Oberammergau: Passionsspiele im Zeichen christlich-jüdischer Versöhnung

Bezüge zum Alten Testament ziehen sich durch Inszenierung

| 1465 klicks

Von Michaela Koller

OBERAMMERGAU, 17. Mai 2010 (ZENIT.org).- Nur ein schwaches Licht zeichnet die Konturen der blauen Säulen auf der Oberammergauer Passionsspielbühne vor den ebenso blauen Wänden ab. Zwei hohe Wandläufer, naturfarben, mit hebräischen Schriftzeichen, die an den Dekalog erinnern, ragen über den Köpfen der versammelten Schriftgelehrten und Ältesten hervor. Auch deren Gewänder sind überwiegend blau und naturfarben, nur Einzelne tragen goldenen Stoff. Mitten unter ihnen, im einfachsten Tuch, steht Jesus gefesselt vor Kaiphas, dem Hohepriester. Die Versammelten befragen Zeugen, finden jedoch nichts, was gegen den Gefangenen vorliegen könnte.

Der Szene vorangestellt, im leuchtend farbigen Kontrast dazu, war zuvor noch in einem „lebendigen Bild" Daniel in der Löwengrube zu sehen, der dorthinein geworfen wurde, weil er sich nicht zwingen ließ, den Gott Israels zu verleugnen: eine deutliche Parallele zum neutestamentarischen Geschehen, bei dem Jesus für sein aufrichtiges Bekenntnis Schmach erduldet. Vor jeder Szenengruppe führen Erzähler und Chor mit einer pantomimischen Ikonographie in den darauf folgenden Teil der Passion Christi ein, mit jeweils passenden Rückblenden auf die Geschichte des Alten Bundes.

Nicht nur visuell wird die Zuschauergemeinde in die Bezüge zur jüdischen Religion eingeführt, auch durch die meisterhaft vollendeten Kostüme und Bühnenbilder des Stefan Hageneier, der Ausstattungsleiter am Bayerischen Staatsschauspiel München ist und schon in Hamburg, Berlin, Brüssel und Wien an großen Häusern arbeitete: In mehreren Schlüsselszenen sind auch in der Neubearbeitung von Dramaturg Otto Huber und Christian Stückl des alten Textes von Joseph Alois Daisenberger von 1860 und 1870 Passagen in Hebräisch eingebaut, so etwa beim Gebet vor dem Abendmahl.

Die Rückgriffe auf das Alte Testament und damit auf den jüdischen Tanach waren wohl niemals in einem Passionsspiel so deutlich wie in Oberammergau des Jahres 2010. Der theologische Berater der Spielleitung, Professor Ludwig Mödl, erklärt: „Auch internationale jüdische Organisationen haben seit einiger Zeit Interesse am Oberammergauer Spiel gezeigt, kann bei ihm doch deutlich gemacht werden, dass aus der Darstellung der christlichen Kernerzählungen kein Antisemitismus erschlossen werden darf, sondern umgekehrt gerade die Verwandtschaft des christlichen Glaubens mit dem Judentum - Jesus war Jude - dargestellt werden muss, will man die eigentlichen Botschaften dieser Ereignisse nicht verfälschen."

Der Jude Jesus habe die Religion der Väter, die auf dem Gesetz und den Propheten aufbaut, erneuern wollen, indem er die persönliche Beziehung zum Ewigen Vater herausstellte, betont der Münchener Mödl, der seine Einwände und Anregungen in den neu gefassten Teilen „voll umfänglich berücksichtigt" sieht.

Schon vorab hatten Vertreter jüdischer Organisationen das Textbuch vorliegen gehabt und zeigten sich zufrieden. Geschichte dürfte wohl sein, was Theaterhistoriker James Shapiro einst beschrieb: "Oberammergau ist auch berüchtigt dafür, dass die Juden bei den Passionsaufführungen lange Zeit als blutrünstige Schurken hingestellt wurden, denen man die Kollektivschuld für den Tod Jesu anhängte." Die Geschichte der Passionsspiele war lange auch eine Geschichte des christlichen Antijudaismus, der Verunglimpfung von Juden als „Gottesmörder".

