Ohne Glaubenszeugnis keine Zukunft: Das neue Interesse am Katholischen, Trendwende für das "Christliche" in Gesellschaft und Politik?

Von Andreas Püttmann

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WÜRZBURG, 13. Juni 2006 (ZENIT.org).- Während die Zahl der Christen im Weltmaßstab, insbesondere in Asien und Afrika, weiter wächst – und zwar nicht nur absolut aufgrund des Bevölkerungswachstums, sondern auch relativ auf prognostizierte 33,4 Prozent der Weltbevölkerung 2025 – , befinden sich die Kirchen in Deutschland und weiten Teilen des friedens- und wohlstandsverwöhnten westlichen Europas seit Jahrzehnten in einem Prozess der geistlichen Auszehrung, der Verdunstung des Glaubens, der Schrumpfung der Gemeinden, der Vertrauenskrise als gesellschaftlicher Institution. Bei einer Repräsentativumfrage von "Perspektive Deutschland" 2004 erklärten 58 Prozent der Deutschen, der katholischen Kirche "nicht" oder "eher nicht" zu vertrauen; der evangelischen drückten 39 Prozent das Misstrauen aus. Überhaupt ist das Image der evangelischen Kirche freundlicher – und ihre Bindekraft trotzdem geringer.



Die Zahl der Protestanten in Deutschland sank in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von 43 auf 27 Millionen; im europäischen Vergleich ist das Gebiet der ehemaligen DDR neben Tschechien die entchristlichste Zone des Kontinents. Katholische Völker wie Polen, Kroaten, Slowaken und Litauer, auch die orthodox geprägten Rumänen hielten der repressiven Religionspolitik kommunistischer Regimes besser stand. Die deutschen Bundesländer mit der geringsten Religiosität (laut Selbsteinstufung auf einer Zehnerskala) sind übrigens Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die mit der stärksten Bayern, Baden-Württemberg, das Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein- Westfalen.

Die deutschen Katholiken, 1950 eine klare Minderheit von 25 Millionen, sind seit 1997 mit rund 27 Millionen die Mehrheitskonfession. Doch auch sie erleben seit den siebziger Jahren eine zwar langsamere, aber scheinbar unaufhörliche Schrumpfung. Besuchte 1950 noch über die Hälfte der Katholiken den Sonntagsgottesdienst, so sind es heute nur noch etwa 15 Prozent. Der Mitgliederschwund betrug allein seit der Wiedervereinigung durchschnittlich 0,6 Prozent pro Jahr und summiert sich auf über zwei Millionen - das entspricht etwa der Größe des Erzbistums Köln. Kardinal Meisner bilanziert: "Die katholische Kirche in Deutschland hatte noch nie so viel Geld wie in den letzten 50 Jahren, und nie hat sie trotzdem so viel an Glaubenssubstanz wie in den letzten Jahrzehnten verloren."

Bis 2025 wird die Zahl der deutschen Katholiken nach einer Projektion von McKinsey um weitere 15 bis 20 Prozent sinken, die der Priester sogar um die Hälfte und die der Einnahmen relativ zum Ausgabevolumen um 25 bis 35 Prozent. Waren 1960 noch die Hälfte aller kirchlichen Kasualien Taufen und jeweils ein Viertel Trauungen und Bestattungen, so machten 2003 die Bestattungen die Hälfte aus, die Taufen 39 und die Trauungen 9,6 Prozent. Wie tüchtig das reduzierte "Bodenpersonal Gottes" seinen Dienst versieht, wird übrigens darin deutlich, dass erstaunliche zwei Drittel der Christen ihren Pfarrer persönlich kennen und fast jeder Zweite schon einmal ein längeres Gespräch mit ihm geführt hat.

