Ohne Evangelisierung wird die Kirche zur einschläfernden Babysitterin

Papst Franziskus ermutigt Christenzur Verkündigung Christi auch ohne Sicherheiten und unter Verfolgung

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 886 klicks

Mittlerweile hat sich gezeigt, dass Papst Franziskus die Dinge beim Namen nennt. Die in den Predigten während der vormittäglichen hl. Messe in „Sanctae Marthae“verwendeten Begriffe enthalten die der Alltagssprache eigene Würze und erzielen gerade deshalb große Wirkung.

Mit der heutigen Metapher der „Kirche als Babysitterin“, zeigte Papst Franziskus auf äußerst einprägsame Weise eine jener Gefahren auf, denen die Kirche von heute ausgesetzt ist: der Gefahr des Verlustes ihrer Mutterschaft in dem Augenblick, da ihre Kinder, all jene, die die Taufe empfangen haben, mit der Verkündigung Christi durch das Leben und das Wort aufhören und wie wehrlose und zu umsorgende Neugeborene werden.

So richtete der Papst gestern an die Anwesenden – unter anderem eine Gruppe von Angestellten des IOR1  die Einladung, auch ohne Sicherheiten und trotz Verfolgung kraft des empfangenen Sakramentes und der daraus erwachsenen Verantwortung mutige Zeugen Christi zu sein. Der Heilige Vater rief dazu auf, „dem Geist treu zu sein, um Jesus mit unserem Leben, mit unserem Zeugnis und mit unseren Worten zu verkündigen.“ Er führte aus: „Wenn wir dies tun, wird die Kirche zu einer Mutter-Kirche, die Kinder zur Welt bringt, denn wir, die Kinder der Kirche, bringen das hervor. Tun wir dies aber nicht, so wird die Kirche nicht zur Mutter, sondern zu einer Babysitter-Kirche, die das Kind schlafen legt. Diese Kirche ist einschläfernd. Denken wir an unsere Taufe, an die Verantwortung unserer Taufe.“

Im Rahmen der Predigt vom 17. April 2013 setzte der Heilige Vater, ausgehend von der Lesung der Apostelgeschichte, die in den vergangenen Tagen begonnene Erzählung des Martyriums des hl. Stephanus fort. Im gestrigen Text wurde die durch den Mord an dem Märtyrer ausgelöste gewalttägige Verfolgung der ersten christlichen Gemeinde von Jerusalem, die zuvor stets in Liebe und Frieden gelebt hatten, schwerpunktmäßig behandelt.

Der Papst bemerkte, dass es gleichsam dem Lebensstil der Kirche entspreche, sich zwischen dem Frieden der Barmherzigkeit der Verfolgung zu bewegen. Dies sei auch ein wiederkehrendes Merkmal der Geschichte, denn es handle sich um den Stil Jesu. Aufgrund, oder vielleicht Dank der Verfolgung seien zahlreiche Gläubige dazu gedrängt, in Judäa oder Samaria Unterschlupf zu suchen. Dort verkündigten sie trotz Einsamkeit, ohne ein Zuhause und ohne Priester oder Apostel das Evangelium.

Diesen Aspekt erläuterte der Papst mit folgenden Worten: „Obwohl sie über keine Sicherheit verfügten, gingen sie von Ort zu Ort und verkündigten das Wort. Mit sich führten sie den Reichtum, den sie hatten: den Glauben. Dieser Reichtum war ihnen vom Herrn gegeben worden“. Es handele sich bei ihnen um keine außergewöhnlichen Menschen oder leidenschaftlichen Propheten, sondern um „einfache, seit Kurzem, wohl seit nicht viel länger als einem Jahr getaufte Gläubige“, präzisierte der Papst. Ihre einzige Sicherheit bestand in der „Kraft der Taufe“, die ihnen „diesen apostolischen Mut verlieh, die Kraft des Geistes, hinauszugehen und zu verkündigen. Und ihnen wurde Glauben geschenkt! Und sie vollbrachten Wunder!“

Mit einem Seufzer erhob der Papst folgenden Ausruf: “Ich denke an uns, an uns Getaufte, dass wir diese Kraft besitzen. Aber glauben wir daran? Glauben wir, dass die Taufe genügt, dass sie für die Evangelisierung ausreicht? Oder ‚hoffen‘ wir, dass der Priester predigt und der Bischof spricht …“

Der Nachfolger Petri bezeichnete die Gnade der Taufe als „etwas verschlossen“ und uns als „gefangen in unseren Gedanken, in unseren Dingen“. Dem Papst zufolge sind die Gläubigen manchmal von folgendem Gedanken erfüllt: „Nein, wir sind Christen: Ich habe die Taufe, die Firmung und die Erstkommunion empfangen … meine Papiere sind in Ordnung. Nun kannst du dich ruhig schlafen legen. Du bist ein Christ.“ Doch wo sei hier die vorwärts treibende Kraft des Geistes geblieben, fragte sich Papst Bergoglio an dieser Stelle. Ohne die Verkündigung des Evangeliums bringe die Kirche keine Kinder mehr zur Welt und werde von einer fruchtbaren Mutter zu einer einschläfernden Babysitterin.

In diesem Zusammenhang erinnerte der Heilige Vater an die Verfolgung der katholischen Missionare und christlichen Gemeinden im Japan des 17. Jahrhunderts. Sie alle wurden vertrieben und blieben 200 Jahre lang sich selbst überlassen und ohne Priester. Bei ihrer Rückkehr stellten sie jedoch fest, dass „alle Gemeinden intakt waren und alle das Sakrament der Taufe, der Firmung und der Ehe in der Kirche empfangen hatten.“ Dies sei Dank jener geschehen, die ein starkes Gefühl der Verantwortung ihrer Taufe in sich gespürt hätten.

Anschließend wies Bergoglio auf die nach wie vor große Verantwortung für uns Getaufte hin, Christus zu verkündigen und die Kirche sowie die fruchtbare Mutterschaft der Kirche vorwärts zu bringen. Die Bedeutung des Christseins beschrieb er mit folgenden Worten: „ Christsein besteht nicht darin, in einem Fach eine universitäre Karriere anzustreben, um dann ein christlicher Anwalt oder Arzt zu werden. Christsein ist ein Geschenk, das uns dank der Kraft des Geistes in der Verkündigung Jesu Christi voranbringt.“

Seinen abschließenden Gedanken widmete Papst Franziskus Maria: Sie habe während der Verfolgung der ersten Christen „viel gebetet“ und den Getauften die zur Evangelisierung notwendige Ermutigung geschenkt. Daraufhin leitete er mit den folgenden Worten zum Gebet über: „Bitten wir den Herrn um die Gnade, zu mutigen Getaufte zu werden, die getragen sind von der Sicherheit, dass der seit der Taufe in uns wohnende Geist uns stets dazu drängt, Jesus Christus mit unserem Leben, mit unserem Zeugnis und auch mit unseren Worten zu verkündigen.“

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FUSSNOTE

1 „Istituto per le opere religiose“ (Institut für die religiösen Werke); die Vatikanbank