In Oberammergau wird nun fein differenziert, zwischen gewissenlosen Verfolgern, feindlichen Neidern auf der einen Seite und den Anhängern, Jüngern und Aposteln andererseits. In dem Text, der am Samstag bei der Premiere vor mehr als 4.000 Menschen zur Aufführung kam, wird die Kreuzigung definitiv nicht mehr den Juden als Kollektiv angelastet. Laut sind die Stimmen der Anhänger Jesu vernehmbar, heftig wird im Hohen Rat über den Fortgang seines Schicksals gestritten.

Ebenfalls die Zeichen der Zeit erkannte Spielleiter Christian Stückl und sein Team auch in Bezug auf die Chronologie: Der rote Faden des Passionsablaufs von Oberammergau ist zwar der Ablauf der letzten fünf Tage im Leben Jesu, von Palmsonntag bis Karfreitag, aber zentrale Aussagen des Neuen Testaments, die sich den Evangelien zufolge weit vor Palmsonntag ereigneten, sind mit eingeflochten. Damit trägt die Spielleitung dem Umstand Rechnung, dass bei immer weniger der erwarteten Zuschauer Glaubenswissen vorausgesetzt werden kann. Darunter tritt ganz zentral das Liebesgebot hervor, etwa dargestellt anhand Lukas 7,36-8,3. „Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat", sagt da Jesus im Haus des Pharisäers über die Sünderin.

Möglicherweise berücksichtigte Stückl dies auch bei der Rollenbesetzung: Sowohl der Darsteller des Petrus als auch der Jesus-Darsteller wirken sehr jugendlich, weniger kernig, wie etwa in bekannten Filminszenierungen. Dennoch zeigten sie deutlich Profil: Frederik Mayet, bei der Premiere Jesus, überzeugte durch ausdrucksstarke Mimik. Die Spielleitung stellte ihm mit Ursula Burkhart eine äußerst bühnenpräsente Maria mit kraftvoller Stimme zur Seite, von der immerhin im vorderen Viertel des Festspielhauses trotz miserabler Akustik jeder Satz zu verstehen war.

Besetzungen wie dieser, in Harmonie mit dem eindrucksvollen Bühnenbild, aber auch der von Markus Zwink bearbeiteten Musik Rochus Dedlers, war es zu danken, dass beim Betrachter das Frösteln an feucht-frischer Luft bei der Premiere bald einer wohlig-warmen Anspannung wich. Diese erreichte beim Kreuzestod ihren Höhepunkt, bei dem die Stückl-Inszenierung aber leider viel zu kurz in Stille verharrte und den Zuschauer allzu früh in die Realität des kalten und dunklen Festspielhauses zurückholte.

Seit dem Pestgelübde des Jahres 1633, als die Oberammergauer gelobten, alle zehn Jahre das Spiel vom „Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus" aufzuführen, hat sich die Inszenierung zum weltweit erfolgreichsten Laienspiel mit rund 2.400 Mitwirkenden entwickelt. Die Überzeugungskraft liegt vielleicht darin begründet, dass die Spielleitung die Darsteller nicht dazu verleitet, sich schauspielernd zu verstellen, sondern sie ihren Temperamenten entsprechend die Rollen ausfüllen und dort hinein wachsen lässt. Das macht gerade auch den Unterschied zu einer Theateraufführung aus, die die Oberammergauer eben ausdrücklich nicht bieten.

Die rund 100 Aufführungen finden bis zum 3. Oktober täglich außer Montag und Mittwoch statt. Beginn ist immer um 14.30 Uhr. Der erste Teil dauert bis 17 Uhr. Danach folgt eine dreistündige Pause, bevor es um 20 Uhr weitergeht. Die Leidensgeschichte endet mit der Auferstehung in der abendlichen Dunkelheit um 23 Uhr. Die Eintrittspreise liegen zwischen 49,50 und 165 Euro.