Orthodoxe und Katholiken: Schlussdokument von Ravenna ist „bescheidener erster Schritt“

Kardinal Kasper: „Der Bischof von Rom ist der erste (protos), darüber besteht kein Zweifel“

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ROM, 15. November 2007 (ZENIT.org).- Heute wurde vom Heiligen Stuhl das offizielle Schlussdokument der Vollversammlung der Gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen in Ravenna (8. - 14. Oktober 2007) veröffentlicht. Das Dokument trägt den Titel: „Die ekklesiologischen und kanonischen Folgen des sakramentalen Wesens der Kirche. Kirchliche Gemeinschaft, Konziliarität und Autorität“.



Der offizielle Text des Dokuments ist in englischer Sprache verfasst. Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen besorgte eine italienische Übersetzung.

Wie der Rat in der Präambel zur italienischen Übersetzung erklärt, handelt es sich um ein einstimmig von der Kommission approbiertes Dokument. Als solches ist es „Ausdruck einer Kommission, und darf nicht als eine lehramtliche Erklärung verstanden werden“.

Der Rat hatte das Dokument bereits gestern, Mittwoch, ins Netz gestellt. Ursprünglich war eine Veröffentlichung zu einem späteren Zeitpunkt geplant gewesen. Die russisch-orthodoxe Kirche jedoch hatte den Text bereits am 27. Oktober auf ihrer europäischen Internetseite (http://orthodoxeurope.org/) vorgestellt, obwohl das Moskauer Patriarchat seine Delegation aufgrund von Divergenzen mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel einen Tag nach Beginn der Sitzung der Kommission zurückgerufen hatte.

Das Patriarchat von Moskau und ganz Russland merkte in einer Note an, dass der Text „Behauptungen beinhaltet (vor allem im Paragraphen 39), die von der Delegation des Moskauer Patriarchats im Jahr 2006 in Belgrad kritisiert worden sind“. Und weiter heißt es: „Das Patriarchat von Moskau wird das Ravenna-Dokument analysieren und zu gegebener Zeit seine Schlussfolgerungen vorlegen.“

Das Patriarchat von Konstantinopel steht bei der Arbeit für die volle Einheit zwischen den orthodoxen Ostkirchen und der Römischen Kirche an vorderster Front. Dazu trägt unter anderem auch das gute und privilegierte Verhältnis zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und Papst Benedikt XVI. bei. Das Ökumenische Patriarchat nimmt den Ehrenvorsitz unter den orthodoxen Schwesterkirchen ein. Das Moskauer Patriarchat hingegen strebt, gestärkt durch die große Anzahl der ihm angehörenden Christen, einen größeren Einfluss an.

Das in 46 Paragraphen gegliederte Dokument von Ravenna stellt einen weiteren Schritt zur Annäherung der Kirche von Rom und den orthodoxen Kirchen dar. Es analysiert die Frage des Primats der Kirche von Rom und des Römischen Papstes und überlässt der nächsten Sitzung der gemischten Kommission (2008/2009) die Vertiefung dieser Problematik, die die Kernfrage der Trennung zwischen Rom und den orthodoxen Kirchen darstellt.

In einem Interview mit „Radio Vatikan“ kommentierte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, das Ravenna-Dokument. Kasper erklärte, dass dieses Dokument „von der Spannung zwischen Autorität und Konziliarität, das heißt Synodalität, auf lokaler, regionaler und universaler Ebene handelt“. Der wichtige Fortschritt bestehe darin, dass die orthodoxen Kirchen zum ersten Mal die Frage, ob es eine universale Ebene der Kirche und auch eine universale Ebene der Konziliarität, der Synoldalität und der Autorität gebe, bejaht hat. „Die bedeutet, dass es auch einen Primat gibt: Entsprechend der Praxis der antiken Kirche ist der Bischof von Rom der erste, darüber besteht kein Zweifel.“

Es sei während der Sitzung der Kommission allerdings nicht über die Privilegien des Bischofs von Rom gesprochen worden; man habe nur die Leitlinien der zukünftigen Gespräche festgelegt. „Dieses Dokument“, so Kasper weiter, „ist ein bescheidener erster Schritt und gibt als solcher Anlass zur Hoffnung. Wir dürfen allerdings seine Bedeutung nicht übertreiben.“

Die nächsten Arbeiten der Kommission seien der Rolle des Bischofs von Rom in der universalen Kirche des ersten Jahrtausends gewidmet. Danach stünde die Auseinandersetzung mit dem zweiten Jahrtausend, mit dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil an, was laut Kasper Kasper nicht einfach sein werde: „Der Weg ist sehr lang und schwierig. Dieses Dokument aber gibt uns Hoffnung. Wir haben einen ersten wichtigen Schritt erreicht.“

Zum Rückzug der russisch-orthodoxen Delegation von der Sitzung der Kommission merkte Kardinal Kasper an, dass es sich dabei um ein innerorthodoxes Problem gehandelt habe, das die Anerkennung der autonomen Kirche von Estland betraf. In dieser Frage sei es seitens der Römischen Kirche nicht möglich gewesen einzuschreiten. „Wir sind nur traurig und besorgt, weil es für uns wichtig ist, dass die russisch-orthodoxe Kirche auch künftig am Dialog teilnimmt.“ Aus diesem Grund wolle die Römische Kirche Moskau und Konstantinopel bitten, ihr Bestes zu tun, um eine Lösung, einen Kompromiss zu finden. Dies könne sowohl auf bilateraler als auch auf panorthodoxer Ebene geschehen.

„Es besteht kein Zweifel“, so Kasper, „dass wir die Teilnahme der russisch-orthodoxen Kirche wünschen. Sie ist eine sehr wichtige Kirche. Wir wollen keinen Dialog ohne die Russen führen, und dafür arbeiten wir.“