Ohne Arbeit gibt es keine Würde

Papst Franziskus in Sardinien

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 387 klicks

Papst Franziskus widmete seinen ersten Diskurs während seiner Sardinienreise am gestrigen Sonntag direkt nach seiner Ankunft auf der Piazza Yenne in Cagliari vor 20.000 Gläubigen. Wie kaum eine andere Region in Italien leidet Sardinien unter der Wirtschaftskrise. Mit fast 19 Prozent liegt die Arbeitslosenrate deutlich über dem nationalen Durchschnitt. Die Menschen hofften auf ein starkes Zeichen der Ermutigung, teilte das Erzbistum zuvor mit.

Der Besuch des Papstes begann bei denen, die am meisten unter der Situation leiden: Arbeitslose Jugendliche, Menschen die Arbeitslosenhilfe bekommen, und Unternehmer, die Schwierigkeiten haben, ihren Betrieb zu halten. Die Rede des Papstes wurde von viel Applaus und Zwischenrufen wie „Arbeit“ begleitet. Bevor der Papst sprach, kamen eine Unternehmerin, ein Landwirt und ein junger Arbeitsloser zu Wort und schilderten ihre Lebenssituation. Der Junge Arbeiter sagte:

„Die schlimmsten Konsequenzen des Arbeitsmangels tragen die Familien, wie beispielsweise das Ende von Ehen oder die schwierigen Beziehungen der Eltern zu ihren Kindern, was alles damit zusammenhängt, dass es keine Arbeit gibt und das Geld fehlt. Wir alle sind unglücklicherweise in dieser Situation. Papst Franziskus, Papst von uns allen! Lass nicht zu, dass die Herde, die dir anvertraut wurde, auseinandergetrieben und von diesem bösen Wolf zerfleischt wird, der die fehlende Hoffnung ist, der unser aller Leben verschlingt. Lass uns nicht allein!“

Papst Franziskus zeigte sich von diesen Worten sichtlich bewegt und entschloss sich vor Ort, nicht den vorbereiteten Text zu verlesen – den er dem Erzbischof von Cagliari zukommen ließ –, sondern sprach frei und hielt eine Ansprache, in der er sich untröstlich zeigte und von seiner eigenen Erfahrung sprach, als sein Vater nach Argentinien ausgewandert war, nachdem er die Arbeitslosigkeit der Krise in den 30er Jahren erlitten hatte.

„Meine Eltern haben alles verloren! Es gab keine Arbeit! Und als ich Kind war, hörte ich sie zu Hause darüber sprechen. Ich selbst habe die Krise nicht erlebt, ich war noch nicht geboren, aber man sprach darüber zu Hause, sprach über das Leiden. Ich kenne das gut! Aber ich muss euch sagen: Habt Mut! … Das sei jedoch nicht nur ein Lächeln eines freundlichen Angestellten, eines Angestellten der Kirche, der kommt und sagt: Habt Mut! Das will ich nicht! Ich möchte, dass dieser Mut von innen kommt und mich dazu antreibt, alles zu tun, als Hirte und als Mensch.“

Diese historische Herausforderung müsse mit Solidarität und Verstand in Angriff genommen werden, so der Pontifex. Er bemerkte, dass er seine ersten beiden Reisen in Italien zu zwei Inseln unternommen habe, Lampedusa und Sardinien. Auf Lampedusa habe er die Leiden der Flüchtlinge erlebt und die Reaktion der Menschen, sich nicht zu isolieren, sondern ihren Beitrag zu leisten. Dies sei ein Beispiel für alle anderen: Leiden und positive Antwort. Auch auf Sardinien treffe er auf das Leiden.

„Einer von euch hat gesagt, es sei ein Leiden, das schwach mache und die Hoffnung raube. Ein Leiden, der Mangel an Arbeit, der – entschuldigt, wenn ich so deutlich werde, aber es ist die Wahrheit – die Würde nimmt. Wo es keine Arbeit gibt, fehlt die Würde. Dies ist nicht nur ein Problem Sardiniens, nicht nur Italiens oder einiger europäische Länder, sondern ist das Ergebnis eines ökonomischen Systems, das zu dieser Tragödie geführt hat. Ein ökonomisches System, das in seinem Zentrum ein Götzenbild hat, das Geld.“

Gott hingegen habe gewollt, dass im Zentrum der Welt kein Götzenbild stehe, sondern Männer und Frauen, die mit ihrer Arbeit die Welt vorangehen ließen. Dieses System habe zu einer Götzenanbetung des Geldes geführt. Papst Franziskus fuhr fort:

„Das Geld regiert! Es regieren die Dinge, die dem Götzenbild dienen. Und was passiert? Die jungen Menschen verlieren ihre Würde. Man stelle sich eine Welt vor, in der die jungen Menschen haben keine Arbeit haben. Diese Welt hat keine Zukunft, denn sie haben keine Würde!“

Es sei schwierig, Würde zu haben, ohne zu arbeiten, sagte Papst Franziskus weiter. Dies sei das Leiden in Sardinien, dies sei das Gebet, das alle Anwesenden ausrufen müssten:

„Arbeit, Arbeit, Arbeit. Es ist ein notwendiges Gebet. Arbeit heißt Würde, heißt, Essen nach Hause zu bringen, Arbeit ist lieben! Um das ökonomische System der Götzenanbetung zu schützen, führt man eine Kultur des Ausschließens ein: man schließt die Älteren aus und man schließt die Jugendlichen aus. Und wir müssen darauf mit Nein antworten.“

Papst Franziskus führte fort, alle wollten ein gerechtes System, ein System, das allen Fortschritt ermögliche, und nicht das ökonomische globalisierte System, das allen schade. Er wandte ein, es sei einfach zu sagen, nicht die Hoffnung zu verlieren und doch sei es notwendig, sie sich nicht nehmen zu lassen. Hoffnung sei kein Optimismus; die Hoffnung würden alle gemeinsam erschaffen, untereinander. Die Hoffnung gehöre allen.

„Wir müssen schlau sein, denn der Herr sagt uns, dass die Götzenbilder schlauer sind, als wir. Der Herr lädt uns ein, die Schlauheit der Schlange mit der Güte der Taube zu verbinden. Haben wir diese Schlauheit und nennen wir die Dinge beim Namen. In diesem Moment, in unserem ökonomischen System, in unserem globalisierten Leben, gibt es ein Götzenbild und das darf dort nicht sein! Kämpfen wir gemeinsam, auf das in unserem Leben der Mann und die Frau, die Familie, wir alle, im Mittelpunkt stehen, damit die Hoffnung weiterbesteht. Lasst euch nicht die Hoffnung nehmen!“

Abschließend hielt der Papst ein bewegendes Gebet, dass der Herr den Menschen auf Sardinien, den Familien Cagliaris und der ganzen Insel Arbeit und Würde geben möge.

„Herr, es fehlt uns an Arbeit. Die Götzenbilder rauben uns die Würde. Die ungerechten Systeme wollen uns die Hoffnung nehmen. Herr, lass uns nicht allein. Hilf uns, uns untereinander zu helfen, dass wir den Egoismus vergessen und uns im Herzen ein Wir-Gefühl haben, wir ein Volk, das voranschreiten will. Herr Jesus, dir wird es nicht an Arbeit fehlen, gib uns Arbeit, und lehre uns, für die Arbeit zu kämpfen, und segne uns alle.“