern und Vatikanexperten bereits mit Spannung erwarteten Audienz zusätzlichen Auftrieb verliehen.

ZENIT führte dazu ein Gespräch mit Agostino Giovagnoli, Professor für Zeitgeschichte an der „Università Cattolica del Sacro Cuore“ in Mailand.

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Welche Bedeutung ist der für heute geplanten Visite zuzuschreiben? Kann die Begegnung im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen in den USA als Schachzug verstanden werden?

Giovagnoli: Eine ausschließlich nach Gesichtspunkten der politischen Strategie vorgenommene Interpretation des Besuchs von Präsident Obama ist meines Erachtens unzureichend. Obama hat stets sein Wohlwollen und seine Bewunderung dem Papst gegenüber zum Ausdruck gebracht und seine Worte in verschiedenen Reden zitiert. Vielmehr denke ich, dass der Präsidenten die Interaktion mit einem unverzichtbaren Akteur auf der Weltbühne nötig hat. Sicherlich ergibt sich aus der Nähe zum Mann des Jahres ein Imagevorteil.

Tatsächlich hat die Zeitschrift „Fortune“ den Papst in den vergangenen Tagen in die Liste der einflussreichsten Führungspersönlichkeiten aufgenommen. Obamas Name scheint darin nicht auf…

Giovagnoli: Dieses Ranking halte ich für übertrieben… Darin spiegelt sich jedoch die Tatsache wider, dass Obamas Beliebtheit derzeit an einem Tiefpunkt angelangt ist, während Franziskus insbesondere von sowohl konservativen als auch progressiven Katholiken sehr geschätzt wird. Wie der Papst selbst betont hat, muss man sich dennoch davor hüten, das Bild des Papstes zur Figur eines „Superpapstes“ zu entstellen. Dies steht nicht nur im Gegensatz zum Wunsch des Heiligen Vaters, sondern auch zur Entscheidung für das Zeugnis der Einfachheit eines Menschen in der Nachfolge des Evangeliums und nicht eines „mit übermäßigen Kräften ausgestatteten Schöpfers“. Meiner Meinung nach sind derartige Rangordnungen vor allem ein Ausdruck der Verirrung einer Welt, die auf der Suche nach glaubwürdigen Leitfiguren ist, zu einem Zeitpunkt, da zahlreiche internationale Führungskräfte inklusive Obama ein Glaubwürdigkeitsdefizit verkörpern.

Trotz seiner enormen Beliebtheit mangelte es nach der Promulgierung des Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“ nicht an Kritik am Papst, insbesondere aus den Vereinigten Staaten. Diese richtete sich vor allem gegen seine wirtschaftlichen Vorstellungen, die „marxistisch“ genannt wurden.

Giovagnoli: Franziskus selbst begegnete dieser Kritik mit großem Weitblick und betonte, dass es ihn keineswegs gekränkt habe, als Marxist bezeichnet worden zu sein, da er vielen Marxisten guten Glaubens begegnet sei, guten Menschen. Diese Angriffe stehen für etwas Altes; den Versuch, das Christentum, den Katholizismus, in links- oder rechtsgerichtete ideologische Bahnen zu lenken. Diesem Bestreben steht ein Papst, der sich von Anfang an auf die Seite der Armen und der Schwachen positioniert hat, ohne sich jedoch jemals politischen oder ideologischen Haltungen zu beugen, mit radikaler und vollkommener Ablehnung gegenüber. Ich betrachte sie daher vor allem als Angriffe mit „stumpfen“ Waffen, die die Verachtung und Sorge jener erkennen lässt, die das Christentum als Instrument zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen ansehen.

Auf wen beziehen Sie sich mit dieser Aussage?