Solche Direkterfahrungen gehen auch mit einem positiveren Kirchenbild einher: Das konkrete "Nahbild" ist freundlicher als das – medienvermittelte – anonymere "Fernbild", außer in den beliebten Pfarrer- und Nonnenserien, wo wiederum konkrete christliche "Menschenbilder" vermittelt werden. Die Konfessionslosen bilden mit 32 Prozent inzwischen eine relative Mehrheit in Deutschland, die Muslime stellen vier Prozent. Junge Muslime in Deutschland bezeichnen sich übrigens zu 66 Prozent als gläubig, junge Christen zu 17 Prozent. An ein Paradies und an die Hölle glauben 60 Prozent der Muslime und 13 Prozent der Christen. "Wir leben in einer ungläubigen Welt, und ich leide darunter", meint jeder vierte Moslem und nur jeder vierzehnte Christ. "Durch Gebete können wir etwas bewirken", sagen 53 Prozent der Muslime und 13 Prozent der Christen.

Kein Zweifel: Beide christliche Konfessionen stehen vor einer radikalen Herausforderung und haben als missionarische Glaubensgemeinschaften und als erziehende christliche Familien offenkundig versagt. Wo Schüler den gekreuzigten Jesus für Spartakus halten oder Golgatha für eine Zahncreme und eine Lehrerin in Olpe allen Ernstes meinte, der Termin des Osterfestes werde vom Kultusministerium festgelegt, dort ist mit dem Glauben offenkundig auch kulturelles Orientierungswissen abhanden gekommen. Glaubensüberzeugungen und Glaubenspraxis sind kein isolierter Lebensbereich, sondern durchwirken –
bewusst oder unbewusst – die persönliche Existenz in all ihren Dimensionen: als Familienmensch, als Freund und Partnerin, Vater oder Mutter, als Berufstätiger, Vereinsmitglied und Nachbar, als Wirtschaftssubjekt und Staatsbürger. Sozialwissenschaftliche Studien belegen den Einfluss religiöser Überzeugungen auf Denken, Fühlen und Handeln, Sitte und Moral, auf Wert- und Unwertbewusstsein, Konsum- und Wahlentscheidungen.

Gläubige unterscheiden sich signifikant von Nichtgläubigen, und zwar im Sinne sozial erwünschter Eigenschaften. Sie treten entschiedener für einen "Höchstwert" (BVerfG) des Grundgesetzes, den Schutz menschlichen Lebens – auch des vorgeburtlichen und siechenden – ein; sie distanzieren sich stärker von Gewalt gegen Personen und Sachen, von illegalen Protestformen und radikalen Parteien von links und rechts; sie lehnen Delikte der so genannten Alltagskriminalität (Steuerhinterziehung, Betrug an Versicherungen und Sozialkassen, Schwarzfahren) sowie Verstöße gegen den Moralkodex (Lügen zum eigenen Vorteil, gefundenes Geld behalten) unbedingter ab; sie halten die Hilfe für Notleidende häufiger für sehr wichtig und sind überdurchschnittlich oft ehrenamtlich engagiert; sie sind mit ihrem Leben zufriedener, fühlen sich freier, beschreiben ihren Gesundheitszustand etwas positiver, zählen Beziehungstrennungen weniger zu den prägenden Erfahrungen ihres Lebens und machen für biographische Frustrationen weniger die Gesellschaft verantwortlich (Fremdattribution).

Zu den sozialethischen Schlussfolgerungen einer Jugendstudie von Gerhard Schmidtchen und Lothar Roos zählt auch die Einschätzung, "dass eine am christlichen Menschenbild orientierte Erziehung weniger den larmoyanten Typ hervorbringt, der lediglich über die Verhältnisse klagt, statt sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und auch die eigenen Fehler und Versäumnisse einzugestehen. Die im Kontext der kirchlichen Soziallehre vertretene Theorie einer subsidiären Gesellschaft, die zunächst die Aktivierung der eigenen Kräfte verlangt, bevor man nach dem Staat ruft, zeigt sich hier als besonders wirksam". Und genau diese Haltung wird bei der derzeitigen Krise und Reform unseres Sozialstaates allenthalben als notwendig beschworen.

