Ökumene zwischen unaufgebbarer Hoffnung und aktiver Geduld

Predigt von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz

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BONN, 20. März 2011 (ZENIT.org/dbk.de).-"Wir müssen miteinander auf dem Weg bleiben", so das Fazit von Kardinal Lehmann mit Blick auf die Ökumene. "Wir haben das Ziel noch nicht erreicht, auch wenn man dieses nicht in einer Uniformität sieht, die die wahren Reichtümer der einzelnen Kirchen erdrückt".

Leider hätte man in bioethischen Fragen im Blick auf den erreichten Konsens Einbußen erlitten, beklagte er.

Wir veröffentlichen die vollständige Ansprache:

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Predigt von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz,
während der Frühjahrs-Vollversammlung der DBK in Paderborn am 16. März 2011

Ökumene als Gebot des Herrn zwischen
unaufgebbarer Hoffnung und aktiver Geduld

Nicht zufällig ist im Hohepriesterlichen Gebet Jesu für die Jünger und für alle Glaubenden (vgl. Joh 17,9 ff., 20 ff.) der Ton der Bitte Jesu geradezu flehentlich: „Heiliger Vater bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast ... Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst ... Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast." (17,6.9.11.15.21) Immer wieder gab es Versuche, die zerrissene Einheit wiederzugewinnen. Dies ging nicht ohne Schuldbekenntnis. Ich denke an Papst Hadrian VI. (1522-1523), der mitten in der Reformation ein besonders ergreifendes Bekenntnis abgelegt hat: „Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen ist: Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen der Gebote, ja, das alles sich zum Ärgern verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat. Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Wege abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat."

Große Denker und Theologen, wie Leibniz und Calixt, schufen Pläne, wie die Einheit der Kirche wiederzugewinnen sei. Im 19. und im frühen 20. Jahrhun­dert haben gerade auch Studenten, aber auch Menschen in der Mission und inmitten des Unfriedens und der Unversöhnlichkeit der Kriege die Sehnsucht nach einer wahren Einheit unter den getrennten Christen besonders empfunden. Daraus ist dann im Lauf der Zeit der Ökumenische Rat der Kirchen entstanden. Die Antwort unserer Kirche war schließlich das Zweite Vatikanische Konzil, nicht zuletzt das Ökumenismus-Dekret. Viele Bemühungen um die „Una Sancta" der vergangenen Jahrzehnte sind darin eingegangen, nicht zuletzt aus unserem Land.

Nun sind es bald 50 Jahre her, dass nach dem Konzil eine besonders intensive Phase des ökumenischen Dialogs begann. Ich habe immer wieder das Empfinden, dass wir allzuschnell vergessen, welche wichtigen Schritte eines besseren Verständnisses und der Versöhnung wir in diesen fast fünf Jahrzehnten gehen durften. Wenn man daran denkt, dass wir 450 Jahre im Blick auf unsere reformatorischen Schwestern und Brüder in der Trennung lebten und was wir heute gemeinsam sagen und tun können, dann grenzt dies wirklich an ein Wunder. Wir wollen uns heute bei diesem Studientag der deutschen Bischöfe über den Stand der Ökumene an die wichtigsten Phasen dieses Weges erinnern und, wenigstens für uns selbst, eine gewisse Zwischenbilanz durchführen.

Es besteht nämlich gewiss die Gefahr, dass wir oft nicht mehr wissen, was uns schon gelungen ist. Deswegen gibt es von verschiedener Seite den Vorschlag von so genannten „In-via-Erklärungen", in denen man miteinander verbindlich festhält, was wir schon gemeinsam an Einsichten gewonnen haben und worin noch Aufgaben bestehen.

Ökumenische Arbeit kann, wenn man zu Gemeinsamkeiten findet, Freude bereiten, aber es ist auch ein hartes Brot. Man darf bei aller Treue zu sich selbst und zur eigenen Kirche nicht an dem, wie es bisher war und wie man es gewohnheitsmäßig auffasste, hängen bleiben, sondern muss gerade angesichts der Herausforderungen durch die getrennten Christen über sich hinauswachsen, freilich ohne den Boden unter den eigenen Füßen zu verlieren.

Zu diesen inneren Gefährdungen gehört gewiss die Versuchung, die Hindernisse der Trennung durch fragwürdige Kompromisse zu überwinden. Zwar muss es immer wieder die Suche geben nach einer Übereinkunft und einem Konsens, selbst wenn dieser (noch) nicht vollständig ist. Aber wir dürfen uns nicht der Illusion ausliefern, als ob die Übereinstimmung um jeden Preis geschehen dürfte. Wir wollen keine farblose, abstrakte Wahrheit, die niemand weh tut.