Giovagnoli: Ich denke an die namentlich bekannten großen finanziellen Förderer der katholischen Kirche Amerikas, die in der Öffentlichkeit entsprechende Perplexitäten zum Ausdruck brachten; an katholische Geschäftsleute, die beim Gedanken an die  versprochenen Geldmittel für die Restaurierung der Kathedrale von New York die Nase rümpften. Dies berührt allerdings nur einen Teil der Frage. Die aus meiner Sicht tiefere Ebene ist die Instrumentalisierung des Katholizismus in unserer Welt, um eine Art Ideologie des Westens und westlicher Werte zu schaffen. Wie bereits erwähnt, zählt dies jedoch zu einer von Franziskus längst überwundenen Phase. Mit der Rückkehr zur Zentralität des Evangeliums hat der Papst ideologische Aktionen ipso facto aufgehoben.

Ihren eigenen Angaben zufolge bekundete Obama mehrmals sein Wohlwollen und seine Bewunderung dem Papst gegenüber. Welche Beziehung existiert zwischen den beiden?

Giovagnoli: Ich kann nicht beurteilen, ob tatsächlich eine Beziehung besteht. Meiner Meinung nach erkannte Obama durch das Lehramt dieses Papstes, der seit langer Zeit äußerst kritische Positionen gegenüber den Exzessen des Liberismus, der Logik des Marktes und der Globalisierung vertritt, Bereiche, denen er sich selbst zuwenden muss. Ein Gespräch mit einem so entschieden auf der Seite der Schwächsten stehenden Papst liefert einem Präsidenten, der einige der von der Wählerschaft bisher wenig gewürdigte Entscheidungen seines Amtes aufzuwerten versucht, wichtige Anregungen.

Seit mehreren Jahren führen die Bischöfe der Vereinigten Staaten einen erbitterten Kampf gegen die Haltungen Obamas zu einigen Grundprinzipien, die zur kirchlichen Lehre und zur Religionsfreiheit offenbar im Widerspruch stehen. Dazu zählen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe, Verhütung etc. Ist es denkbar, dass während der morgigen Audienz derart heikle Themen zur Sprache kommen?

Giovagnoli: Es ist natürlich möglich, doch einen solchen Schritt würde ich für naiv und kontraproduktiv halten. Meines Erachtens wäre ein Aufgreifen dieser Fragen nicht von Vorteil für Obama. Das amerikanische Episkopat ist gespalten: Manche der Positionen sind unklar, doch die Mehrheit der Bischöfe ließ scharfe Kritik erkennen. Daher gehe ich davon aus, dass der Präsident nicht daran interessiert ist, diese Themen in den Mittelpunkt des Gesprächs zu stellen, zumal er sich vom Papst bestimmt keine Antworten erwartet, die den von den Bischöfen vorgebrachten Prinzipien und somit den Grundsätzen der katholischen Kirche  zuwiderlaufen. Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass das Gespräch um andere Themen von allgemeinerem Interesse kreisen wird.

Können Sie einige Beispiele dafür nennen?

Giovagnoli: Es werden vor allem der Friede und internationale Themen in Zusammenhang mit den Armen sowie einem größeren Gleichgewicht im Rahmen der internationalen Entwicklung usw. zur Sprache kommen.

Gibt es neben den Unterschieden Ihrer Meinung nach auch Gemeinsamkeiten zwischen Obama und Bergoglio?

Giovagnoli: Obamas Politik ist gewissermaßen schwer durchschaubar. Vor allem in letzter Zeit zeigte sie Schwankungen, weshalb sich eine genaue Beschreibung als schwierig erweist. Selbstverständlich lässt vor allem das ursprüngliche Programm des Präsidenten Elemente erkennen: die Begegnung der Notwendigkeit eines neuen internationalen Dialogs; der Eintritt in eine reifere Phase der Beziehungen zur der arabischen und islamischen Welt; die mit dem Friedensnobelpreis 2009 ausgezeichnete Sorge um den Frieden sowie die Aufmerksamkeit auf die am meisten benachteiligten Gesellschaftsschichten durch die Überwindung der Logik des mitleidigen Kapitalismus seines Vorgängers. Diese vielmehr im „Programm“ als in der Politik Obamas sichtbaren Elemente finden meiner Meinung nach in den Lehren von Papst Franziskus ein Ufer, wobei Letztere jedoch auf einer höheren Ebene angesiedelt sind und größere Standhaftigkeit beweisen.