Sogar "Der Spiegel" (Nr. 33/05) machte jüngst darauf aufmerksam, dass "sich das Wertesystem von Gläubigen und Nichtgläubigen unterscheidet". Folgende Lebensziele wurden von Deutschen, "die auf den Glauben sehr großen Wert legen" häufiger als von solchen, die "auf den Glauben überhaupt keinen Wert legen" als "besonders wichtig" eingestuft: "Kinder haben" (72:46 Prozent), "Heim und Gemütlichkeit" (71:47), "Umweltbewusstsein" (70:54), "Disziplin" (59:47), "Heimatverbundenheit" (48:30) und "Nationalbewusstsein" (40:20). Dass die Kirchen ihnen "als moralische Instanz" wichtig seien, bekundeten in der Infratest-Umfrage für das linke Leitmedium fast Zweidrittel aller Deutschen. Auch eine Repräsentativumfrage für die Allensbacher Werbeträger-Analyse 2005 fragte 14- bis 29-jährige Deutsche danach, "was im Leben wichtig ist" und differenzierte zwischen den Antworten religiöser und nicht religiöser junger Leute: Annähernd gleich häufig werden von beiden Gruppen "gute Freunde" (95:91 Prozent), "Erfolg im Beruf" (71:69) und ein "abwechslungsreiches Leben" (55:58) genannt. Jugendliche, die sich als "religiös" bekennen, nennen allerdings signifikant häufiger folgende Werte: eine "gute, vielseitige Bildung" (72 zu 55 Prozent), "immer Neues lernen" (69:54), "soziale Gerechtigkeit" (69:52), "Menschen helfen, die in Not geraten" (69:46), "Kinder haben" (61:42), "Kreativ sein" (47:35), "Verantwortung für andere übernehmen" (43:26), "Auseinandersetzung mit der Sinnfrage" (45:19), "Naturerfahrungen" (38:22), "aktive Teilnahme am politischen Leben" (14:7). Der durchschnittliche Vorsprung der Gläubigen betrug 17 Prozentpunkte. Nur bei zwei Antwortmöglichkeiten haben die Nichtreligiösen die Nase vorn: bei "hohes Einkommen" (mit 49:37 Prozent) und "Spaß haben, das Leben genießen" (76:67). Fazit der Demoskopen: "Die Vitalität der religiösen Kultur beeinflusst das Wertesystem der Gesellschaft." Schon deshalb ist Religion nicht bloß Privatsache, sondern von höchster Relevanz für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

Bisweilen auch von Brisanz, wie religiös verursachte oder aufgeladene Konflikte in Geschichte und Gegenwart zeigen. Schlimmstenfalls erreicht irregeleiteter Glaubenseifer den Siedepunkt von Gewalt und Terrorismus. Ein von manchen Autoren prognostizierter "Krieg der Kulturen" wäre wesentlich religiös motiviert, da der Glaube mindestens so kulturprägend wirkt wie natürliche oder materielle Lebensbedingungen. Der islamistische Terror steht uns als abschreckendes Beispiel ebenso vor Augen wie die Religionskriege der frühen Neuzeit und die Massenmorde gottloser, ersatzreligiöser Ideologien im 20. Jahrhundert. Zwei einander entgegen gesetzte Versuchungen führten schon die menschliche Hölle auf Erden herbei.
Die eine fasste Dostojewski in den provozierenden Satz: "Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt", die andere inspiriert derzeit moslemische Hassprediger und Massenmörder: "Wenn Gott mit uns ist, dann ist alles erlaubt." Demgegenüber ist das durch die Erkenntnis eigener Verirrungen geläuterte abendländische Christentum vom Widerpart der Aufklärung längst zu deren Schutzmacht gegenüber politischem Utopismus und religiösem Integralismus avanciert, zur Legitimationshilfe moderater, demokratischer Politik, sozialen Interessenausgleichs und friedlichen Zusammenlebens.

