Originell oder original: eine kunsthistorische Betrachtung [Teil 2]

Rodolfo Papa, Dozent für Geschichte der Ästhetik an der päpstlichen Universität Urbaniana, über das Neue in der Kunst

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Von Rodolfo Papa

ROM, 24. September 2012 (ZENIT.org). - Im ersten Teil dieser Betrachtung haben wir festgestellt, dass der übermäßige Gebrauch des Fortschrittbegriffs als Wertkriterium in der Kunstgeschichte zu einem missverständlichen Gebrauch des Attributs „originell“ geführt hat, wobei das verwandte, aber doch verschiedene Attribut „original“ aus den Augen verloren wurde.

Wir haben auch gesehen, dass es historisch nicht korrekt ist, die abstrakte Kunst als eine Weiterentwicklung der darstellenden Künste zu betrachten: Anhand des Beispiels der Veränderungen in der antiken italischen Kunst haben wir festgestellt, dass die Entwicklung eines Kunstsystems anderen Gesetzen gehorcht, als dem einer simplen „Evolution“.

Sehr treffende Überlegungen zu diesem Thema findet man auch in der Analyse, die die italienische Anthropologin Cecilia Gatto Trocchi vom Symbolismus macht. Gatto Trocchi wiederlegt zuerst die „willkürlichen Erklärungsversuche […], die der Fantasie von Forschern entspringen, die innerhalb der Grenzen eines wissenschaftlichen Rationalismus verfangen bleiben“ [1] und geht dann dazu über, die Komplexität des Symbolismus außereuropäischer Kulturen und zum Teil auch der steinzeitlichen Kulturen Europas aufzuzeigen, wobei sie zu dem Schluss kommt, dass die symbolische Kunst ein von der realistischen Kunst unabhängiges und paralleles System bildet: „Die symbolische Kunst ist nicht die Vorstufe der realistischen; beide bringen auf unterschiedliche Weise sinnvolle Bedeutungen und in sich vollkommene Gedanken zum Ausdruck“ [2]. Es gibt daher in der Geschichte der Künste keinen Fortschritt „zum Besseren“; stattdessen ist es möglich, eine Geschichte der Weltanschauungen zu rekonstruieren, die in den zu jeder Zeit verfügbaren Formen zum Ausdruck kommen.

Wer die Beziehungen zwischen abstrakt-geometrischen und naturalistisch-figürlichen Darstellungen besser verstehen will, dem empfiehlt sich ein Vergleich zwischen den verschiedenen Keramikstilen der kretisch-minoischen Kultur: von den geometrischen Abstraktionen des alten „Kamares-Stils“ bis zu den Keramiken des „Neuen Stils“ [3] mit ihren naturalistischen Darstellungen der Meereswelt, ihren Kraken und Fischen. Man wird dabei feststellen, dass die Abstraktion hier älter ist als die figürlichen Darstellungen, was jedoch weder einen Fortschritt noch eine Involution anzeigt.

Wir könnten zusammenfassend sagen: In der Kunst existieren die verschiedenen Systeme, wie z.B. das abstrakte, das geometrische und das figürliche, gleichzeitig und nebeneinander und sind von Anbeginn möglich, werden aber von den verschiedenen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weise konkretisiert, den künstlerischen Bedürfnissen der Völker entsprechend.

All dies zeigt uns, dass ein vermeintlicher Fortschritt vom Figürlichen zum Abstrakten Hirngespinst ist (Allenfalls scheint es in allen Kulturen die umgekehrte Tendenz zu geben, d.h. vom Abstrakten zum Figürlichen, wie es alle Kunstgeschichtswerke des 18. und 19. Jahrhunderts behaupten), aber auch, dass jede progressistische Geschichtsbetrachtung Gefahr läuft, am Kern der Dinge vorbeizugehen.

Tatsächlich wäre es falsch, bei einem Vergleich zwischen verschiedenen Kunstsystemen, wie z.B. dem italischen (von der Steinzeit bis zu den Etruskern) und dem griechischen, von Fortschritt zu sprechen. Es handelt sich um voneinander unabhängige Systeme, die man in einem gewissen Sinn gar nicht miteinander vergleichen kann; Vergleiche und Entwicklungslinien ergeben nur dann einen Sinn, wenn man sie innerhalb eines selben Kunstsystems zieht.

Bestimmte Weltanschauungen führen zu gewissen Ausdrucksformen, und manche Ausdrucksformen sind mit einigen Weltanschauungen einfach unvereinbar: Kunst kann nicht alles bedeuten, weil sie sonst neutral wäre; stattdessen sind die Kunstwerke dazu da, gewisse Botschaften zu vermitteln und andere auszuschließen.