Manchmal droht die Gefahr, dass wir profillos werden. Freilich ist es mit dem zu schärfenden Profil in der Ökumene so eine Sache. Wir brauche im Gegenüber jeweils ein konkretes Gesicht. Wir dürfen nicht alles Sperrige abschleifen. Auf der Suche nach dem, was unsere Identität ausmacht, kommen wir freilich manchmal in die Versuchung, unter Umständen auch kleine Differenzen zu übersteigern. Es bleibt eine große Aufgabe, das wirklich Gemeinsame und das jeweils Eigene zusammenzubringen. In diesem Sinne geht es immer um Einheit in der Vielfalt. Dabei müssen wir beachten, wo die Verschiedenheit wegen der grundsätzlichen Bedeutung kirchentrennend ist und wo sie Ausdruck lebendiger Vielfalt ist und also auch bleiben kann.

Unter den Gefährdungen, die wir vermeiden müssen, gibt es auch die Müdigkeit und die Kapitulation vor dem unentwegten Bemühen in der Suche nach gemeinsamer Wahrheit. Es scheint mir, dass dies heute eine besondere Gefahr ist. Wir haben viel erreicht. Aber man hat auch die Sorge, dass man gerade durch eine gelungenen Ökumene in seinem unverwechselbaren Proprium aufgesogen wird. Es käme ja im Grunde eigentlich nur noch auf die wechselseitige Zulassung zum Herrenmahl an, einmal abgesehen von den Fragen des Papsttums. Es bleibe am Ende doch nichts anderes übrig als die Annahme des Partners, so wie er eben ist. Diese De-facto-Anerkennung ist eine große Versuchung, die sich heute immer stärker ausbreitet, leider manchmal auch in der Theologie. Sie scheint mir manchmal eine Verzweiflung an der gemeinsamen Suche nach Wahrheit zu sein. Wir wollen bestimmt fruchtbare und segensreiche Errungenschaften der einzelnen Kirchen nicht verlieren. Aber wir wollen uns auch miteinander von vorne, von Jesus Christus her zu einer größeren Gemeinschaft mit ihm hin verändern und verwandeln lassen. Es ist zu wenig, wenn wir nur bleiben, wie wir sind.

Wir müssen miteinander auf dem Weg bleiben. Wir haben das Ziel noch nicht erreicht, auch wenn man dieses nicht in einer Uniformität sieht, die die wahren Reichtümer der einzelnen Kirchen erdrückt. Gerade in unserem Land haben wir in der Ökumene auch viele gemeinsame Zeugnisse erarbeitet zur Gestaltung des sozialen und gesellschaftlichen Lebens. Dabei war es über lange Zeit ein besonderes Glück, dass wir, gemeinsam auch in den „Wochen für das Leben", eine hohe Gemeinsamkeit im Schutz des Lebens und in den bioethischen Grundfragen erreicht haben. Wir sind dankbar, dass wir jetzt diese Gemeinsamkeit in der Vorlage zur Patientenvorsorge festhalten konnten. Aber in anderen bioethische Fragen haben wir auch im Blick auf den erreichten Konsens Einbußen erlitten.

Alle haben Fehler gemacht, auch wir Katholiken. Wir müssen beieinander bleiben. Wir müssen uns auch stets bewusst bleiben, dass die wahre Einheit im Geist bei aller Anstrengung nicht unser Produkt, sondern zuerst ein Geschenk des Herrn ist. Auch ist und bleibt das Gebet um die Einheit die erste Aufgabe aller ökumenischen Bemühungen. Wir können gewiss auch noch mehr tun in der gemeinsamen Sorge um die Armen und Bedrängten, nicht nur in der weiten Welt, sondern auch bei uns. Oft schauen wir auf das, was amtlich in unseren Kirchen erlaubt oder verboten ist. Wir können aber noch viel mehr tun, wozu wir völlig frei sind, eben z. B. das gemeinsame Gebet, die Lesung und Auslegung der Heiligen Schrift. Wir haben auch manches erreicht, mit dem wir nicht genügend wuchern. Ich denke z. B. an die Gemein­samkeit und Übereinkunft zu den Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre vom 31. Oktober 1999 in Augsburg. Ähnliches gilt für die ökumenische Taufanerkennung von Magdeburg am 29.4.2007.

Mein eigenes ökumenisches Engagement wurde immer wieder durch den Blick auf die Menschen in einer bekenntnisverschiedenen bzw. bekenntnisverbindenden Ehe gestärkt, obgleich ich in meiner Familie kein Beispiel dafür hatte. Wir dürfen zwei Menschen, die in der dichtesten menschlichen Gemeinschaft aus dem christlichen Glauben leben und auch ihre Kinder erziehen wollen, ohne eigene Schuld aber im Glauben getrennt sind, nicht allein lassen. Die Sorge für sie muss in der Ökumene immer wieder inspirieren und ermutigen. Deswegen wollen wir nicht über die Stränge schlagen und z. B. in Ungeduld das Herrenmahl gemeinsam begehen, wo eben noch manches leider ungeklärt ist. Aber wir freuen uns auch an kleinen Schritten, die uns noch näher zusammenführen. Die Freude an der gefundenen, größeren Wahrheit ist mit Gottes Gnade der schönste Lohn und der stärkste Motor für unsere ökumenische Hoffnung, die auch deshalb nicht zur Schande werden darf, weil sie zum Vermächtnis unseres Herrn für seine Kirche gehört. Amen.