Dies hat zuletzt der Weltjugendtag in Köln eindrucksvoll demonstriert. "Die christliche Religion, in deren Namen so viele Kreuzzüge und blutige Kriege geführt wurden, ist heute zu einem überzeugenden Träger des Friedensgedankens geworden. Aus ihrer Mitte werden keine Selbstmordattentäter kommen", kommentierte der Deutschlandfunk das Treffen einer Million junger Christen aus 197 Nationen. Kommunismus und Konsumismus gaukelten den Menschen jahrzehntelang die Möglichkeit eines rein diesseitigen Glücks vor. Nach dem Untergang des "Arbeiter- und Bauernparadieses" und seines "dialektischen Materialismus" zeichnet sich nun auch die Götterdämmerung in den Konsumtempeln des praktischen Materialismus ab.

Die 68er-Ideologie des schrankenlosen Libertinismus und der Verachtung traditioneller Werte, Normen, Institutionen und Tugenden steht vor dem Bankrott. Peter Hahnes Bestseller "Schluss mit Lustig" und der Verkaufsboom von Joseph Ratzingers Büchern sind zugleich Ausdruck und Katalysator einer neuen Besinnung auf verlorene Werte jenseits von Reichtum, Genuss, Vergnügen und kollektiver Verantwortungslosigkeit, deren Horizont nicht die eigene Lebensspanne und Lebensumwelt überschreitet. Kontingenz- und Transzendenzbewusstsein brechen sich wieder Bahn, noch nicht "flächendeckend", aber besonders in den geistig reflektierteren Teilen der Gesellschaft. Frömmigkeit, bis vor kurzem scheinbar nur noch Sache einer alternden gesellschaftlichen Nachhut, kehrt in die Mitte der Gesellschaft samt ihrer intellektuellen Avantgarde zurück. "Überzeugt, dass Religion in der Gesellschaft wichtiger wird", waren laut Allensbach vor zehn Jahren nur 13 Prozent der Deutschen, im Juni 2005 schon doppelt so viele; dass Religion gesellschaftlich "an Bedeutung verliert", meinten 1995 noch 36, heute nur noch 22 Prozent; Christen beider Konfessionen äußern zunehmend, die Kirche passe gut in die heutige Zeit: Auf einer Skala von 0 ("passt überhaupt nicht") bis 10 ("passt sehr gut") steigt der Mittelwert der westdeutschen Protestanten schon seit 1992 wieder an (von 4.5 auf 5.6), jener der Katholiken erst seit 1999, dafür aber rasanter (von 4.8 auf 6.3) – und erreichte damit wieder das Niveau von vor dreißig Jahren. Allerdings bleibt die Einschätzung, dass "der Glaube für die meisten Menschen in Deutschland wichtig" oder "sehr wichtig" sei, mit 24 Prozent noch weit hinter der tatsächlichen Überzeugung von 45 Prozent der Deutschen zurück, "dass der Glaube in unserer Zeit noch wichtig ist" ("nicht zeitgemäß", "überholt" meinen 34 Prozent).

Wo sich die Mehrheit so über die Mehrheit täuscht, sucht sie die Wirklichkeit offenkundig im Zerrspiegel einer Medienrealität, die Glaube und Kirche lange Zeit eher marginalisierte. Politik hat hier – wie stets – allen Grund, eher die tatsächliche Meinung der Menschen ins Kalkül zu ziehen als die Eindrücke, welche Macher "öffentlicher Meinung" davon vermitteln. Spätestens mit den "päpstlichen Ereignissen" 2005 und evangelischerseits der überwältigenden Anteilnahme am Wiedererstehen der Dresdner Frauenkirche ist auch in das öffentliche Bild von Kirche wieder Bewegung gekommen. 63 Prozent der Deutschen begrüßten die Wahl "unseres Joseph Ratzinger" ("Bild") zum Papst. Ein Bericht – nicht Kommentar – der ARD-Tagesthemen hatte den hoch differenzierten Startheologen noch vor wenigen Jahren als "fundamentalistischen Kardinal" (Johanna Holzhauer) stigmatisiert.

