„Ohne Hilfe aus dem Westen können wir nicht leben“

Johannesbruder Carl-Emmanuel berichtet vom kirchlichen Leben in der Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien

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KÖNIGSTEIN, 11. Juni 2008 (ZENIT.org).- Die katholische Minderheit in der Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien im europäischen Teil der russischen Föderation könne ohne Hilfe aus dem Westen nicht überleben, bekräftigte der französische Missionar Bruder Carl-Emmanuel von der Johannesgemeinschaft gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk Kirche in Not.



Bei einem Besuch in der Zentrale des Hilfswerks in Königstein erklärte der Ordensmann, dass die katholische Gemeinde, die mit einigen Hundert Mitgliedern einen winzigen Anteil an der etwas mehr als 0,9 Millionen zählenden überwiegend muslimischen Gesamtbevölkerung der Republik ausmacht, ein „großes Potential“, da der katholische Glaube „sehr rein weitergegeben“ werde. Viele Menschen interessierten sich für den Glauben. In der Hauptstadt Naltschik kämen jeden Sonntag 50 Menschen zur heiligen Messe. Und es sei nicht üblich, dass jemand die Kommunion empfange, ohne vorher gebeichtet zu haben. Am vergangenen Weihnachts- und Osterfest habe es jeweils eine Erwachsenentaufe gegeben.

Das dringlichste Anliegen sei gegenwärtig der Bau einer Kapelle in Prochladnyj, da die Gemeinde in der alten Kapelle, die in einem ehemaligen Kaufmannsladen eingerichtet worden war, keinen Platz mehr finde, berichtete der französische Ordensmann, der bald zum Priester geweiht wird. Mit dem Bau der neuen Kapelle sei bereits begonnen worden, jedoch reichten die finanziellen Mittel nicht aus, so dass zu befürchten sei, dass der angefangene Bau im Winter durch Frost schwer beschädigt werden könnte.

Das internationale katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat eine finanzielle Unterstützung bewilligt, damit die Kapelle noch vor Einbruch des Winters fertiggestellt werden kann. Die Räumlichkeiten der alten Kapelle sollen wieder in ein Geschäft umgewandelt werden, von dessen Erlös die Pastoralhelferin, für die die Gemeinde kein Gehalt aufbringen kann, ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.

In Kabardino-Balkarien gibt es laut Bruder Carl-Emmanuel zwei Priester, zwei Ordensbrüder, vier kontemplative Ordensfrauen und vier Schwestern der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ der seligen Mutter Teresa von Kalkutta. Wichtig sei vor allem die Jugendarbeit. Eine Theatergruppe habe beispielsweise ein von der heiligen Therese von Lisieux verfasstes Theaterstück einstudiert, sei damit bei einem französischsprachigen Theaterwettbewerb in Moskau aufgetreten und habe eine Tournee durch Frankreich veranstaltet.

Auch für die Familien, die zu den Pfarrgemeinden gehören, tue die Kirche viel, insbesondere dann, wenn es zu häuslicher Gewalt komme oder ein Elternteil alkoholkrank sei. Die Mitarbeiterinnen der Kirche erreichten die Eltern oft über die Arbeit mit den Kindern. In vielen Fällen gelinge es, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen und den Familien zu helfen – sowohl in sozialer Hinsicht als auch seelisch. Manche fänden zum Glauben. Bruder Carl-Emmanuel weiß von ehemals zerrütteten Familien zu berichten, die heute zufrieden leben und sonntags gemeinsam zur Messe kommen.

Die Menschen verschiedener Volksgruppen und Religionszugehörigkeiten lebten in Kabardino-Balkarien friedlich zusammen, berichtet er. Allerdings werde die russischstämmige Bevölkerung oft diskriminiert. Kinder, die nicht die Volkssprache beherrschen, würden in der Schule verspottet, was zu einer starken Auswanderung von Russen führen.

In einem Dorf seien von den ursprünglich 2.000 Einwohnern in den vergangenen Jahren 500 ausgewandert. Die katholische Kirche bedauere dies. Sie unterhalte gute Beziehungen zu den Christen anderer Konfessionen, ebenso wie zu den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften.

In Kabardino-Balkarien, das am Nordabhang des Kaukasus liegt, leben verschiedene Volksgruppen. Etwas mehr als die Hälfte machen die Kabardiner aus. Ein Viertel der Bevölkerung ist russischen Ursprungs, knapp zwölf Prozent bildet das Turkvolk der Balkaren. Des Weiteren gibt es ukrainische, ossetische, türkische, armenische und andere Minderheiten. 70 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Islam. Die Republik grenzt im Norden an die Region Stavropol, im Süden an Georgien, im Westen an Karatschai-Tscherkessien und im Osten an Nordossetien.