Ökumene ist „Bekehrung zur Einheit in Christus“

Interview mit P. Johannes Paul Abrahamowicz, Prior in Sankt Paul vor den Mauern

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ROM, 23. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die Zeit sei gekommen, um vom gemeinsamen „Beten“ zum gemeinsamen „Beten und Handeln“ überzugehen, hebt P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB, Prior der Abtei Sankt Paul vor den Mauern, im vorliegenden ZENIT-Interview zur 100. Gebetswoche für die Einheit der Christen hervor.



Konkret ermutigt der Geistliche zur Förderung von wohltätigen Initiativen: damit der Welt jener Christus vergegenwärtigt werde, „der Mitleid hat mit allen Bedürftigen“. Außerdem beleuchtet er das Motto zur Weltgebetswoche, um schließlich auf das Paulus-Jahr (28. Juni 2008 - 29. Juni 2009) zu sprechen zu kommen.

Wie Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, Erzpriester der päpstlichen Basilika Sankt Paul vor den Mauern, am Montag im Vatikan ankündigte, werden die verschiedenen Programmpunkte während des Gedenkjahres eine ökumenische Ausrichtung haben. Dadurch wolle man die Angehörigen aller christlichen Kirchen und Konfessionen einladen, „sich dem Gebet um die Einheit aller Gläubigen des Mystischen Leibes Christi anzuschließen“. Alle Informationen zum Paulus-Jahr finden sich unter: www.annopaolino.org.

ZENIT: Am Freitag, dem Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, wird die 100. Gebetswoche für die Einheit der Christen zu Ende gehen. Was für ein Zusammenhang besteht zwischen Bekehrung und ökumenischem Fortschritt? Was kann uns der Völkerapostel diesbezüglich sagen?

P. Abrahamowicz: Seit 100 Jahren gibt es schon diese Gebetswoche, und es ist an der Zeit, vom gemeinsamen „Beten“ zum gemeinsamen „Beten und Handeln“ zu schreiten. Die Benediktiner von St. Paul vor den Mauern haben dieses Jahr ein bescheidenes, aber sinnvolles Zeichen gesetzt und gemeinsam mit der anglikanischen, der lutherischen und einigen orthodoxen Kirchengemeinden Roms die italienische Laienorganisation AIFO unterstützt, die sich zur Heilung von Lepra in aller Welt einsetzt.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, unabhängige ehrenamtliche Wohltätigkeitsinstitutionen gemeinsam mit der eigenen anderskonfessionellen Nachbarkirche zu unterstützen. Jedes Dorf in Europa kann das tun.

Das Ziel der Ökumene kann unmöglich die Ökumene selbst sein. Vielmehr sind wir gemeinsam dazu berufen, der Welt jenen Christus zu vergegenwärtigen, der Mitleid hat mit allen Bedürftigen: Der zerrissene Leib Christi muss wieder eins werden, um der Welt zeigen zu können, dass Christus ein Herz hat für die Armen, die Kranken, die Obdachlosen und auch für deinen sonst fröhlichen Nachbarn, dessen augenblickliches Leid du aber vielleicht besser gemeinsam mit einem anderskonfessionellem Mitmenschen lindern könntest. Das ist Bekehrung zur Einheit in Christus.

ZENIT: „Betet ohne Unterlass“, der Appell des Paulus an die Thessalonicher, gilt heute uns allen. Kann man das tatsächlich, ununterbrochen beten? Wie findet man von der Hektik und dem Lärm des Alltags in die Stille des Gebetes?

P. Abrahamowicz: Wie oft sprechen wir mit uns selbst! Manchmal sogar laut. In Wirklichkeit ist es nichts Anderes als „laut denken“. Beim Bügeln, beim Autofahren, in der U-Bahn, beim Abwaschen, ja sogar beim Zeitunglesen sprechen wir unsere Gedanken leise oder gar laut aus. Von früh bis spät denken wir und reden wir mit uns selbst, ohne Unterlass. Statt dass ich bloß zu mir selbst spreche, kann ich genauso auch zu ihm sprechen, zu Gott.

Er hört mir gerne auch bei den banalsten Dingen zu, ganz abgesehen davon, dass er meine Gedanken sowieso alle kennt, selbst wenn ich sie ihm verheimlichen wollte. Und während ich diese Zeilen schreibe, schmunzle ich darüber, dass er natürlich mitliest. So gesehen kann ich den ganzen Tag - zugegeben: in der Nacht ist es schwieriger... - meine Gedanken mit ihm teilen. Darunter mag auch manche Bitte vorkommen, manches Lob und viel Dank!

ZENIT: Ihre Abtei bereitet sich intensiv auf das Paulus-Gedenkjahr vor. Was werden die wichtigsten Feiern sein, und was erhoffen Sie sich ganz persönlich von diesem besonderen Jubiläumsjahr?

P. Abrahamowicz: Eine große Feier findet am 25. Januar 2008 statt: Papst Benedikt XVI. besucht eine seiner vier Päpstlichen Kirchen, Sankt Paul vor den Mauern, und betet am Paulusgrab gemeinsam mit allen, die sich dazu einfinden wollen.

Viele Gläubige und Vertreter anderer christlichen Konfessionen haben ihr Kommen zugesagt, darunter der griechisch orthodoxe Metropolit von Italien und Malta, Erzbischof Gennadios; der anglikanische Vertreter des Erzbischofs von Canterbury beim Heiligen Stuhl und Rektor des anglikanischen Zentrums in Rom, Bischof John Flack; der Generalsekretär der Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, Samuel Kobia; der Erzbischof von Dublin, Msgr Diarmud Martin, und der Metropolit von Targoviste in Rumänien, Bischof Nifon.

Eine sehr wichtige Feier wird die Eröffnung des Paulus-Jahres am Vorabend des großen Apostelfestes zur Vesper am 28. Juni 2008 sein. Des Weiteren gibt es viele Veranstaltung auf religiösem und kulturellen Gebiet, zum Beispiel die Aufführung eines musikalischen Glaubenstheaters „Il Figlio di Dio“, bei dem Saulus durch die Betrachtung des Sohnes Gottes, der bereits im Alten Testament ausdrücklich erwähnt wird, zum Paulus wird (vgl.: Hymnus). Chöre aus aller Welt und allen Konfessionen sind zu diesem ökumenisch-künstlerischen Abenteuer eingeladen.

Das persönliche Bekehrungserlebnis ist intim; andererseits verbindet es Menschen auf globale Weise und überschreitet sogar zeitliche Grenzen. Die Herausforderung, auf die wir uns meiner Meinung nach in diesem Paulus-Jahr einlassen sollten, ist, die Einheit all jener zu entdecken, die so wie Saulus von Gott zu Boden geworfen werden und - vom Anblick des auferstandenen Jesus ergriffen - alle Angst dieser Welt abschütteln können, bis sie in Wort und Tat das Bekenntnis des Auferstandenen sogar der Angst vor dem eigenen Tod bevorzugen.

[Das Interview führte Dominik Hartig]