Ohne Menschlichkeit und ohne Geben kann keine Wirtschaft bestehen

Kardinal Angelo Bagnasco schlägt christlichen Humanismus gegen Materialismus und Utilitarismus vor

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Von Antonio Gaspari

ROM, 1. März 2012 (ZENIT.org). ‑ Keine Wirtschaft könne  bestehen ohne die Achtung der nicht verhandelbaren Werte und ohne Annahme einer Anthropologie des christlichen Humanismus, der die Fähigkeit, zu geben und unseren Nächsten zu lieben hervorhebt. Dies erklärte Kardinal Angelo Bagnasco während der Konferenz am 29. Februar an der London School of Economics (LSE) auf Einladung der „Italian Society“.

Der Erzbischof von Genua umschrieb die Krisenlage als eine Welt, die aus „strahlendem Licht sowie aus schweren und langen Schatten“ bestehe. Er betonte die Notwendigkeit, dass „das Licht wirklich alle ‑ Menschen und Völker – erleuchte, damit die derzeit bestehenden offensichtlichen und unannehmbaren Ungleichheiten vermindert und am besten beseitigt werden.“

Der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) veranschaulichte das Scheitern der marxistischen und utilitaristischen Modelle, die beide von einer begrenzten und reduzierten materialistischen Auffassung der Menschheit untergraben seien.

Der Kardinal stellte klar: „Wenn die Wirtschaft zu einem ‚Ökonomismus’ und somit zum Selbstzweck wird und sich nicht etwa am höchsten Wert, nämlich dem Menschen, orientiert, wird sie früher oder später implodieren.“

Hinzufügend äußerte Kardinal Bagnasco, dass „der Mensch nicht auf einen Klumpen Materie herabgemindert werden kann. Er übertrifft sich selbst und die eigene Materialität dank des Bewusstseins, das es ihm erlaubt, sich im Blick des gesamten Universum zu begreifen.“

„Die Unmöglichkeit, ihn auf Materie zu reduzieren“, fuhr er fort, „ist auch in der Erfahrung der Liebe, der Treue erkennbar, die ‑ wie es bereits Gabriel Marcel formulierte – eine ‚Summe‘ Gottes ist, weil sie den Menschen der Ewigkeit, das heißt der Unendlichkeit, näher bringt.“

Dem Erzbischof von Genua zufolge wird die Vielschichtigkeit und die Einzigartigkeit des Menschen vor allem in Anbetracht der Tatsache sichtbar und greifbar, dass „wir in der Lage sind, als ein Geschenk zu leben, das heißt, aus uns selbst, aus unserem Umfeld herauszutreten, um unserem Nächsten entgegen zu gehen und ihn anzunehmen, indem wir uns selbst bis zum Äußersten verleugnen.“

„All dies und noch viel mehr“, betonte er, „bestätigt uns, dass der Mensch nicht auf Zeit und Materie reduzierbar ist, sondern ein im Grenzbereich liegendes Paradoxon ist, zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Endlichem und Unendlichem, zwischen Nichts und Allem.“

Für den Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) ist der Mensch „ein Subjekt mit gleichzeitig hoher Beziehungsintensität“, denn er stehe nicht nur mit materiellen Dingen in Beziehung, „sondern auch mit den Mitmenschen, um miteinander zu teilen und um gemeinsam voranzuschreiten, um jene Erfüllung zu finden, die in erster Linie nicht von funktioneller Art (das heißt, für das praktische Leben notwendig), sondern vielmehr von geistiger und moralischer Art ist.“

Mit Nachdruck zitiert Kardinal Bagnasco zudem die Enzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. und erklärte: „Der Mensch kann nur in Beziehung mit dem Absoluten, mit der Transzendenz, mit Gott leben: Ohne Gott weiß der Mensch nicht, wohin er gehen soll, und begreift nicht einmal, wer er ist.“

So schrieb Papst Benedikt XVI., dass „das erste zu schützende und zu nutzende Kapital der Mensch ist, die Person in ihrer Ganzheit“ und dass „die soziale Frage in radikaler Weise zu einer anthropologischen Frage geworden ist.“

In diesem Zusammenhang schlug der Vorsitzende der CEI ein Gefüge grundlegender und unverzichtbarer Werte vor, welche die sogenannte „Ethik des Lebens“ ausmachten: „das Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende, die Familie, die, aus einem Mann und einer Frau bestehend, auf der Ehe gründet, und die Religions- und Bildungsfreiheit.“

„Dieses Wertegefüge ist wie eine Wurzel, die man nicht abschneiden kann, ohne dabei den Baum zu töten, und deshalb sind diese Werte nicht verhandelbar. Zugleich sind sie wie ein lebendiger Baumstumpf, aus dem neue Wertetriebe wachsen ‑ Werte, die die soziale Ethik in ihren unterschiedlichsten Aspekten widerspiegeln“, schloss Kardinal Bagnasco.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sabrina Toto]