Innerhalb der Künste erfolgt die Entwicklung in Technik, Theorie, Formsprache und Ikonografie eher durch Berührung, Rückbesinnung und Auslese als durch Bruch und Revolution. Kunst funktioniert so ähnlich wie eine Erzählung, die von Mund zu Mund weitergegeben wird und dabei bei jeder Wiedergabe etwas verliert und etwas anderes hinzugewinnt; etwas Neues kommt hinzu und verändert manche Aspekte des Alten, während andere Aspekte beibehalten werden [4]; Regeln werden verstanden oder missverstanden, und ein oft wiederholter Regelbruch wird seinerseits zur neuen Regel, die einige Zeit später überholt und wieder zum Fehler wird. Die Entwicklung der Kunst lässt sich, um eine der Geometrie entnommene Metapher zu benutzen, nicht mit einer Spirale vergleichen, was obligatorische Zyklen von Fortschritt und Krise bedeuten würde; auch nicht mit einer Geraden, was anhaltend Fortschritt bedeuten würde; und auch nicht mit einer Ansammlung voneinander losgelöster Punkte, als ob alles gleichwertig wäre; sondern am ehesten mit einer unregelmäßig verlaufenden Kurve, die alle aus Neuerungen und Kontinuität bestehenden Lebensbewegungen der Kunst nachzeichnet.

Jede echte Innovation ruht nämlich auf der Tradition, wie Papst Stephan I. schrieb: „Nihil innovetur nisi quod traditum est“ [5]. Innovation und Tradition sind ein begriffliches Paar und benötigen sich gegenseitig, um auf korrekte Weise verstanden zu werden.

Benedikt XVI. führte mit Bezug auf die Interpretationen des Zweiten Vatikanischen Konzils den Begriff der „Hermeneutik der Kontinuität“ ein, der mit Erfolg auch auf die Kunstgeschichte angewendet werden könnte.

Kunst wächst - wie alle Werke des menschlichen Geistes - nicht auf mechanische Weise und leidet nicht unter dem obsessiven Druck der Suche nach dem immer Neuen; sie versucht vielmehr, sich selbst immer zu verbessern. Benedikt XVI. schreibt: „Im Unterschied zu dem, was im Bereich der Technik und der Wirtschaft geschieht, wo die neuen Errungenschaften sich zu denen der Vergangenheit summieren können, gibt es eine solche Möglichkeit zur Ansammlung in der moralischen Bildung und Entwicklung der Menschen nicht, weil die Freiheit des Menschen immer neu bleibt und daher jeder Einzelne und jede Generation aufs Neue ihre eigenen Entscheidungen treffen muss. Selbst die höchsten Werte der Vergangenheit kann man nicht einfach erben; man muss sie sich aneignen und durch eine oft schmerzliche persönliche Auswahl erneuern“ [6].

Wachstum in den Künsten bedeutet eine Aneignung der Traditionen der Vergangenheit und eine Erneuerung, und beides muss vom Künstler persönlich vollzogen werden. Alle großen Künstler haben immer geraten, man solle von den Meistern der Vergangenheit lernen, bevor man die eigenen Neuerungen vollzieht. Man beginnt, indem man die großen Werke imitiert; erst, wenn man deren Sprache erlernt hat, kann man selbstständig sprechen und neue Wörter hinzuerfinden. Man denke nur an das Verhältnis der Kontinuität und zugleich der Weiterentwicklung, das zwischen Michelangelo und Caravaggio besteht: die Kunst des alten Meisters wird vom jüngeren wiedererlebt und neuverarbeitet, mit Respekt und Mut zugleich [7].

Leonardo da Vinci drückte es so aus: „Traurig ist es, wenn ein Schüler seinen Meister nicht übertrifft.“ Damit betonte er die Bedeutung der Kontinuität zwischen Meister und Schüler; wer die Kunst erlernt muss immer versuchen, den Weg seines Meisters weiter zu beschreiten, als dieser gekommen ist. Das ist der wahre „Fortschritt“.

Die Kunst hat also immer schon, seit ihren Ursprüngen in der Steinzeit, die Möglichkeit besessen, sich in verschiedenen Formen und „Kunstsystemen“ zu äußern.
(Ende)

[Den ersten Teil finden Sie hier]

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[1]  C. Gatto Trocchi, Le Muse in azione, S. 160.
[2]  Ebd., S. 166.
[3]  Zum Beispiel: Vase im Kamares-Stil, 20.-19. Jahrhundert v.Chr.; bemalte Keramik, Heraklion (Kreta), Archäologisches Museum; Amphore mit “Krakenmotiv”, etwa 1500 v.Chr.; bemalte Keramik, Heraklion (Kreta), Archäologisches Museum.
[4]  Vgl. A. Bloom, L’angoscia dell’influenza. Una teoria della poesia [1975], italienische Ausgabe, Feltrinelli, Milano 1983.
[5]  Stephan I., Brief an Cyprian von Karthago (De Baptismo haereticorum) aus dem Jahr 256.
[6]  Benedikt XVI., Brief an die Diözese und an die Stadt Rom über die dringende Aufgabe der Erziehung, 21. Januar 2008.
[7]  Vgl. R. Papa, Da Michelangelo a Michelangelo. Il ciclo di San Matteo di Caravaggio, “ArteDossier”, Nr. 127, Oktober 1997, S. 22-26.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]