Ontologie der Grammatik: Robert Spaemann denkt den „letzten Gottesbeweis“

Von Alexander Riebel

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WÜRZBURG, 9. Oktober 2007 (Die-Tagespost.deZENIT.org).- Gottesbeweise sind heute ein seltenes Thema geworden. Und die Beweisführung noch seltener als ihre Lektüre. Gott steht nicht mehr im Mittelpunkt des theoretischen Interesses der Philosophie, wie es im Mittelalter noch selbstverständlich war. Sollte nun ein heutiger Gottesbeweis diese geistige Lage mit einbeziehen, oder spielt sie keine Rolle? Die Frage ist also, ob sich heute bruchlos am Mittelalter anschließen lässt, oder ob die nicht-metaphysische Neuzeit die Gottesbeweise in eine neue Argumentationslage bringt.



Robert Spaemann ist einen neuen Weg gegangen, um seinen Gottesbeweis zu formulieren. Im Mittelpunkt stehen die Idee und Notwendigkeit des Gottesbeweises, denn es ist klar, dass es ohne die Annahme der Existenz Gottes keine Wahrheit und auch keinen Sinn mehr gibt. Die Existenz Gottes ist also auch unbestreitbar evident. Schon allein das Sinnvakuum der heutigen Spaßgesellschaft ist für Spaemann ein Hinweis darauf, dass diese Weltsicht kein Ausweg ist. Aber Spaemann knüpft nicht an den komplexen Argumentationsstrukturen des Mittelalters an. Er will die Kritiken der Neuzeit umgehen und eine gegen sie resistente Lösung anbieten. Darum hat er die stärksten Positionen endlichen Denkens, Kant und Nietzsche, berücksichtigt und deren Konsequenzen, die er in der Verflachung des Geistigen bis ins Nihilistisch-Spaßhafte unserer Tage sieht.

Die Entwicklungen in der Neuzeit konnten den Glauben an Gott nicht wirklich erschüttert. Und anstatt diese Entwicklungen zu übergehen, bezieht sie Spaemann sogar in die Darstellungsform seines Textes ein. „Der letzte Gottesbeweis“ ist ein vielschichtiger Essay, der von alltäglichen Beobachtungen bis zu philosophischen Reflexionen führt.

Im absoluten Bewusstsein

Die Grundfrage bei den Gottesbeweisen in den Begriffssystemen der Philosophie war schon immer, ob es einer Realität entspricht, wenn wir von Gott sprechen. Können wir Gott nicht nur glauben, sondern auch wissen? Dass es Gott gibt, sagt der Glaube schon vor aller wissenschaftlichen Forschung, sie wird ihn nicht finden: „Schöpfung ist kein Ereignis, auf das wir beim Studium der Geschichte des Kosmos einmal stoßen werden“, schreibt Spaemann. Der Fortschritt der Wissenschaft gehöre gerade zu den Ursachen, die das „Gerücht von Gott“, das es seit jeher gegeben hat, verdrängen. Dabei ist nicht die Wissenschaft das Problem, sondern das wissenschaftliche Weltbild, das zum „Aberglauben der Moderne“ führte. Wer aber an Gott glaubt, der glaubt an eine „fundamentale Rationalität der Wirklichkeit“. Und nur diese erweiterte Vernunft ist in der Lage, Schöpfer und Schöpfung zu verstehen: „Die Alternative lautet also nicht“, schreibt Spaemann, „wissenschaftliche Erklärbarkeit der Welt oder Gottesglaube, sondern nur so: Verzicht auf Verstehen der Welt, Resignation der Vernunft oder Gottesglaube.“

