„Ontogenese und das Leben des Menschen” – Wissenschaft, Theologie und Philosophie im Dialog

Vorstellung des zweiten internationalen STOQ-Kongresses im Vatikan

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ROM, 6. November 2007 (ZENIT.org).- Vom 15. bis zum 17. November wird am Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum der Kongress „Ontogenese und das Leben des Menschen“ stattfinden. Der Kongress ist der zweite einer Reihe von internationalen Tagungen, die im Rahmen des Projektes STOQ („Science, Theology and the Ontological Quest – Wissenschaft, Theologie und die ontologische Frage“) abgehalten werden.



Das STOQ-Projekt wurde 2003 von zwei Päpstlichen Universitäten (Lateranense, Gregoriana) und vom Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum gegründet; es beteiligen sich zudem die Päpstlichen Universitäten San Tommaso d’Aquino, Salesiana und Santa Croce. Die Koordinierung des Projekts obliegt dem Päpstlichen Rat für die Kultur und der US-amerikanischen „John Templeton Foundation“, die das Projekt mit Hilfe weiterer italienischer und internationaler Sponsoren finanziert. Ziel des Projekts ist es, den Dialog zwischen Philosophie, Theologie und Wissenschaften weiterzuentwickeln, um die christliche Sicht der Welt, des Menschen und der Gesellschaft mit den wichtigsten Herausforderungen zu konfrontieren, die sich auf theoretischem, ethischem und kulturellem Feld aus der aktuellen Entwicklung der Wissenschaften ergeben.

In einem Schreiben, dass zur heutigen Pressekonferenz über das Projekt veröffentlicht wurde, betont der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, Erzbischof Gianfranco Ravasi, dass sich die Arbeiten auf drei Ebenen vollziehen: der Lehre, der Forschung und der öffentlichen Verbreitung der Arbeitsergebnisse. Die Tragweite des Projekts habe somit nicht nur akademischen Charakter und könne zu einem Mentalitätswechsel seitens der Theologie und Philosophie gegenüber den Wissenschaften beitragen sowie den Dialog zwischen der Kultur des Glaubens und der Kultur der Wissenschaft fördern.

Wissenschaft und Theologie behandelten in ihrer je eigenen Weise die spezifischen Probleme. Erzbischof Ravasi bekräftigte, dass das, was die katholische Kirche als „unverhandelbare Prinzipien“ betrachtet, keine Abschottungsfunktion gegenüber einem umfassenden Dialog mit den Wissenschaften erfülle. Vielmehr müsse darauf hingewiesen werden, dass die Kenntnis und Anerkennung der jeweiligen Kompetenzen und wissenschaftlich begründeten Methoden zu einem fruchtbaren Dialog führen können. Mit einem Wort des Philosophen Schellings wies der Kurienerzbischof darauf hin, dass es wichtig sei, „keusch die eigenen Grenzen zu hüten“, das heißt: Jeder müsse die Legitimität der Grenzen des anderen anerkennen. Aus diesem Grund sei die zweite Ebene des STOQ-Projekts – die Forschung – von entscheidender Bedeutung. Hier gehe es darum, die Argumente der anderen aufmerksam zu verfolgen und ihre Gründe zu vernehmen – jeder innerhalb der legitimen Autonomie seiner ihm eigenen Aufmerksamkeit.

Erzbischof Ravasi kündigte an, dass die dritte STOQ-Tagung im Frühjahr 2009 stattfinden werde, anlässlich des 200. Jahrestages der Geburt von Charles Darwin und des 150. Jahrestages der Veröffentlichung seines Hauptwerkes „Der Ursprung der Arten“. Deshalb werde sie auch dem Problem der Evolution gewidmet sein. Die Ausrichtung der internationalen Begegnung mit dem Titel „Evolution und Evolutionstheorien“ wird die Päpstlichen Universität Gregoriana übernehmen.