Nun installierte die ARD einen eigenen Vatikankorrespondenten. Benedikt XVI. ist inzwischen das gefragteste männliche Fotomotiv und sein erster Auftritt auf der Loggia des Petersdoms das zweitbeliebteste Bild der Deutschen, gleich nach der Maueröffnung. Jeder zweite Ostdeutsche ist nach einer Umfrage für "Die Welt" der Meinung, dass der christliche Glaube durch den Papstwechsel für die Deutschen wichtiger geworden sei, eine Einschätzung, die auch unter 14 - 29-Jährigen überdurchschnittlich verbreitet ist. Nur für neun Prozent der Deutschen ist der christliche Glaube in den letzten Jahren "weniger wichtig" geworden; doppelt so viele meinen, er habe an Bedeutung zugenommen. Der Aufmacher der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" am 25. Dezember 2005 lautete: "Gott wird wieder wichtiger", ein Untertitel der "Welt" drei Tage später: "Heute kehren fast doppelt so viele Menschen zur Kirche zurück wie noch vor 15 Jahren. Die meisten sind junge, gut ausgebildete Frauen."

Im Frühjahr 2005 registrierte schon Harald Schmidt im Focus "die vielen attraktiven Frauen, die mit verheulten Augen vor dem Petersdom warten. Sie wollen dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. Da stutzt der Teilzeitzölibatär in uns: Frauen? Papst? Ja, sollten uns Küng und Geißler belogen haben? War dieser Papst am Ende doch ein Frauenpapst? Haben die Frauen nicht mitgekriegt, was ihnen alles verboten wurde?" Wenn Joschka Fischer in seinem Buch "Die Linke nach dem Sozialismus" (1992) räsoniert, eine "Ethik ohne religiöse Fundierung" scheine "in der Moderne einfach nicht zu funktionieren", Gregor Gysi bekennt: "Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft" und Gerhard Schröder – der die Kirchen als Juso noch überflüssig machen wollte – im KNA-Interview (17. September 2005) behauptet: "Mir war immer klar, dass das Christentum wesentlich für Identität und Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgt", die katholische Erziehung seiner Kinder "mit Interesse und großem Respekt" begleitet und die Beiträge der Kirche "zur intellektuellen Durchdringung von tagesaktuellen und langfristigen Fragen" lobt; und wenn auf der anderen Seite Guido Westerwelle die FDP in der "Westdeutschen Zeitung" (8. April 2005) zur "Partei der Nächstenliebe" erklärt, dann sollten explizit christliche Parteien nicht zögern, ihre ureigenen geistigen Grundlagen vernehmbar zu buchstabieren und in ihr Politikkonzept, bisweilen auch in ihren Diskurs zu integrieren.

Bundespräsident Köhler geht mit bestem Beispiel voran und drückt seinen christlichen Glauben ganz selbstverständlich und unbefangen auch bei politischen Auftritten aus. Es scheint seiner Beliebtheit nicht geschadet zu haben. Für 60 Prozent der deutschen Bevölkerung war das Wort "christlich" schon vor den epochalen Kirchenereignissen 2005 laut Allensbach "sympathisch", für 28 Prozent "unsympathisch". Auch als politisches Attribut spreche es "eher für eine Partei", meinen 48 Prozent der Westdeutschen und 40 Prozent der Ostdeutschen. Jeder dritte Bundesbürger plädierte in einer Repräsentativumfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung 2003 dafür, dass "christliche Wertvorstellungen künftig in der Politik eine wichtigere Rolle als derzeit spielen" sollten; jeder Fünfte wünscht ihnen "eine geringere Rolle". Selbst wenn aber das gesellschaftliche Potenzial für eine christlich inspirierte Politik weiter schwände, hätten nicht nur Christdemokraten die Einsichten derer zu beherzigen, die unser Gemeinwesen in einer erfahrungsverdichteten Zeit errichteten.

