Ökumenischer Patriarch: Assisi muss den interreligiösen Dialog wiederbeleben

Bartholomaios I. über die Zusammenhänge des 11. September

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ROM, 25. Januar 2002 (ZENIT.org-Avvenire).- Er war einer der ersten, der begeistert und überzeugt auf die Einladung des Papstes nach Assisi reagiert hat. Seine Heiligkeit, Patriarch Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, seit 11 Jahren geistiges Oberhaupt von 270 Millionen Orthodoxen, die ihn als "Primus inter pares" unter den Patriarchen verehren.



Mit seinen 62 Jahren und dem langen Bart lässt er keine Gelegenheit aus, mit den anderen Kirchen in Dialog zu treten, insbesondere mit der katholischen Kirche. "Der Papst und ich sind gute Freunde" pflegt er zu sagen.

Heiligkeit, was hat sie bewogen, nach Assisi zu kommen?

Bartholomaios I.: Mit Freuden habe ich als erster Bischof der Orthodoxie und Primas des Ökumenischen Thrones auf die brüderliche Einladung des römischen Papstes Johannes Paul II. reagiert, die im Einklang steht mit dem dringendsten Imperativ unserer Epoche. Alle, die Gott achten und den Menschen lieben, müssen bereit sein, selbst Zeugnis abzulegen für den Frieden, gemeinsam für ihn zu ringen. Unsererseits haben wir schon lange diesen Weg eingeschlagen. Wir betrachten dies als unsere Pflicht und erfüllen sie mit Freuden hier in Assisi, wo wir den Glauben und die Hoffnung der Orthodoxen Kirche bezeugen wollen.

Besteht nach dem 11. September das Risiko eines Zivilisationskonfliktes, bei dem die Religion der Grund ist, und wie kann man so etwas vermeiden?

Bartholomaios I.: Schaut man genau hin, so ist das nichts neues. Die Debatte über den Zivilisationskonflikt wird seit Jahren geführt. Der 11. September hat das nur auf tragische Weise hervorgehoben durch den grausamen Anspruch, den Terrorismus mit einem religiösen Glauben zu verbinden. Um gegen derartige Verirrungen vorzugehen, müssen wir gemeinsam auf dem Weg des brüderlichen Zusammenlebens, der Liebe und des Friedens wandeln. Doch das erfordert wiederum einen Mentalitätswandel, wobei man mit Anschauungen und Praktiken der Vergangenheit brechen muss. Vor allem erfordert das Reue und Vergebung.

Es wird viel über den Dialog mit dem Islam diskutiert. Wie soll man da einen Anfang setzen?

Bartholomaios I.: Der interreligiöse Dialog ist heute nötiger denn je. Die nach dem 11. September entstandene Situation muss zu einem Dialog mit dem Islam führen, der auf Verantwortungsbewusstsein, Aufrichtigkeit und gegenseitiger Achtung gründet. Es handelt sich hier um wesentliche Bedingungen für einen Dialog.

Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel befindet sich heutzutage auf islamischem Territorium. Was glauben sie, könnten sie mit einem solchen Erfahrungshintergrund den Christen im Westen raten für ihren Umgang mit der Anwesenheit muslimischer Gläubigen?

Bartholomaios I.: Ihr Menschen aus dem Westen erweckt den Eindruck, als hätte euch die islamische Präsenz überrascht und oft reagiert ihr verwirrt und verkrampft. Wir im Ökumenischen Patriarchat und überhaupt die Christen im Orient haben hingegen eine lange Erfahrung. Wir haben eine Geschichte der Koexistenz mit dem Islam, die seit seinem Entstehen ununterbrochen ist. Diese Koexistenz war nicht immer und überall friedlich, nicht einmal heutzutage. Doch trotz allem können wir sagen, dass es eine Koexistenz war und ist. Seit dem byzantinischen Reich hat das Ökumenische Patriarchat den theologischen Dialog mit dem Islam gesucht. Doch gibt es auch einen existenziellen Dialog, der im Alltag von Menschen verschiedener Glaubensrichtungen geführt wird. Ich glaube, der Westen kann in Sachen Dialog und interreligiöse Koexistenz von der Erfahrung des Ostens etwas lernen.

Wie beurteilen sie den Krieg gegen den Terrorismus nach den Terroranschlägen in den USA?

Bartholomaios I.: Terrorismus und Krieg stellen in jeder Form und aus welchem Grund auch immer stets eine Tragödie dar. Das Böse, was sich seit dem 11. September entfesselt hat, kann eine unendliche Kette weiterer Übel hervorrufen. Doch wir Christen wissen, dass das Böse nicht durch das Böse besiegt werden kann.

Was meinen Sie damit?

Bartholomaios I.: Ich meine damit vor allem, dass der Tragödie nicht vorgebeugt wurde. Vielleicht hat man nicht alles getan. Auch die Diagnose und angewandte Therapie gehen die Wurzel des Übels nicht an, die Ursachen, welche den Terrorismus begünstigt haben. Solche Unterlassungen werden künftig nicht verziehen werden.

Kann das Treffen von Assisi den interreligiösen Dialog besonders zwischen Christentum, Judentum und Islam wieder anfachen?

Bartholomaios I.: Das ist unsere große Hoffnung. wir hoffen, dass der Gebetstag für den Frieden den Willen zur Zusammenarbeit all derer fördert, die daran teilnehmen.

Wie steht es um den ökumenischen Dialog? Hat der Besuch des Papstes in Griechenland und der Ukraine den Dialog einen Schritt weiter gebracht?

Bartholomaios I.: Der ökumenische Weg hat viele Früchte gebracht, ist aber noch so weit, auf starke und sichtbare Weise die Einheit der Christen zu manifestieren, so dass sie auch von der Welt erkannt wird. Das gilt auch für den Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken. Man muss den ökumenischen Impuls einfach wieder anfachen. Unter diesem Aspekt sind die Reisen Johannes Pauls II. sicherlich ein großes Zeugnis für den Wunsch nach Einheit.