Ohne Seele kann man nicht leben

Pater Pedro Barrajón, Rektor des Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum, über unser Verhältnis zum Unendlichen

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von Antonio Gaspari

RIMINI, 24. August 2012 (ZENIT.org). - Beim Treffen in Rimini hatte ich unter anderem Gelegenheit, mit Pater Pedro Barrajón, Rektor des Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ zu sprechen. Ich bat ihn um eine Stellungnahme zum Thema des diesjährigen Treffens: „Die Natur des Menschen ist das Verhältnis mit dem Unendlichen“.

„Das diesjährige Thema berührt eine der größten Wunden unserer Zeit: den fehlenden Bezug zur Transzendenz“, antwortete der Rektor. „Die heute vorherrschende Art, die menschliche Natur aufzufassen, könnte man als ‚Anthropobiologie‘ bezeichnen: eine Auffassung, in der der Mensch auf seine biologische Dimension beschränkt wird, während doch die Natur des Menschen im Verhältnis mit dem Unendlichen steht und sich deshalb zum Transzendenten hin öffnen muss. Wie der belgische Kardinal Julien Ries sagte, ist das Thema dieses Jahres auch die große Voraussetzung für die Neuevangelisierung.“

Damit die Neuevangelisierung erfolgreich sei, brauche man, so Pater Barrajón, „eine neue Aufmerksamkeit für die sakrale Dimension, die nichts anderes ist als das Verhältnis zum Unendlichen und der Glaube in Christus.“

Über das Treffen in Rimini sagte Pater Barrajón, dass diese Initiative von „Comunione e Liberazione“ organisiert worden sei, um einen schweren Bruch der Moderne zu sanieren, nämlich die Trennung von Kultur und Glauben. „Die Veranstaltung“, so der Rektor des Päpstlichen Athenäums, „will diesen Bruch heilen, indem sie sich mit dem Verhältnis des Menschen zum Unendlichen befasst.“

„Aber der Mensch in seiner materiellen Dimension ist doch endlich?“, warf ich ein.

„Das stimmt wohl“, antwortete Pater Barrajón. „In seiner körperlichen, biologischen Dimension ist der Mensch ein endliches Wesen; aber in seiner seelischen Dimension hat er einen Bezug zum Unendlichen. Deshalb dürfen wir sagen, dass der Mensch als Abbild Gottes erschaffen wurde. Unter allen Geschöpfen ist der Mensch das einzige, das Gott auf persönliche Weise wiederspiegelt. Gott kann den Einzelnen lieben und von ihm geliebt werden. Gott baut zum Menschen eine persönliche Beziehung auf; darin liegt die Größe der menschlichen Natur.“

Der Theologe Hans Urs von Balthasar behauptete, der Mensch habe „etwas mehr“ als nur Natur. „Der Mensch ist ein Geschöpf, und dass er zugleich eine Person ist, ist ein grandioses Geheimnis.“ Dazu zitierte der Rektor des Päpstlichen Athenäums die Worte von Giancarlo Cesana: „Die Neurowissenschaften können das Geheimnis Mensch nicht erklären.“

„Es gibt seitens mancher Neurowissenschaftler den Versuch“, erklärte Pater Barrajón, „das Ich des Menschen auf die Gehirntätigkeit zu reduzieren.“ So habe Francis Crick behauptet, die menschliche Seele sei weiter nichts als eine „Ansammlung von Nervenzellen.“

„Das Problem“, so Pater Barrajón, „liegt darin, dass man den Menschen auf diese Weise auf seine biologischen Funktionen reduziert. Der Mensch wird nur noch unter einem strikt materialistischen Gesichtspunkt betrachtet, der keine Öffnung zur Philosophie oder zur Theologie mehr zulässt.“

Für den Rektor des Päpstlichen Athenäums sollten die Neurowissenschaften „einen weiteren Horizont in Betracht ziehen, statt ihren Blick auf den Körper und die Nervenzellen zu beschränken. Der menschliche Leib erhält seine höhere Würde nämlich daher, dass er vom Geist durchdrungen ist.“

Pater Pedro Barrajón hält am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ einen Kurs über „Seele und Wissenschaft“. Unser Gespräch beendete er mit der Bemerkung, man müsse den Neurowissenschaften ihre humanistische Dimension wiedergeben, da sie sonst Gefahr liefen, reiner Selbstzweck zu werden.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]