Der SPD-Politiker und frühere Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff sagte nach seiner Befreiung aus der Lagerhaft zu einem Freund: "Wissen Sie, ich bin als Atheist in das Konzentrationslager gekommen, und nach allem, was ich dort erlebt habe, verließ ich es als gläubiger Christ. Mir ist klar geworden, dass ein Volk ohne metaphysische Bindung, ohne Bindung an Gott, weder regiert werden, noch auf die Dauer blühen kann." Die Gründer der CDU erklärten im Berliner "Aufruf an das deutsche Volk", dass der Aufbau einer "Ordnung in demokratischer Freiheit" nur gelingen könne, "wenn wir uns auf die Kultur gestaltenden sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums besinnen und diese Kraftquellen unserem Volk immer mehr erschließen". Das politische Mitspracherecht dieser Gründerväter bis heute folgt aus der schönen Definition: "Tradition heißt, (...) unseren Vorfahren Stimmen zu geben. Tradition ist die Demokratie mit den Toten" (Chesterton/Meisner).

Der Erste unter "unseren Besten", Konrad Adenauer, sprach dem "C" auf dem CDU-Bundesparteitag 1962 einen "Kampfwert" und einen "Werbewert" zu, betonte aber: "Wie es auch immer sein mag, ich würde empfehlen, das ,C in unserem Namen als Leitmotiv nicht davon abhängig zu machen, ob es uns politisch mehr oder weniger Stimmen bringt, sondern dazu aus klaren Gründen prinzipieller Entschiedenheit zu stehen und die Frage der Opportunität in diesem Punkte überhaupt nicht zuzulassen." Auch für die Kirchen wäre Opportunismus ein schlechter Ratgeber. Der Trendforscher Matthias Horx überraschte 1995 mit der Einschätzung: "Wenn wir von den Amtskirchen um ein professionelles Trend-Consulting gebeten würden – wie müsste der Ratschlag für die evangelische und katholische Kirche aussehen? (...) Kaum jemand, der den Kirchen nicht Modernisierung, Öffnung, Liberalisierung empfehlen würde. (...) Der Sensibilitäts-Apostel Drewermann (...) rät der katholischen Kirche schon seit langem beides an: Modernisierung und Besinnung auf den spirituellen Kern (...) Doch so einfach ist die Sache nicht (...) Der Katholizismus dürfte seine 'brand values' genau aus dem beziehen, was die Heerscharen seiner Kritiker an ihm bemängeln: dem Dogma. Gerade das Unumstößliche, das Störrische, das 'Unmoderne' an ihm macht seine Faszination aus. Sein barockes Element, seine beharrliche, ja dickköpfige Dogmatik, sein Hang zum Ornament, zum Prunk, zur Verschwendung und Doppelmoral, ist gewissermaßen sein 'Markenkern'."

Und wirklich: Zehn Jahre später ist Drewermann 'out' (und aus der Kirche ausgetreten), Ratzinger 'in' und die "modernere", "offenere", "liberalere" evangelische Kirche geriet mit fast doppelt so viel Austritten in die konfessionelle Minderheit. Für die Vitalität einer Kirche dürften andere Kriterien entscheidend sein, die von beiden unzureichend beachtet werden. Die prägnanteste Devise, einem unchristlichen Zeitgeist zu begegnen, formulierte die EKD im Oktober 1945: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Welche Zukunft der christliche Glaube bei uns haben wird, hängt von nichts mehr als davon ab, wie viele Christen diese zeitlosen Glaubenstugenden beherzigen. Ohne ihr persönliches Zeugnis läuft die kirchenamtliche Maschinerie auf Volldampf im Leerlauf.

[© Die Tagespost vom 13.06.2006]