Zur Ontogenese des Menschen, dem Thema der diesjährigen Tagung, erklärte Erzbischof Ravasi, dass sie innerhalb der Reflexion des anthropologischen Modells der großen Tradition, innerhalb des „großen Codes“ der Interpretation des Menschseins angesiedelt sei. Dieses Modell könne mit zwei Schriftworten abgezeichnet werden: Gen 1,27 stelle den Menschen als „Bild Gottes“ vor, geschaffen als Mann und Frau und somit ein Wesen, das sich in seiner Zweigeschlechtlichkeit durch Dialog, Liebe und Fruchtbarkeit auszeichne. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen führe zu einem Verständnis des Menschen als Wesen, das nur dann vollständig ist, wenn es in Beziehung treten kann. Gen 2,7 hingegen zeige den Menschen als Licht, das das Dunkel zu erleuchten vermag.

Professor Pietro Ramellini, Dozent am Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum (Master „Glauben und Wissen“), betonte, wie wichtig es sei, den Begriff des „Genese“ zu betrachten. Der biologische Begriff Ontogenese, mit dem die Entstehung eines Lebewesens und seine Entwicklung bis hinein ins Erwachsenenalter beschrieben wird – im Besonderen die Ontogenese des Menschen und der weitere Begriff der Genese als solcher –, zählt nach Worten Ramellinis zu den größten Problembegriffen, die „wie ein unterirdischer Fluss alle unsere kulturellen Bereich durchfließen“.

Der Begriff der Genese sei die Grundlage aller theoretischen und praktischen Disziplinen der menschlichen Erkenntnis. Für Ramellini ist die Bedeutung des Begriffs der Genese in der Biologie heute weithin unterbewertet. Gleichzeitig sei die Gefahr gegeben, dass unzulässige Kausalzusammenhänge aufgestellt werden, wie dies in der Vergangenheit mit dem Vergleich der Ontogenese (Entwicklung eines Individuums) mit der Phylogenese (Evolution der Art) der Fall gewesen sei.

Der Kongress ziele darauf ab, als intellektueller Ort der Begegnung zwischen hoch qualifizierten wissenschaftlichen Experten aus verschiedenen Bereichen zu dienen. Zudem solle die Veröffentlichung der Kongressakten zu einer Vertiefung der Problematik beitragen. Ebenso solle eine Methode der interdisziplinären Arbeit vorgeschlagen werden, die in der Lage sei, die Komplexität und Bandbreite der auf dem Spiel stehenden Probleme zu ermessen. Hauptziel sei die Suche nach einen furchtbaren und konstruktiven Dialog zwischen Disziplinen, die erkenntnistheoretisch von einander entfernt sind und manchmal wenig zu einem Ideen- und Meinungsaustausch neigen.

Die Tagung gliedert sich in vier thematische Bereiche, in denen biologische, biomedizinische, philosophische und theologische und bioethische sowie juridische Aspekte der Ontogenese des Menschen behandelt werden. Die Idee zu dieser Thematik habe sich aus der Bedeutung ergeben, die im aktuellen Moment dem Thema der Entwicklung des Menschen zukommt. Insbesondere die Frage der Identität und des ontologischen Status des Embryos habe zu zahlreichen und drängenden bioethischen Debatten geführt, die Auswirkungen auf das soziale Leben vieler Nationen haben.

Besonders hervorzuheben sei laut Ramellini das vom STOQ-Projekt unternommene Bemühen, Tätigkeiten verschiedener kirchlicher und staatlicher Universitäten in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Akademie für das Leben und dem Päpstlichen Rat für die Kultur zu koordinieren.

Giuseppe Noia, Professor für pränatale Medizin an der Katholischen Universität Sacro Cuore, hob hervor, dass die medizinische Wissenschaft selbst umfangreiche Belege für den besonderen und nicht reduzierbaren Status des Embryo als relationales Wesen liefere, der mit der Mutter zusammen ein „Protagonist“ ist. Der Embryo sei nicht passiv, unterstrich Noia. „Er ist ein Orchesterdirektor seiner Anlage und seines Schicksals.“ Die Relationalität des werdenden Lebens stelle seine wesentliche Charakteristik dar und bestimme sein gesamtes Sein in Gegenwart und Zukunft.