Ökumene darf nicht in Gleichgültigkeit abgleiten

Der Papst empfängt die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre in Audienz

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VATIKANSTADT, 31. Januar 2012 (ZENIT.org) - Für Papst Benedikt XVI. war es eine Art Rückkehr in die Vergangenheit, als er am vergangenen Freitag die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre, deren Präfekt Kardinal Ratzinger von 1981 bis 2005 war, in Audienz empfing.

Zunächst dankte der Papst seinem Nachfolger, Kardinal William Levada, unter dessen Führung die Kongregation in Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung das Jahr des Glaubens vorbereitet.

„Wie wir wissen“, beobachtete Benedikt XVI., „droht der Glaube in weiten Teilen der Welt zu erlöschen wie eine Flamme, die nicht mehr genährt wird. Wir stehen vor einer tiefen Glaubenskrise, vor einem Verlust des religiösen Sinns, der für die Kirche in der heutigen Zeit die größte Herausforderung darstellt.“

Der Papst äußerte die Hoffnung, dass das Jahr der Glaubens helfen könne, „Gott wieder in die Welt zurück zu bringen und den Menschen den Zugang zum Glauben zu eröffnen, ihr Vertrauen auf Gott zu stärken, der uns bis zur Vollendung (vgl. Joh 13,1) im gekreuzigten und auferstanden Jesus Christus geliebt hat.“

Eine der Reflexionen der Vollversamlung betrifft das Thema ‚Einheit der Christen’, das Motto der Gebetswoche, die am vergangenen 25. Januar zu Ende ging. In diesem Zusammenhang sprach Benedikt XVI. seine Anerkennung für den ökumenischen Dialog aus, der „viele gute Früchte“ hervor gebracht habe. Es sei jedoch erforderlich, weiterhin in Hinblick auf die „Gefahr eines falschen Irenismus und einer Indifferenz, der dem Geist des II. Vatikanischen Konzils völlig fremd ist“, wachsam zu bleiben.

Diese Gleichgültigkeit werde von der „immer weiter verbreiteten Meinung“ verursacht, dass „die Wahrheit für den Menschen nicht zugänglich sei“, mit dem Ergebnis, dass die Menschheit sich darauf beschränke, „Regeln für eine Praxis zu finden, die in der Lage ist, die Welt zu verbessern“, So werde am Ende der Glaube „durch einen Moralismus ohne tiefreichendes Fundament“ ersetzt.

Ohne Glaube werde dei Ökumene auf eine Art „Gesellschaftsvertrag“ und „Praxeologie“ beschränkt, die eine vage und utopische „bessere Welt“ zum Ziel hätten.

Die Logik des II. Vatikanischen Konzils – fuhr der Papst fort – sei dagegen eine völlig andere: „Die aufrichtige Suche nach der vollen Einheit aller Christen ist eine Dynamik, die vom Wort Gottes, von der göttlichen Wahrheit, die in diesem Wort zu uns spricht, angefacht wird.“

Folglich müsse „die Verbindung zwischen der Heiligen Schrift, der lebendigen Tradition der Heiligen Kirche und dem Dienst der Nachfolger der Apostel als Zeugen des wahren Glaubens“ wieder in den Vordergrund gestellt werden, fügte er hinzu.

Zudem sei „die Unterscheidung zwischen der ‚Tradition' und Traditionen“ von grundlegender Bedeutung, gemäß der Praxis, die man bei der Ausbildung der Gläubigen anwendet, die aus dem Anglikanismus kommend in die Gemeinschaft der Kirche Roms eintreten möchten.
„In der Tat existiert in den verschiedenen christlichen Konfessionen ein spiritueller Reichtum, der Ausdruck eines einzigen Glaubens ist, der ein zu teilendes Geschenk darstellt und den man gemeinsam in der Tradition der Kirche findet“, erläuterte Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang.

Ein unentbehrliches Prinzip im ökumenischen Dialog sei die Erkenntnis der Wahrheit, die vom Papst als ein „Recht des Gesprächspartners in jedem echten Dialog“ angesehen wird. Sie stellt eine „Forderung nach Nächstenliebe“ dar, die die Notwendigkeit mit sich bringt, „selbst strittige Fragen mit Mut und stets im Geist der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Respekts anzugehen.“

Ferner empfahl der Heilige Vater das Studium der „Dokumente, die aus dem wahren ökumenischen Dialog hervor gegangen sind.“ Diese „dürfen nicht ignoriert werden, denn sie stellen eine bedeutende, wenn auch provisorische, Frucht der gemeinsamen über die Jahre gereiften Reflexion dar“, obgleich es nur der Autorität der Kirche zustehe, „diese definitiv und endgültig zu beurteilen.“

Messe man diesen Texten jedoch „eine verbindliche oder nahezu endgültige Bedeutung in Bezug auf heikle Fragen des Dialogs bei“, könne sich dies kontraproduktiv in Hinblick auf den „Weg zur vollen Einheit im Glauben“ auswirken.

Eine letzte, aber nicht minder wichtige Herausforderung für die ökumenische Bewegung bestehe in den „großen moralische Fragen hinsichtlich des menschlichen Lebens, der Familie, der Sexualität, der Bioethik, der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens.“ Auch zu diesen Themen sei es erforderlich, „mit einer Stimme“ zu sprechen und dabei aus der Heiligen Schrift und der „lebendigen Tradition der Kirche“ zu schöpfen.

„Indem wir die grundlegenden Werte der großen Tradition der Kirche verteidigen, verteidigen wir den Menschen, verteidigen wir die Schöpfung“, erklärte Benedikt XVI. weiter und befand zum Abschluss, dass die Einheit nicht nur Frucht des Glaubens sei, sondern auch Mittel und quasi Voraussetzung , um denjenigen, die noch nicht vom Erlöser wissen, auf immer glaubwürdigere Art und Weise den Glauben zu verkünden.“

[Übersetzung des italienischen Originals von Sabrina Toto]