Ökumene: Voneinander lernen

Interview mit Prof. Dr. Vladislav Cypin (Владислав Цыпин)

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WIEN, 27. November 2008 (ZENIT.org).- Für orthodoxe Wissenschaftler und Studenten sei es von großem Nutzen, die großen Errungenschaften der Kirchen des Westens im Bereich der Theologie kennenzulernen, erklärte der russisch-orthodoxe Professor für Kirchenrecht an der Moskauer Geistlichen Akademie, Pater Vladislav Cypin.

Andererseits könnten sich Katholiken durch die „Ehrfurcht vor dem Heiligen" der russischen-orthodoxen Frömmigkeit bereichern. „Mit der Ehrfurcht vor dem Heiligen wächst der Respekt vor der Würde des Menschen", so Pater Cypin, der als Erzpriester der Diözese Moskau, sowie als stellvertretender Leiter des Bildungskomitees der Russischen Orthodoxen Kirche und als Vorsitzender der historisch-rechtlichen Kommission des Moskauer Patriarchats tätig ist.

Im Rahmen des Symposiums „Das Studium der Theologie angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - aus der Perspektive der orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirche", das von der katholisch-theologische Fakultät der Universität Wien vom 6. bis zum 8. November veranstaltet wurde, sprach Pater Sebastian Hacker OSB für ZENIT mit Pater Cypin über die Beziehungen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche.

Welche Bedeutung sehen Sie im wissenschaftlichen Austausch zwischen Fakultäten verschiedener Kirchen?

Professor Cypin: Die ökumenische Ebene bringt eine Horizonterweiterung. Die Kirchen des Westens haben große Errungenschaften in der theologischen Wissenschaft. Für orthodoxe Wissenschaftler und Studenten ist es von Nutzen, diese Errungenschaften zu kennen. Außerdem geben solche Kontakte den orthodoxen Teilnehmern die Möglichkeit zum Zeugnis über die Orthodoxie.

Welche Themen sind ihrer Meinung nach für ökumenische Gespräche geeignet?

Professor Cypin: Alle wichtigen Fragen, die die Einstellung der Christen und der christlichen Kirchen zur modernen Welt angehen, sollen im ökumenischen Gespräch behandelt werden - zum Beispiel die Menschenrechte für ungeborene Kinder.

In Wien sind die Orthodoxen die zweitgrößte Konfession. Welche Bedeutung hat Österreich für Sie?

Professor Cypin: Österreich war in der Vergangenheit ein großes Reich, dessen Situation dem multiethnischen und multikonfessionellen Russischen Reich ähnelte. Im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Beziehungen zwischen den zwei Reichen freundschaftlich und zwischen ihren Kaisern in bestimmten Perioden sogar brüderlich. Ich denke dabei an den Wiener Kongress von 1815. Heute ist Wien eine westeuropäische Hauptstadt, wo besonders viele Orthodoxe ihre neue Heimat gefunden haben.

Patriarch Alexeij II. wird noch vor Weihnachten, am 20. Dezember, in Wien erwartet. Welche Erwartungen setzen Sie in seinen Besuch?

Professor Cypin: Ich erwarte eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Russland und Österreich und zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche. Durch diesen Besuch können Österreicher die russisch-orthodoxe Mentalität und Erfahrung kennen lernen, wie auch den Reichtum der orthodoxen, byzantinischen Liturgie. Besonders wichtig sind dabei die Märtyrer und Glaubenszeugen unserer Kirche im 20. Jahrhundert.

Worin zeichnet sich die russische Frömmigkeit aus?

Professor Cypin: Die Ehrfurcht vor dem Heiligen ist ein wesentliches Element der russisch-orthodoxen Frömmigkeit. Mit der Ehrfurcht vor dem Heiligen wächst der Respekt vor der Würde des Menschen. Das gilt vom ersten Augenblick des Lebens bis zum Tod und über den Tod hinaus. Die moderne Wissenschaft vergisst, dass der Mensch zum ewigen Leben geschaffen ist.

Worin sehen Sie die Prioritäten der Theologie?

Professor Cypin: Für die Theologie der orthodoxen Kirche ist es besonders wichtig, dass sie das Erbe der Kirchenväter des ersten Jahrtausends authentisch überliefert. Dieses Erbe muss in die Sprache von heute übersetzt werden. Es zeigt uns Lösungswege für aktuelle Probleme.