Origenes: Von den Prinzipien. Freie Vernunftwesen

Von Theo Kobusch

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WÜRZBURG, 17. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Was der heilige Augustinus für den Westen ist, das ist Origenes für den Osten: ein christlicher Philosoph von besonderem Rang und Einfluss. Und dies, obwohl er bei den Streitigkeiten im 4. und 6. Jahrhundert, bei denen ihm fälschlicherweise Irrlehren in die Schuhe geschoben wurden, mehr als einen Rufmord zu erleiden hatte. Und noch Johannes Eck, der Gegner Luthers, hat gesagt: Eine Seite des Origenes ist mir lieber als zehn des Augustinus.



Origenes wurde um 185 in Alexandrien geboren. Zusammen mit Plotin, dem großen Neuplatoniker, genoss er den philosophischen Unterricht bei Ammonios Sakkas. In Alexandrien übernahm Origenes später die Leitung der dortigen Katechetenschule, in der die christliche Lehre nach Art der antiken Philosophie vermittelt wurde. Origenes war einer der produktivsten Autoren der gesamten Antike. Er soll über 600 Werke verfasst haben. Zu den wichtigsten gehören Kommentare zu vielen Schriften des Alten und Neuen Testamentes, die von Rufin (von Aquileia) im 4. Jahrhundert übersetzt und so dem lateinischen Westen zugänglich gemacht wurden. Die beiden wichtigsten Werke sind zweifellos „Contra Celsum“, eine auf philosophischer Basis geführte Verteidigung der christlichen Lehre gegenüber dem Platoniker Celsus, und „De Principiis“, eine Schrift über die Grundlagen der christlichen Philosophie.

Die Spuren der antiken Philosophie, namentlich Platons und der Stoiker, sind bei Origenes überall zu entdecken. In der Gotteslehre, in der Seelenlehre, auch in der Präexistenzlehre, in der Christologie und Trinitätslehre – überall begegnet man wohlbekannten Lehrstücken antiker Philosophen. Das nimmt nicht weiter wunder, weil Origenes die christliche Lehre selbst als eine Form, die höchste Form der Philosophie, verstanden hat. Jedenfalls wird man bei ihm, wie in der gesamten Patristik, vergeblich nach einer von der Philosophie unterschiedenen Theologie suchen.

Was jedoch aller antiken vorchristlichen Philosophie widerspricht und ein schlechthin Neues darstellt, das ist Origenes Freiheitslehre. Und dies, obwohl er selbst nie den Anspruch erhebt, ein ganz Neues lehren, sondern nur die alte Wahrheit in neuem Glanz erscheinen lassen zu wollen. Das vorher nie Gehörte tut sich schon durch einen bis dahin nicht belegbaren begrifflichen Gegensatz kund, nämlich den zwischen dem Wesen oder der Natur einerseits und der Freiheit andererseits. Ging die antike vorchristliche Philosophie stets von dem festumrissenen Wesen eines Dinges aus, seiner „Natur“, dem, wie im Falle des Menschen der Wille und damit die Freiheit zukommen kann, so kehrt Origenes dieses Abhängigkeitsverhältnis um: Es ist die Freiheit, die das Wesen bestimmt und nicht umgekehrt. Um zu verstehen, was Origenes damit eigentlich meint, muss man den Gegner kennen. Denn große Thesen haben immer große Gegner. Der Gegner ist die philosophische Richtung der Gnosis. Die Gnostiker gingen davon aus, dass alles, was ist, in Form eines Prinzips oder eines deutlich umschreibbaren Wesens vorhanden sei, so auch das Böse.

Deswegen verbindet man im Allgemeinen mit dieser philosophischen Richtung den Gedanken des Dualismus. Origenes stellt dieser Wesenslehre oder „Natur“-Theorie seine Freiheitslehre gegenüber. Das Böse ist kein festes Wesen, sondern das durch den Missbrauch der Freiheit Konstituierte. Aber die Freiheitslehre des Origenes ist nicht nur eine Lehre vom Bösen. Vielmehr besagt sie zuletzt, dass alles, was ist, auf die Freiheit der Vernunftwesen zurückzuführen ist. Es war also nicht der göttliche Schöpfer, der die Verschiedenheit in der Welt der Vernunftwesen hervorgebracht hätte. Vielmehr hat er nur die „eine Natur“ geschaffen, die sich dann aus freien Stücken selbst differenziert hat. Und da der Schöpfer auch die übrige Welt nicht nach Belieben, sondern aufgrund der Verdienste der Vernunftwesen – auch in einem früheren Leben! – eingerichtet hat, beruht letztlich alle Verschiedenheit in der Welt auf der Freiheit der geschaffenen Vernunftwesen.

Gregor von Nyssa, der bedeutende Kirchenvater des 4. Jahrhunderts, hat die Grundidee des Origenes in einem Satz präzis zusammengefasst: „Und wir sind gewissermaßen die Väter unserer selbst, indem wir uns selbst als die hervorbringen, die wir sein wollen, und durch unseren Willen uns nach dem Modell bilden, welches wir wollen“. Man hat nicht ganz zu Unrecht behauptet, hier höre man den Sartre der christlichen Antike – wenn das denn ein Ehrentitel ist.

Aus diesen prinzipiellen Erwägungen heraus hat Origenes die platonische, wörtlich verstandene Lehre von der Seelenwanderung in Tierkörper abgelehnt. Was Platon meinte mit der Vertierung des Menschen, ist dies, dass er, wenn er sich bloßen Naturantrieben überlässt, zum Tier werden kann. Es ist interessant, dass diese Metaphorisierung der platonischen Lehre bald schon im Platonismus selbst übernommen wurde.

Berühmt geworden ist Origenes vor allem durch seine Lehre von der Apokatastasis panton, also vom universellen Heil. Origenes hat sie nicht als Dogma verkündet. Auch sie hängt mit der Freiheitslehre zusammen. Wenn der Mensch und alle Vernunftwesen sich auch vor Gott frei wissen dürfen, dann ist nicht denkbar, dass am Ende aller Tage von diesem Gott die Apokatastasis aller Dinge auch gegen den Willen Einzelner hergestellt wird. Und doch bleibt das „himmlische Jerusalem“, das „Paradies der Freiheit“, wie Origenes sagt, der Gegenstand des vernünftigen Wollens. Also kann die Apokatastasis aller Dinge für Origenes nichts anderes sein als eine – mit den Worten Platons im Phaidon – „große Hoffnung“.

Große Thesen haben auch große Wirkungen. Die Geschichte der Wirkung des Origenes ist noch nicht geschrieben. Der Grundgedanke seiner Freiheitslehre aber begegnet uns wieder bei Giovanni Pico della Mirandola, dessen „Rede über die Menschenwürde“ deswegen schon voreilig als Beginn des neuzeitlichen Philosophierens gefeiert wurde. Da spricht der Schöpfer zu Adam: Du sollst Deine Natur ohne Beschränkung nach deinem freien Ermessen ... selbst bestimmen. Ich habe dich nicht himmlisch noch irdisch, nicht sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du dich frei aus eigener Macht, selbst modellierend und bearbeitend zu der von dir gewollten Form ausbilden kannst. Du kannst ins Untere, zum Tierischen entarten; du kannst, wenn du willst, in die Höhe, ins Göttliche wiedergeboren werden.

[Origenes: Von den Prinzipien. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, 888 Seiten, ISBN-13: 978-3534005- 932, EUR 118,–; Teil 7 der Serie „50 Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 12. Januar 2008]