Die klassischen Gottesbeweise erklärt Spaemann insgesamt für logische Zirkel, sie seien eine petitio principii (erschlichene Beweise), weil sie mit der Annahme der rationalen Struktur der Schöpfung das voraussetzen, was sie beweisen wollen, nämlich Gott. Andererseits hält Spaemann nicht viel von der These, dass diese Beweise grundsätzlich strittig sind. „Würde von Beweisen in der Mathematik eine radikale Entscheidung über die Orientierung unseres Lebens abhängen, dann wären auch diese Beweise strittig.“ Glaube sei nach Paulus vielmehr „vernünftiger Gehorsam“. Diese Vernünftigkeit, die auch die Quelle eines sinnvollen Lebens mit Gott ist, war immer auch die Voraussetzung, mit der die Philosophie Sinnfragen gestellt und Gott bewiesen hat. Diese Voraussetzung haben nach Spaemann Meinung Kant und Nietzsche bestritten. Zwar ist die Welt Kants durchaus rational verstehbar, Spaemann kritisiert jedoch dessen Einschränkung der theoretischen Vernunft auf das Prinzip der Gegenstandsbestimmung, wodurch die Vernunft zur endlichen wird und zur Erkenntnis Gottes nicht mehr taugt. Gott ist bei Kant nur noch Thema der praktischen Philosophie. Spaemanns Kritik an Nietzsche ist noch wesentlich entschiedener. Der habe den „entscheidenden Schlag“ gegen die rationale Voraussetzung der Gottesbeweise geführt, gegen die vernünftige Struktur der Welt. Wahrheit gebe es für Nietzsche deshalb nicht, weil er die Existenz Gottes bestritten habe. Darum bleiben nur noch subjektive Perspektiven übrig. Nietzsche selbst, so zeigt Spaemann, hat also den untrennbaren Zusammenhang zwischen Gott und Wahrheit selbst gezeigt: „Wir wissen nicht“, schreibt der Autor, „wer wir sind, ehe wir wissen, wer Gott ist, aber wir können nicht von Gott wissen, wenn wir die Spur Gottes nicht wahrnehmen wollen, die wir selbst sind, wir als Personen, als endliche, aber freie und wahrheitsfähige Wesen.“ Die „Spur Gottes“ ist für Spaemann der Mensch, der es auch wollen muss, Spur zu bleiben. Wenn er sich aber nicht mehr zur Wahrheit erheben kann und sich stattdessen für ein evolutionäres Anpassungsprodukt hält, als Maschine zur Verbreitung seiner Gene, dann verliert auch die Gottesebenbildlichkeit ihren Sinn, die gerade heute von höchster Bedeutung ist, wie der Autor hervorhebt.

„Ohne Gott keine Wahrheit“ heißt auch, von der Wahrheit führt ein Weg zu Gott: „Von etwas zu sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. In diesem Sinne ist jede Wahrheit ewig.“ An diese Zeitstruktur bindet Spaemann seinen Gottesbeweis. Das „Futurum exactum“ – „Wir werden gewesen sein“ – ist für uns denknotwendig mit dem Präsens verbunden, und das Präsens bleibt immer wirklich und wahr. Als solches kann die Gegenwart auch immer erinnert werden; selbst wenn die Erde einmal nicht mehr da ist, verliert die Wahrheit dennoch nicht ihren Sinn. Spaemann macht das völlig klar: „Von welcher Art ist diese Wirklichkeit des vergangenen, das ewige Wahrsein jeder Wahrheit? Die einzige Antwort kann lauten: Wir müssen ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein. Kein Wort wird einmal ungesprochen sein, kein Schmerz unerlitten, keine Freude unerlebt.“ So müssen wir nach Spaemann mit dem Futurum exactum auch das „Postulat des wirklichen Gottes“ denken.

Auch dieser Beweis ist ein Zirkel, der von der Vernünftigkeit der grammatischen Form ausgeht und diese Vernünftigkeit mit derjenigen Gottes begründet. Aber das stört nicht weiter, weil der Zirkelschluss hier nicht das entscheidende Prinzip ist, sondern die Ontologie. Spaemann spricht ja von ewigen Wahrheiten und davon, dass das Futurum exactum nie seinen Sinn verlieren kann, auch wenn niemand mehr da ist, der es ausspricht. Durch die Existenz Gottes, sein „Bewusstsein“, sind in der Schöpfung alle ewigen Wahrheiten aufgehoben.

Auch wenn Nietzsche einen ähnlichen Ausdruck gebraucht, das Dasein sei ein „ununterbrochenes Gewesensein“ („Unzeitgemäße Betrachtungen“ II,1), so ist der Beweis für Spaemann doch „nietzsche-resistent“, gerade weil Nietzsche den Glauben an die Grammatik verworfen hat, den er für den Ursprung des Glaubens an Gott hält. Spaemann sieht die Grammatik aber als Zugang für die Beziehung zwischen Schöpfung und Schöpfer.

Einen ausführlichen Kommentar zum Gottesbeweis und historischen Hintergründen hat Rolf Schönberger geschrieben, Professor für Philosophie an der Universität Regensburg. Er beschreibt detailliert den Gottesbeweis Anselms und dessen Kritik durch Thomas von Aquin. Auch die durch Absurdität bedrohte Vernunft in der Philosophie Nietzsches wird in ihrer Problematik analysiert und durch den Gottesbeweis Spaemanns überführt. Schönberger zeigt überzeugend, wie der von Spaemann bewiesene Gottesbeweis aufzufassen ist: „Der ontologische Status dieser ewigen Wahrheiten besteht weder in einer Wirkung noch im Erinnertwerden, sondern im Gewusstwerden. Er ist somit einem absoluten Bewusstsein, also Gott, gegenwärtig.“

[Robert Spaemann: Der letzte Gottesbeweis. Kommentiert von Rolf Schönberger: Gott denken. Pattloch Verlag, München 2007, 127 Seiten, ISBN 978-3-629- 02178-6, EUR 12,90; © Die Tagespost vom 6. Oktober 2007]